News des Tages: Die Linke, Barbie und Corona, Fußball
Im August geht die Lage am Abend auf Weltreise: SPIEGEL-Korrespondentinnen und -Reporter berichten aus den Metropolen und entlegenen Ecken Asiens, Afrikas, Amerikas und Europas. Und natürlich bekommen Sie hier auch weiterhin Ihr Nachrichten-Briefing: News, Meinung, Stories – alles, was am Tag wirklich wichtig ist.
1. Ausstieg links
Braucht es in Deutschland eigentlich noch eine linke Partei? Die Linke selbst scheint darauf eine überraschende Antwort zu haben: eher nicht. Anders jedenfalls ist die Selbstentleibungsorgie, mit der die (noch) kleinste Fraktion im Deutschen Bundestag zuletzt immer wieder Schlagzeilen machte, kaum noch zu erklären. Jüngstes Beispiel: der angekündigte Rückzug von Langzeit-Fraktionschef Dietmar Bartsch, der Ende August Schluss machen will. Selbiges hatte kürzlich erst seine Co-Vorsitzende Amira Mohamed Ali angekündigt, wenn auch aus gänzlich anderen Gründen. Die Existenzkrise der Partei hat sich damit noch einmal deutlich verschärft.
Mein Kollege Timo Lehmann blickt aus gegebenem Anlass hinter die Kulissen eines nahezu beispiellosen politischen Trauerspiels. Wie Timo schreibt, hätte der umstrittene Bartsch zwar gute Chancen auf eine Wiederwahl gehabt, das aber womöglich nur peinlich knapp. Auch deshalb habe er sich für den Rückzug entschieden. Der Fraktion drohe damit nun entweder Pest oder Cholera. Entweder gründe Sahra Wagenknecht – worüber seit vielen Monaten spekuliert wird – eine neue Partei und nehme mehrere ihrer Gefolgsleute mit. Oder es kommt im pannenerprobten Berlin tatsächlich zu einer Wiederholung der Bundestagswahl. Dann spräche vieles dafür, dass Gesine Lötzsch ihr Direktmandat in der Hauptstadt verlieren könnte. Das Ergebnis wäre in beiden Fällen dasselbe: Die Linke wäre ihren Fraktionsstatus im Bundestag los und dort nur noch als Gruppe vertreten. Aber wer weiß, wie lange noch?
Alles andere als schöne Aussichten für das einstmals so ambitionierte Projekt, sagt Timo: »Die Linksfraktion dürfte Geschichte sein. Wenn der geplante Neuanfang der Parteiführung schiefgehen sollte, wird die Linke in der Versenkung verschwinden.«
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Lesen Sie hier mehr: Diese zwei Endzeit-Szenarien kursieren jetzt bei den Linken
2. Schon wieder »Barbie« – diesmal infektiös
Ja, zugegeben, über »Barbie« ist in den vergangenen Wochen im Prinzip alles Berichtenswerte und weniger Berichtenswerte geschrieben worden. Aber das hier noch nicht: Wie meine Kolleginnen Julia Koch und Julia Köppe heute berichten , gibt es inzwischen Wissenschaftler, die vor möglichen Gesundheitsfolgen allzu üppigen Blockbusterkonsums warnen. Und damit sind ausdrücklich nicht die Auswirkungen der Farbe Pink auf unsere Augenzapfen gemeint. Es geht stattdessen um Covid – erinnert sich noch jemand?
Es gebe Anzeichen dafür, dass der Doppelstart von »Barbie« und »Oppenheimer« in den bundesweiten Kinosälen zuletzt zu einem Anstieg der Infektionszahlen in Deutschland beigetragen habe, schreiben Julia und Julia. Manche Wissenschaftler sähen bereits einen »Barbenheimer-Effekt«, einer habe jüngst vor einer »Post-Barbie oder Post-Oppie-Welle« gewarnt und Kinogängern zum Tragen einer – natürlich pinkfarbenen – FFP2-Maske geraten.
Tatsächlich sprechen einige Indizien dafür, dass das Virus gerade wieder dabei ist, sich zurückzumelden. So seien zuletzt deutlich mehr Menschen in Arztpraxen und Krankenhäusern wegen Atemwegserkrankungen behandelt worden. Auch hätten Kommunen in Abwässern eine steigende Viruslast festgestellt. Das schlechte Wetter der letzten Wochen trieb zudem die Massen in die Kinosäle. Und dort infizierten sich offenbar manche Zuschauer auch mit der neuen Virusvariante Eris.
Für Alarmismus bestehe derzeit dennoch kein Grund, erzählte mir meine Kollegin Julia Koch: »Niemand muss sich im Moment wegen der neuen Variante Sorgen machen oder auf Kinobesuche verzichten.« Es gebe keine Anzeichen dafür, dass Eris schwerere Krankheitsverläufe hervorrufen könnte als andere Omikron-Subvarianten. Vermutlich im Herbst werde es einen angepassten Impfstoff geben, der nach Ansicht von Virologen auch zur aktuellen Variante passt, so Julia. »Wer zu einer Risikogruppe gehört oder sich einfach sicherer fühlen möchte, sollte sich dann eine Auffrischungsimpfung geben lassen.«
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Lesen Sie hier die ganze Geschichte: Droht jetzt die »Barbenheimer«-Welle?
3. England im Rausch
Hier in London, wo ich seit mehr als sechs Jahren lebe, sieht die Lage heute dagegen ganz anders aus als in Deutschland und im Rest der Welt (von Spanien vielleicht abgesehen). Zur Abwechslung sogar mal sehr viel rosiger. Und das hat nachweislich nichts mit »Barbie« zu tun. Vielmehr steht England nach 57 (!) Jahren endlich wieder im Endspiel einer Fußballweltmeisterschaft. Gut, damals, im Jahr 1966, waren es die Männer – und wir vertiefen an dieser Stelle bitte nicht das Thema Wembley-Tor –, diesmal sind es die Frauen. Aber bei solchen Zeitspannen ist hier wirklich niemand mehr wählerisch, Hauptsache, der Fußball kommt am Sonntag, nach dem Endspiel gegen Spanien, endlich wieder heim.
Wortspielweltmeister sind die völlig ausflippenden britischen Medien schon jetzt. Die Zeitungen von heute sind voll mit »Wonder Woman«, »Golden Girls« und »LionYESses«. Ein Land, das es zuletzt wahrlich nicht leicht hatte, vibriert vor Vorfreude auf die Partie des Jahrzehnts, ach was: des Jahrhunderts. Sogar in Schottland und Wales soll es Menschen geben, die den Engländerinnen alle verfügbaren Daumen drücken.
In Deutschland dürften da momentan viele recht neidisch Richtung Königreich blicken. Hier herrscht ja gerade geschlechterübergreifend die große Fußball-Tristesse. Wie gut, dass am Wochenende wenigstens wieder die Bundesliga losgeht. Und weil die nun auch schon 60 Jahre auf dem Buckel hat, hat mein Sport-Kollege Peter Ahrens den Fernsehmann und Werder-Fan Reinhold Beckmann zu einem sehr launigen, nostalgischen und persönlichen Gespräch gebeten. Darin erzählt Beckmann von Zeiten, in denen Frauen im Stadion mancherorts noch als »Provokation« galten, in denen man andererseits aber mit dem Autogrammbuch in die Umkleidekabine habe rennen können, worauf heute »lebenslanges Stadionverbot« stünde.
Mehrere leibhaftige Engländer kommen in dem SPIEGEL-Gespräch übrigens auch vor, darunter natürlich Harry Kane. Ob der den Bayern noch helfen kann, weiß Beckmann auch nicht. Für die reiche momentan kein Trainer, »die brauchen jetzt einen Therapeuten«.
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Lesen Sie hier das ganze Gespräch mit TV-Moderator Reinhold Beckmann
Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine:
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Die Schlacht, die nicht endet: Im Mai musste sich die ukrainische Armee aus Bachmut zurückziehen. Doch der Kampf um die völlig zerstörte Stadt im Donbass geht weiter – als wichtiger Teil der Gegenoffensive. Ein Frontbesuch bei der 3. Sturmbrigade .
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Warum die »Joseph Schulte« im Hafen von Odessa lag – und wie sie herauskam: Anderthalb Jahre lag das deutsche Containerschiff vor Anker – nun durfte die »Joseph Schulte« die ukrainische Hafenstadt Odessa verlassen. Wieso hat das so lange gedauert? Wie riskant war die Fahrt? Der Überblick.
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Was kann der Raketenschutzschirm Arrow 3 – und wie teuer ist er wirklich? Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat die Bedrohungslage auch für Deutschland geändert. Wie das Raketenabwehrsystem Arrow 3 nun Europa sichern soll und wo die ersten Systeme stationiert werden – der Überblick.
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Ukraine sichert Verzicht auf Einsatz westlicher Waffen in Russland zu: Deutschland zögert mit der Lieferung von Taurus-Marschflugkörpern an die Ukraine, weil diese weit in russisches Gebiet eindringen könnten. Laut Kiews Außenminister Kuleba ist die Sorge jedoch unbegründet.
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Der Westen muss endlich seine Sanktionen ernst nehmen:Der schwache Rubel wird Russlands Wirtschaft nicht in die Knie zwingen. Wichtig wäre, die Sanktionen gegen Moskau auch durchzusetzen .
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Hier finden Sie alle aktuellen Entwicklungen zum Krieg in der Ukraine: Das News-Update
Was heute sonst noch wichtig ist
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Chinas Verteidigungsminister berät in Belarus über stärkere militärische Zusammenarbeit: Belarus und China zählen zu Russlands engsten Verbündeten – und wollen nun stärker kooperieren. Machthaber Lukaschenko stellt bereits ein gemeinsames Manöver in Aussicht – angeblich ohne Gefahr für »Drittstaaten«.
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Schweden erhöht Terrorwarnstufe auf vier von fünf: Die Terrororganisation al-Qaida hat wegen mehrerer Koranverbrennungen zu Anschlägen auf schwedische und dänische Botschaften aufgerufen. Nun warnt der schwedische Geheimdienst offiziell vor Anschlägen im eigenen Land.
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Verdacht der Gruppenvergewaltigung – Polizei nimmt sechs Mallorca-Urlauber fest: Sie sollen eine 18 Jahre alte Frau auf Mallorca zu sechst vergewaltigt haben: Die spanische Polizei ermittelt gegen mehrere Touristen – offenbar gibt es auch ein Video des Geschehens.
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Millionen iPhone-Nutzer können sich auf Geld von Apple freuen: Apple hat bei bestimmten iPhones mit älteren Batterien die Leistung gedrosselt. Jetzt ist das Unternehmen bereit, bis zu 500 Millionen Dollar an die Betroffenen auszuzahlen – aber nicht an alle.
Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen
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Drei gegen China: In Camp David empfängt US-Präsident Biden Japans Premier Kishida und Südkoreas Präsident Yoon. Ziel ist es, Einigkeit gegenüber China und Nordkorea zu demonstrieren. Doch es gibt viel zu klären .
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»Manchmal stehen wir uns in Deutschland selbst im Weg«: »Hang zur Technikfeindlichkeit«, »Schwächen in der Digitalisierung«: Clemens Fuest, Präsident des Ifo-Instituts, sieht große Probleme für die deutsche Wirtschaft. Dennoch werde die Bundesrepublik von vielen Ländern beneidet .
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»Testosteron ist nun mal der wichtigste Faktor«: Sebastian Coe erklärt vor dem Start der Leichtathletik-WM in Budapest, warum er an strengen Regeln für Sportlerinnen festhält – und was hinter der aktuellen Flut an Weltrekorden steckt .
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Intervallfasten vs. Exzess. Oder auch: Wie hole ich das meiste aus meinem Leben raus? Lasse ich das Rauchen, um mir ein paar Jahre zu erkaufen? Esse ich gesund, bevor ich krank werde? Katja Lewina, 38 und unheilbar herzkrank, hat Antworten gefunden. Auch dank eines Käsebrotes .
Was heute weniger wichtig ist
Feines Näschen? Gegen die Nase des Hollywoodschauspielers Bradley Cooper, 48, ist im Grundsatz wenig einzuwenden. Aber jetzt steht sie im Mittelpunkt eines einigermaßen bizarren Streits. Für den Film »Maestro« hat Cooper sein Riechorgan maskenbildnerisch etwas vergrößern und, wenn man so will, zuspitzen lassen, um dem von ihm dargestellten Komponisten und Stardirigenten Leonard Bernstein ähnlicher zu sehen. Seither steht der Mime im Zentrum eines Shitstorms, ein erboster Teil der Internetnutzergemeinde wirft ihm und den Machern des Films »Jewfacing« vor, also das Bedienen antisemitischer Stereotype. Nicht mal Bernsteins Kinder Jamie, Alexander und Nina konnten die Wellen bislang glätten. Dabei, schreiben die drei, sei es »wahr, dass Leonard Bernstein eine schöne, große Nase hatte« .
Mini-Hohlspiegel
Hier finden Sie den ganzen Hohlspiegel.
Cartoon des Tages
Und heute Abend?
Wer dem Hype und den Gesundheitsrisiken (siehe oben) um »Barbie« und »Oppenheimer« lieber aus dem Weg gehen, aber auf Kino nicht verzichten möchte, dem empfehle ich guten Gewissens den Film »Past Lives«.
Ein ruhig, aber nie langweilig erzählter Film über eine südkoreanisch-amerikanische Dreiecksgeschichte, mit fantastischen Dialogen und einer Handlung, die den Erwartungen oft zuwiderläuft. Zum Verlieben. (Lesen Sie hier die Rezension meiner Kollegin Hannah Pilarczyk .)
Einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Jörg Schindler, Korrespondent in London

