Icon: vergrößernBetont nüchtern: Kanzlerin Merkel und Armin Laschet vor dem Unesco-Weltkulturerbe Zeche Zollverein
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Es dauert 17 Minuten, bis die Frage nach ihrer Nachfolge kommt.
Düsseldorf am Dienstagnachmittag, im obersten Stockwerk des Ständehauses, dem früheren Sitz des Landtags, knallt die Sonne durch das Glasdach. Angela Merkel muss erst ein paar Mal blinzeln zu Beginn der Pressekonferenz mit ihrem Gastgeber Armin Laschet, so hell ist es. Schräg über Merkel hängt ein riesiger silberner Ball, gehalten von einer Netzkonstruktion, inzwischen ist das hier nämlich ein renommiertes Museum für moderne Kunst.
Zunächst spricht Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident, erzählt von der Sitzung seines Kabinetts mit Merkel, die unten im Atrium des Ständehauses stattfand. Natürlich mit Abstand. Und natürlich ging es erst mal um Corona. Laschet lobt die Kanzlerin für ihr Vorgehen, anschließend habe man über die laufende deutsche EU-Ratspräsidentschaft gesprochen, berichtet er, auch dafür bekommt die CDU-Politikerin anerkennende Worte von ihrem Parteifreund.
Auch Merkel spricht anschließend viel über Corona, die schwierige Balance zwischen Einschränken und Offenhalten, vor allem mit Blick auf die Wirtschaft, Schulen und Kitas. Und das Lob gibt sie interessanterweise direkt zurück an ihren Gastgeber, mit dem sie in der Vergangenheit nicht immer einig war im Kampf gegen die Pandemie.
Laschet agierte in der Coronakrise zeitweise weder souverän noch glücklich, seine Umfragewerte stürzten ab. Nun hat er zur Wiedereröffnung der Schulen in seinem Bundesland eine Maskenpflicht ab der fünften Klasse angeordnet, das findet Merkel jedenfalls gut.
Aber sieht sie Laschet auch als geeigneten Nachfolger im Kanzleramt? Bei der Frage muss Merkel erst mal ein bisschen schmunzeln unter dem heißen Glasdach, Laschet noch viel mehr.
Dabei geht es neben Corona, der Europapolitik und der Frage, wie man mehr aus dem Ruhrgebiet machen kann – das ist Thema beim zweiten Teil des Merkel-Besuchs in Essen -, auch genau darum. Da können Gast und Gastgeber noch so sehr tun, als sei das ein ganz normaler Arbeitsbesuch.
Vor ein paar Wochen war Merkel der Einladung des derzeit hoch gehandelten bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder gefolgt, nun besucht sie dessen Amtskollegen in Nordrhein-Westfalen. Die Kanzlerin schaut mit einer Mischung aus Verwundung und Amüsement auf die Interpretationen ihrer Reisetätigkeit: Dass sie zunächst Söder traf und erst jetzt Laschet und sich zudem auf das opulente Programm in Oberbayern einließ, wertete mancher als Ausdruck von Merkels Präferenz im Rennen um ihre Nachfolge. Andererseits ist die Kanzlerin lange genug im Geschäft, um die Fantasie der politischen Beobachter zu kennen. Sie spielt also auch ein bisschen mit.
Was Merkel schließlich auf die Frage nach der Kanzlerfähigkeit Laschets antwortet, nachdem sie zunächst erneut betont hat, sich in die Debatte nicht einmischen zu wollen, ist konsequenterweise keine direkte Empfehlung. Aber Laschet wird dennoch gern hören, was die Kanzlerin über ihn sagt. "Als Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen bringt er viele Qualifikationen mit sich." Und dann fügt sie hinzu: "Wenn Sie das größte Bundesland der Bundesrepublik Deutschland regieren, in einer Koalition CDU-FDP, die effizient arbeitet, die nicht durch besonders viel Streitereien auffällt, dann ist das zumindest ein Rüstzeug, das durchaus Gewicht hat." Merkel wird ihn später auch noch loben für seine jüngste Reise in ein Flüchtlingslager in Griechenland.
Laschet kann zufrieden sein mit dem Besuch der Regierungschefin. Dass der Tag auf Herrenchiemsee vor gut einem Monat maximal pompös ablief, während man die Kanzlerin im Westen der Republik ziemlich nüchtern empfängt? "Glücklicherweise bin ich ein Mensch, der sich an ganz verschiedenen Dingen freuen kann", sagt Merkel. Auch das passt also aus ihrer Sicht.
Eine gemeinsame Rheinschifffahrt, ein Treffen in der prachtvollen Villa Hügel – Laschet und seine Leute hätten natürlich mehr an Kulisse aufbieten können als das Ständehaus sowie die Zeche Zollverein im Herzen des Ruhrgebiets. Aber man hat sich bewusst gegen einen Bilder-Wettbewerb mit PR-Profi Söder entschieden, so bodenständig wie möglich sollte es beim Besuch der Kanzlerin tief im Westen zugehen.
Malocher gegen Traumtänzer
Malocher Laschet gegen den Traumtänzer Söder (der sich passenderweise vergangene Woche mit seinen Autobahn-Corona-Tests verhoben hat) – so könnte man das indirekte, über fünf Wochen gestreckte Duell beschreiben.
Wobei Laschet ja nicht müde wird, jegliche Animosität wie Konkurrenzsituation zu Söder wegzureden. Der Bayer, so stellt er es dar, ist ein geschätzter Ministerpräsidenten-Kollege. Mehr nicht. Das Umfragehoch für Söder? Unerheblich. Der CSU-Chef wiederum hat in den vergangenen Monaten so oft "Mein Platz ist in Bayern" gesagt, dass er die Landesgrenzen des Freistaats eigentlich auf Jahre nicht mehr verlassen dürfte. Aber Franz Josef Strauß hat ja auch einst erklärt, er wolle eher in Alaska Ananas züchten, als Kanzler zu werden – um 1980 als Unionskanzlerkandidat ins Rennen zu gehen.
In Wahrheit ist alles offen – selbst der für Dezember geplante CDU-Parteitag wackelt, auf dem endlich ein neuer Vorsitzender gewählt werden soll und sich mit dem früheren Unionsfraktionschef Friedrich Merz ein ernsthafter Konkurrent für Laschet bewirbt. Das dürfte Merkel, viele Jahre die Nummer eins der Union, am besten wissen. Sie hat ja selbst mehr als einmal in ihrer Karriere erlebt, wie rasch sich Dinge ändern können in der Politik, welche Dynamik bestimmte Ereignisse plötzlich auslösen, wie eng mitunter Triumph und Niederlage beieinanderliegen. Das gilt erst recht, solange Corona Deutschland und die Welt unter Dauerstress setzt.
Von Düsseldorf nach Essen flitzen Laschet und Merkel gemeinsam in der Kolonne. Auf dem Gelände der Zeche Zollverein, früher die weltgrößte ihrer Art, heute immerhin Unesco-Weltkulturerbe, kommt dann zwar nicht Herbert Grönemeyer vorbei und trällert "Tief im Westen", aber ein buntes Graffiti begrüßt die Kanzlerin im schönsten Ruhrgebiets-Slang mit "Hömma, schön datte hier bist!!!".
Außerdem darf die Kanzlerin ein Geschenk mit zurück nach Berlin nehmen, mit dem sie Laschet und seine Leute dem Vernehmen nach überrascht und ihr gleichzeitig eine echte Freude gemacht haben: eine Luftaufnahme von Merkels Heimatstadt Templin in der Uckermark von 1929. Die haben sie im NRW-Landesarchiv aufgetan.
Von Bayerns Ministerpräsident Söder gab es für Merkel Mitte Juli am Chiemsee nur drei Corona-Masken, jeweils das Modell Bayern, Deutschland und Europa.
Ihre Begeisterung darüber hielt sich in Grenzen. Und sie hat auch keine davon aufgesetzt.
Icon: Der Spiegel
