Griechenland: Neun Festnahmen nach Bootsunglück
Nach dem Untergang eines Bootes im Mittelmeer mit mindestens 78 Toten hat die griechische Küstenwache neun Überlebende festgenommen. Sie sollen als Schleuser agiert haben. Wie der staatliche Rundfunk (ERT) am Donnerstagabend berichtete, wird den aus Ägypten stammenden Männern unter anderem die Bildung einer kriminellen Organisation vorgeworfen. Sie sollen dem Staatsanwalt der Hafenstadt Kalamata vorgeführt werden. Dieser werde entscheiden, wie es weitergehe, hieß es.
Es wird befürchtet, dass beim Untergang des Fischkutters am Mittwoch rund 50 Seemeilen südwestlich der griechischen Halbinsel Peloponnes Hunderte Migranten ums Leben gekommen sind. Die Küstenwache konnte 104 Menschen retten. Die Befragung der Überlebenden durch Ermittler der Küstenwache dauerte am Donnerstagabend an. Nach neuesten Erkenntnissen der Behörde sei der Fischkutter vor einigen Tagen aus Ägypten gestartet, habe dann einen Stopp im libyschen Tobruk gemacht und weitere Menschen aufgenommen. Danach nahmen die Schleuser Kurs auf Italien.
Bis zum Freitag sollen die Überlebenden in ein Flüchtlingslager nahe Athen gebracht werden. Die meisten Passagiere stammen laut Küstenwache aus Syrien, Afghanistan und Pakistan. Die geborgenen Toten wurden bereits im Laufe des Donnerstags nach Athen gebracht, wo versucht werden soll, die Leichen unter anderem mithilfe von DNA-Proben zu identifizieren.
»Die EU bringt Menschen um«
In Griechenland protestierten am Donnerstag zahlreiche Menschen gegen die EU-Migrationspolitik. Demonstrationen gab es am Abend etwa in der Hauptstadt Athen und in der Hafenstadt Thessaloniki. »Die EU bringt Menschen um«, hieß es auf Transparenten, wie Reporter vor Ort berichteten. Zu den Protesten hatten die Kommunistische Partei Griechenlands (KKE) und mehrere linksgerichtete Studierenden- und Gewerkschaftsorganisationen sowie Parteien der außerparlamentarischen Linken aufgerufen.
Im Hafen von Kalamata trafen am Donnerstag aus anderen Staaten Europas Verwandte der Vermissten ein. Sie versuchten von den Behörden und den Überlebenden etwas über das Schicksal ihrer Angehörigen zu erfahren, berichteten Reporter vor Ort.
Scholz und Faeser bestürzt
Bundeskanzler Olaf Scholz zeigte sich nach dem Untergang des Bootes bestürzt über die vielen Opfer. »Das ist bedrückend und ruft uns alle mal mehr dazu auf, alles dafür zu tun, dass Menschen nicht diese gefährlichen Fluchtrouten wählen«, sagte der SPD-Politiker am Donnerstag nach der Ministerpräsidentenkonferenz in Berlin. Er wünsche sich eine Lösung mithilfe eines gemeinsamen und solidarischen »Systems des Umgangs« mit der Migration in Europa.
Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) bezog am Donnerstagnachmittag Stellung: »Wir dürfen angesichts dieser Not nicht abstumpfen, sondern müssen beharrlich weiter daran arbeiten, legale Migrationswege zu schaffen und Migrationsabkommen zu schließen, die Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit achten«, sagte sie. Wenn Menschen nach klaren Kriterien nach Deutschland kämen, zerstöre das auch das Geschäftsmodell der Schleuser.

