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Gaza – Berichte von vor Ort: »Die Straßen sind voll von verzweifelten Leuten, die nicht wissen, wohin«

October 15
01:39 2023

Die Menschen im Gazastreifen sind nur noch schwer zu erreichen, da das Internet seit der Bombardierung der Telekommunikationsinfrastruktur durch Israel kaum mehr funktioniert, und es fast keinen Strom mehr gibt, so dass die Leute ihre Handys oft nicht aufladen können. Am Samstagabend erreichten den SPIEGEL einige Nachrichten aus dem Küstenstreifen, und sie klangen dramatisch.

»Die Straßen sind voll von verzweifelten Leuten, die nicht wissen, wohin. Die zu Notunterkünften umfunktionierten Schulen sind komplett überfüllt«, berichtete eine lokale Mitarbeiterin des SPIEGEL, deren Namen wir zu ihrem Schutz nicht veröffentlichen. Es sei schwierig, Essen und zu Trinken zu finden. Sie habe das Shifa-Spital in Gaza-Stadt besucht, das mit seinen Kapazitäten am Anschlag sei – und Vertriebene hätten sich dort auf dem Boden auf der Suche nach einer sicheren Zuflucht einquartiert. »Sie sitzen dicht aneinandergedrängt und teilen das wenige Essen, das sie haben.«

Israel hatte die Menschen im Norden des Gazastreifens zur Evakuierung ihrer Häuser aufgefordert, doch das betrifft über eine Million Menschen, etwa die Hälfte der Bewohner des kleinen Küstenstreifens, in dem es keinen sicheren Ort mehr gibt. Auch Krankenhäuser sollen evakuiert werden. Die Weltgesundheitsorganisation sagte, das sei unmöglich und komme einem Todesurteil für schwer kranke Menschen gleich, die nicht evakuiert werden könnten.

Konvoi offenbar getroffen

Ein Konvoi von Fliehenden wurde laut einem Bericht der BBC und der Washington Post von einer Explosion getroffen, was auch lokale Quellen bestätigen. Bei dem Angriff sollen Dutzende Menschen gestorben sein. Der Urheber ist bisher nicht geklärt; die israelische Armee kündigte laut BBC eine Untersuchung an . Sie wirft umgekehrt der Hamas vor, Straßensperren zu errichten , um die Menschen an der Flucht zu hindern. »Ich traf Leute, die ihre Häuser evakuiert haben und in den Süden fliehen wollten, und dann wieder umgekehrt sind, weil es zu gefährlich war«, berichtet die SPIEGEL-Mitarbeiterin. »Sie sagten, wenn wir sterben, dann wenigstens in unseren Häusern.«

Ein lokaler Kontakt, der mit seiner Familie in den südlichen Ort Khan Yunis geflohen war und ebenfalls nicht zitiert werden möchte, beschrieb Szenen von Fliehenden, die ihn nach eigener Aussage an die Schilderungen der »Nakba« erinnerten, wie die Palästinenser ihr Trauma von der Flucht nach dem arabisch-israelischen Krieg von 1948 nennen: »Wir sahen lange Konvois von Autos und Transportfahrzeugen, die Frauen und Kinder, etwas Gepäck und Matratzen transportierten. Es war traurig und furchtbar.«

»Die Situation ist wahnsinnig«

Der Journalist Shams Odeh berichtete dem SPIEGEL: »In Gaza Stadt leben die Menschen im Dunkeln und in Angst. Und warten darauf, dass es endlich aufhört. Die Situation ist wahnsinnig. Die Menschen hoffen auf eine Waffenruhe. Gaza ist ein Geisterort. In Gaza-Stadt sind viele in den Süden geflohen. Keine Menschen sind auf den Straßen, keine Autos, keine Lichter, nichts. Wenn nicht spätestens Morgen Benzin aus Ägypten kommt, werden die Krankenhäuser keinen Strom haben.«

Der Analyst Omar Shaban vom unabhängigen Thinktank Palthink in Gaza, der regelmäßig als Autor für Stifungen und internationale Medien tätig ist, setzte einen dringenden Hilferuf ab. Der Gazastreifen erlebe eine humanitäre Katastrophe, die seit 1967 beispiellos sei. Es seien 2300 Tote gezählt worden, doch Hunderte lägen noch unter den Trümmern begraben. Die Krankenhäuser hätten in einer einzigen Woche etwa 8000 Verletzte aufgenommen, etwa gleich viele wie währen der 51 Tage Krieg im Jahr 2014. Medizinische Teams seien nicht mehr arbeitsfähig.

Es sei unmöglich, schreibt Shaban, dass zwei Millionen Menschen auf weniger als einem Drittel der Fläche des Gazastreifens lebten. »Die Entscheidung, eine vollständige Belagerung des Gazastreifens zu verhängen, den Strom abzuschalten, den Treibstoff zu stoppen und Säuglingsnahrung und Medikamente zu verbieten, droht den gesamten Gazastreifen in ein echtes Grab zu verwandeln«, warnte Shaban. »Wer bei den Bombardierungen nicht stirbt, wird verhungern und verdursten.« Shaaban forderte in einer Erklärung an Journalisten einen sofortigen 48-stündigen humanitären Waffenstillstand, um weitere Verluste an Menschenleben zu verhindern, »noch heute«.

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