Gesundheit: Mehr als die Hälfte der Deutschen leidet unter Erschöpfung – sinnlose Arbeit ist ein Grund
Wie erschöpft fühlen Sie sich auf einer Skala von 0 bis 10? Wenn Sie jetzt »zehn« sagen, gibt es zumindest einen Trost – Sie sind mit diesem Problem nicht allein. Eine repräsentative Umfrage im Auftrag des Beratungsunternehmens Auctority, die dem SPIEGEL exklusiv vorliegt, stellt fest: Mehr als jeder und jede zehnte Deutsche gab bei dieser Frage den Höchstwert an. Befragt wurden dafür im Juli gut 5000 Menschen, rund 2500 Berufstätige davon noch einmal gesondert zum Thema Erschöpfung im Job.
Die Ergebnisse sind erschreckend: Mehr als die Hälfte der Befragten bezeichnete sich als erschöpft. Nicht erschöpft war nur ein gutes Drittel, etwa jeder Zehnte wählte die Option »teils/teils«. Jeder Zehnte gab, siehe oben, den Höchstwert an, bei 8 oder 9 auf der 10er-Skala liegen weitere gute 20 Prozent.
Auffällig: Die Erschöpfung ballt sich vor allem bei Leuten in der Rushhour des Lebens. Von 30 bis 49 Jahren sind gut 60 Prozent erschöpft. Jüngere (18 bis 29 Jahre) und ältere (50 bis 64) liegen mit gut 56 Prozent etwa gleichauf, jenseits der 65 Jahre sinkt der Wert auf 40 Prozent. Von den 30- bis 49-Jährigen sehen gut 40 Prozent die Belastung bei der Arbeit als Hauptursache für ihre Erschöpfung. In der Gesamtschau über alle Altersgruppen sind gesundheitliche Beschwerden der Hauptgrund für Erschöpfung (40 Prozent), gefolgt von der politischen Situation (knapp ein Drittel) und dann der Arbeitsbelastung (27 Prozent).
»Die Arbeitswelt ist unnötig erschöpfend – das sieht man unter anderem daran, dass es ab dem Rentenalter einen Knick gibt, hier sinkt der Erschöpfungswert drastisch. Gleichzeitig glaubt auch nur ein Viertel der Berufstätigen, ihre Erschöpfung wieder loswerden zu können. Das ist ein alarmierender Wert«, sagt die Arbeitspsychologin Christina Guthier, die die Umfrage wissenschaftlich begleitet hat.
Osten und Westen liegen dabei nahezu gleichauf; ob man mit Kindern im selben Haushalt lebt, macht keinen allzu großen Unterschied (60 Prozent Erschöpfte versus 52 Prozent bei den Kinderlosen). Frauen sind mit 56 Prozent etwas erschöpfter als Männer (50 Prozent). Ledige sind erschöpfter als Geschiedene, die etwas mehr als Verheiratete oder Verwitwete, aber die Zahlen sind durch die Bank hoch – zu hoch für eine gesunde Gesellschaft.
Und die Leute machen sich keine Illusionen: Weniger als ein Fünftel denkt, dass die Erschöpfung ein Zeichen dafür sei, man habe viel geleistet. Der sogenannte Ermüdungsstolz (am Ende des Tages ist man so fertig, dass man glaubt, viel geschafft zu haben – dabei ist man einfach nur geschafft) scheint abzuklingen. Übrig bleibt Verzweiflung: Mehr als 40 Prozent der Menschen glauben, dass Erschöpfung in Zukunft noch zunehmen wird.
Von den Erwerbstätigen sind Angestellte am stärksten betroffen (65 Prozent), gefolgt von Beamten (58 Prozent) und Arbeitern (55 Prozent). Lediglich leitende Angestellte sind nur knapp zur Hälfte betroffen.
Was können die Gründe dafür sein? Die Umfrage hat auch das ermittelt und nach Maßnahmen gefragt, die Besserung versprechen können. Zwei Faktoren stechen dabei heraus. Junge Leute (18 bis 29 Jahre) wünschen sich vor allem ein geringeres Arbeitspensum, bei den Älteren gibt es ein Hauptanliegen: weniger sinnlose Arbeit. Das sagen 40 Prozent, bei den Beamten sogar 65 Prozent. Beamte sind nicht die insgesamt erschöpfteste Gruppe, aber die, die am allermeisten unter als sinnlos empfundener Arbeit leidet.
Woran aber liegt es, dass junge Leute mit dem Arbeitspensum nicht zurechtkommen? Guthier meint: »Bei Studierenden und anderen jungen Personen fehlt vielleicht ein wenig die Zuversicht. Die erleben, dass eine Krise die nächste jagt. Das Gefühl von Ohnmacht und Bedrohung produziert Stress. Und der wird negativ, wenn man glaubt, die Ursache nicht bewältigen zu können.« Corona, der Ukrainekrieg, der Klimawandel: Da fühlen Einzelne sich schnell machtlos. »Es fällt schwer, Selbstwirksamkeit zu erleben«, so Guthier, »dabei könnte genau diese dabei helfen, sich weniger bedroht und gestresst zu fühlen. Und der jungen Generation fehlt es vielleicht zusätzlich noch an der Erfahrung, größere Krisen schon einmal bewältigt zu haben.«
Sinnlose Arbeit hört sich allerdings nach einem Problem an, dass man angehen könnte. Auctority-Partner Andreas Scheuermann vermutet, dass dabei allerdings vielfach ein falscher Ansatz gewählt wird: »In der Arbeitswelt wird das Hohelied der Resilienz gesungen: Wer die Taktzahl nicht schafft, muss an sich arbeiten. Das Problem wird damit an den Einzelnen delegiert. Dabei ist es ein strukturelles Problem: An sinnloser Arbeit geht man kaputt. Erschöpfung kostet am Ende Produktivität.«
Wenn Menschen ihre Arbeit (oder große Teile davon) als sinnlos empfinden, gebe es, so Scheuermann, zwei mögliche Deutungen: »Entweder ist die Arbeit tatsächlich sinnlos, dann sollte man sie unterlassen, oder sie ist sinnvoll, aber der Sinn wird nicht ausreichend kommuniziert. Beides ist ein Problem für Unternehmen und Organisationen. Das ist vor allem ein Bürothema: Hier wird viel für den Papierkorb gearbeitet.« Er sieht viele Parallelen zu früheren Studien: »Lost in the middle« ist dabei das Schlagwort – mittlere Schulabschlüsse, mittlere Ausbildungen, mittleres Lebensalter, in diesen Segmenten sind Menschen besonders anfällig für Frust, Perspektivlosigkeit und Demotivation. Hinzu kommt mancherorts eine toxische Unternehmenskultur .
»Doch auch wenn es zu allen Zeiten vom Leben ermattete Menschen gab – die Erschöpfung als Massenleiden ist wohl wirklich ein Phänomen unserer Zeit.« Dieses Zitat stammt aus dem SPIEGEL-Text »Das Volk der Erschöpften« – von 2011. Offenbar hat sich seither wenig zum Guten gewandt.

