Krieg in Israel: Wie wir aus Israel und Gaza berichten
Mit einem beispiellosen Terrorangriff hat die Hamas Israel am 7. Oktober überrascht. Während das Land noch immer unter Schock steht, führt das Militär Krieg gegen die palästinensische Terrororganisation im Gazastreifen. Der SPIEGEL ist vor Ort unterwegs, berichtet über die Lage der Menschen in Gaza, in Israel und im Westjordanland. Hier erzählen sechs Redakteure und Reporter von ihrer Arbeit im Krisengebiet.
Verbindung halten mit Menschen im Gazastreifen
Die Berichterstattung zur Lage im Gazastreifen ist in diesen Tagen enorm schwierig. Israel lässt erstens keine Journalisten über die Grenze. Zweitens ist die Situation für lokale Journalisten, die vor Ort sind, extrem gefährlich. Immer wieder berichten Kontaktleute in Gaza von Bombardierungen ohne jegliche Warnung. Mindestens 15 Journalisten wurden seit dem 7. Oktober in Gaza, Israel und im Libanon getötet, 11 davon waren palästinensische Journalisten. Drittens hat Israel die Infrastruktur für Internet und Mobiltelefonie bombardiert und den Strom abgestellt. Das heißt, dass die Menschen ihre Handys kaum mehr aufladen können, wenn sie überhaupt noch Empfang haben.
Wir versuchen rund um die Uhr, mit Menschen im Gazastreifen in Kontakt zu bleiben und Gesprächspartner zu finden. Manchmal dauert es mehrere Tage, bis jemand Empfang hat und sich zurückmeldet. Von manchen Kontakten haben wir seit letzter Woche keine Nachricht mehr erhalten. In den vergangenen Tagen waren die Menschen auch damit beschäftigt, einen sicheren Ort zu suchen, Nahrung und Wasser zu finden.
Während die Menschen um ihr Leben fürchten und die Verbindung ständig abreißt, können wir keine ruhigen, reflektierten Gespräche mit ihnen führen – was wir erhalten, sind in erster Linie verzweifelte Hilferufe. Viele standen in den vergangenen Tagen oft derart unter Schock, dass sie kaum Worte fanden, um ihre Erfahrungen zu beschreiben.
Monika Bolliger, berichtet für den SPIEGEL über den Nahen Osten.
Israels Süden nach dem Großangriff der Hamas
In den ersten Tagen nach dem 7. Oktober konnte man sich auf der israelischen Seite nahe Gaza relativ frei bewegen, aber es war gefährlich: Immer wieder wurde mit Eindringlingen gekämpft, es herrschte Chaos. Mittlerweile gelangt man an viele Orte nur noch mit geführten Pressetouren der israelischen Armee. Fotograf Kobi Wolf und ich konnten im Rahmen einer solchen Tour auf das Festivalgelände, wo Hunderte junge Menschen von Hamas-Terroristen erschossen worden waren. Wir hatten etwa eine Stunde, um uns dort umzuschauen. Plötzlich fielen Schüsse, ein Mann mit einem Messer tauchte auf, wurde von Soldaten überwältigt. Ein Zeichen, wie nervös alle sind.
Die Lage ist angespannt. Es gibt immer wieder Raketenbeschuss aus Gaza. Auch die schweren Detonationen der israelischen Bomben in Gaza sind zu hören – und oft sogar zu spüren. Wenn wir mit dem Auto unterwegs sind, horchen wir ständig, ob es gerade in der Nähe Raketenbeschuss gibt. Dann fahren wir sofort rechts ran und legen uns flach auf den Boden. Wir tragen natürlich auch kugelsichere Westen, haben Helme und Erste-Hilfe-Ausrüstung dabei.
In der Nähe des Gazastreifens ist es wichtig, sich mit den israelischen Soldaten abzustimmen: an den Checkpoints vorsichtig zu sein, langsam zu fahren, den Soldaten möglichst ins Gesicht zu blicken, damit man nicht für Terroristen gehalten wird.
Auch mit den Informationen der israelischen Armee muss man vorsichtig umgehen, diese prüfen, so gut es geht. Die Armee ist Kriegspartei, verfolgt eigene Interessen. Bei vielen Themen können wir nicht einfach übernehmen, was das Militär uns präsentiert.
Thore Schröder, ist SPIEGEL-Krisenreporter und derzeit im Einsatz in Israel.
Im Wohnzimmer der Überlebenden
Zwei Stunden nach meiner Ankunft in Israel saß ich bereits im Wintergarten eines Überlebenden des Supernova-Festivals. Man weiß nie, wie Menschen, die ein Trauma erlitten haben, reagieren. Ich beginne jedes Gespräch damit, dass ich sage: »Wenn es Ihnen zu viel wird, sagen Sie bitte ›Stopp‹«. Manche weinen, manche brechen das Gespräch ab, andere reden, als ginge es um das Wetter. Mein Gesprächspartner Sagi Gaboy gehörte zur letzten Gruppe.
Am Ende unseres Gesprächs heulten plötzlich die Sirenen – Luftalarm. Zusammen mit Sagi Gaboy, seiner Schwester und seiner Mutter quetschten wir uns in ihren Schutzraum, eine kleine Abstellkammer im Keller. Während Sagi Gaboy und seine Schwester mit uns plauderten, atmete die Mutter schwer. Das Trauma, das ich bei ihrem Sohn vermutet hatte, zeigte sich stattdessen bei ihr.
Fast jeder Mensch in Israel kennt einen Überlebenden oder Toten des Hamas-Angriffs persönlich. Selbst wenn jemand nicht dabei war, kann er oder sie dadurch psychischen Schaden genommen haben. Deshalb müssen wir besonders behutsam vorgehen. Dass die Menschen über ihre Erfahrungen und Gefühle reden, ist nicht selbstverständlich.
Muriel Kalisch reiste vergangene Woche nach Israel und berichtete unter anderem aus Tel Aviv.
Unterwegs im Westjordanland
Die Lage hier ist angespannt. Die Palästinenser fühlen sich noch verlassener von der ganzen Welt als bisher. Es herrscht das Gefühl vor, dass ein palästinensisches Leben weniger wert sei als ein jüdisches. Die Menschen haben das Gefühl, es werde nicht gesehen, dass sie seit Jahrzehnten unter der Besatzung durch Israel leiden und immer wieder auch Zivilisten durch die israelische Armee getötet werden. Die Palästinenser glauben nun noch mehr, ihr Anliegen eines eigenen Staates sei in Vergessenheit geraten. Die Wut wird deswegen immer größer.
Mit Blick auf die Sicherheitslage ist es wichtig, dass wir uns zur richtigen Zeit als Journalisten zu erkennen geben. Unser Wagen hat israelische Kennzeichen. Fahren wir etwa nach Nablus oder Dschenin, in die Zentren des bewaffneten Widerstands im Westjordanland, geben wir deutlich zu erkennen, dass Journalisten im Auto sitzen. An diesen Orten könnte es gefährlich sein, für einen Israeli gehalten zu werden.
Andernorts ist die israelische Armee sehr präsent. In Huwara etwa, wo die Siedlergewalt immer wieder eskaliert, ist die Hauptstraße neuerdings für Palästinenser gesperrt, hier patrouilliert die israelische Armee. Die hat wenig Interesse daran, dass Journalisten von vor Ort berichten. Entsprechend versuchen wir, unauffällig durch die Checkpoints zu kommen.
Zudem besteht für uns die Gefahr, aufgestachelten und aggressiven Siedlern zu begegnen. Siedlergewalt gibt es seit Jahren. Vor dem Krieg gab es etwa drei Übergriffe am Tag, seit vergangener Woche hat sich die Lage noch mal verschärft. Auch auf Schusswechsel an Checkpoints oder auf Operationen der israelischen Armee müssen wir achten. Wir planen deshalb unsere Routen noch genauer als sonst und sind auf die Ortskenntnisse unserer lokalen Mitarbeiter angewiesen.
Fritz Schaap, studierte Islamwissenschaften und berichtet für den SPIEGEL aus Afrika, derzeit ist er in Israel und dem Westjordanland unterwegs.
Am Telefon mit den Familien der Geiseln
Ich habe selten so schwere Gespräche geführt wie diese. Die Perspektive für die Geiseln in Gaza ist düster, das wissen auch die Angehörigen. Dennoch können sie die Hoffnung nicht aufgeben und klammern sich an jeden Strohhalm. Viele Familien wenden sich bewusst mit ihren Geschichten an die Presse. Sie wollen Aufmerksamkeit erzeugen und den Druck erhöhen – auf die israelische Regierung, aber auch auf andere Staaten. Unter den 199 Geiseln sind viele Doppelstaatler.
Die Telefonate mit den Familien sind sehr emotional, da bricht dem Gegenüber die Stimme weg, es wird nach Worten gesucht, Tränen fließen. Es hilft, wenn man das Gespräch dann auf technische Fragen lenkt: »Buchstabieren Sie mir den Namen, haben Sie eine Kopie vom Pass?«
In sozialen Netzwerken suchen die Familien nach Lebenszeichen, sie hoffen, die Vermissten in Videos der Hamas zu erkennen. Es sind grausame Bilder. Die Aussagen der Familien helfen uns dabei, die Personen auf den Videos zu identifizieren. Auch kann man etwa Geodaten auswerten. Zeigen wollen wir viele dieser Aufnahmen nicht, sie sind brutal und können einen lange verfolgen. Sie angemessen zu beschreiben ist eine große Herausforderung.
Anna-Sophie Schneider ist SPIEGEL-Redakteurin in Hamburg und berichtet über die Lage der Hamas-Geiseln.
Der letzte große Krieg
2014, beim letzten großen Gazakrieg, als Israel auch Bodentruppen in den Küstenstreifen entsandte, sollte der Fußgängerübergang für Journalisten – das Terminal Erez im Norden des Gazastreifens – auch zuerst geschlossen bleiben. Israel nannte diesen Einsatz seiner Streitkräfte »Tzuk Eytan«, übersetzt »Fels in der Brandung«. Und dieser Krieg begann nicht wie heute mit einem Terrormassaker, sondern ging hervor aus einer eher klassischen Eskalation zwischen Israel auf der einen und dem Islamischen Dschihad und Hamas auf der anderen Seite.
Auf Drängen der Foreign Press Association, aber wohl auch von Reporter ohne Grenzen, wurde Erez dann für wenige Stunden wöchentlich geöffnet. Das hieß, wir Journalisten konnten in den Gazastreifen, waren dann ein paar Tage lang eingeschlossen in diesem Krieg – wie die Bewohner Gazas auch. Wir warteten ab, bis die Armee für uns Journalisten kurz öffnete und wir wieder rauskonnten, davon erfuhren wir per SMS.
Wir, ein paar französische Radiojournalisten, zwei Schweden, zwei Australier und ich, rückten quasi neben den israelischen Panzern ein, durch den Korridor bei Erez. Noch auf israelischer Seite unterschrieben wir auf einer Kopie unserer Pässe, dass wir für alles Weitere selbst verantwortlich sind. In den ersten Wochen dieser Offensive waren wir sehr wenige Journalisten im Gazastreifen, fast alle eigentlich waren in zwei, drei Hotels an der Küste untergebracht.
Der Beschuss war massiv, mindestens 150.000 Menschen mussten ihre Häuser verlassen, Uno-Schulen, wo Geflüchtete Schutz suchten, wurden beschossen; auch das Shifa-Krankenhaus, wo sich so viele hingerettet hatten, bekam eine Evakuierungsorder.
Das Leid war damals schon unbeschreiblich groß in diesem Elendsstreifen und wie so oft wurden auch bei diesem Waffengang überproportional viele Kinder getötet. Was auch immer jetzt in Gaza passiert und noch passieren wird: Es muss berichtet werden. Oder konkreter: es muss darüber berichtet werden können.
Julia Amalia Heyer war von 2012 bis 2014 für den SPIEGEL als Korrespondentin in Tel Aviv und berichtet auch jetzt über die Lage in Israel.

