Icon: vergrößernTrump oder Biden? Die Stimmung in den Staaten wird fast täglich mit neuen Umfragen gemessen
Foto: DER SPIEGEL
Bis zur US-Präsidentenwahl sind es nur noch etwas mehr als 40 Tage. In einigen Bundesstaaten beginnen die Wähler bereits damit, ihre Stimmen abzugeben – und Donald Trump liegt in den Umfragen weiter deutlich hinter seinem Herausforderer Joe Biden. Dessen Vorsprung war zwar schon größer, um die neun Prozentpunkte. Doch im Durchschnitt aller nationalen Umfragen erreicht Biden aktuell immer noch gut sechs Prozentpunkte mehr als Trump.
Ist die Wahl damit gelaufen? Oder schafft Trump ein überraschendes Comeback wie 2016 gegen Hillary Clinton?
Wer am Ende bei den absoluten Stimmen vorne liegt, gewinnt bekanntlich nicht zwangsläufig die Wahl. Wir erinnern uns: Um Präsident zu werden, muss ein Kandidat durch Siege in den Einzelstaaten die Mehrheit im Wahlleute-Gremium (Electoral College) einsammeln, das am Ende das Staatsoberhaupt bestimmt. Die Mehrheit in diesem Gremium liegt bei 270 Stimmen. Trump konnte 2016 gegen Hillary Clinton siegen, obwohl er insgesamt einige Millionen Stimmen weniger hatte als sie.
Genau hier wird die Sache kompliziert: Wie der Sieg von Trump 2016 zeigt, ist die Stimmung in den Staaten schwer zu fassen. Täglich kommen in den USA die Ergebnisse neuer Wählerbefragungen auf den Markt, auch aus den alles entscheidenden Bundesstaaten.
Die Vielfalt kann verwirrend sein. Es gibt immer Ausreißer in die eine oder andere Richtung, weshalb es sich lohnt, stets den Durchschnitt aller aktuellen Umfragen im Auge zu behalten – zum Beispiel bei Übersichtsseiten im Netz wie Realclearpolitics oder FiveThirtyEight.
Grundsätzlich gilt, dass die nationalen Erhebungen häufig zuverlässiger sind als Befragungen in Einzelstaaten. Gleichwohl können die Umfragen aus den Staaten aufzeigen, in welche Richtung sich die politische Stimmung entwickelt. Auch versichern einige Umfrageinstitute, dass sie nach der Wahl 2016 ihre Methoden verbessert hätten. Das lässt hoffen, dass die Umfragen aus den Staaten heute präziser sind als noch vor vier Jahren.
Die Wahlkampfteams definieren für sich "sichere" Staaten, von denen sie annehmen, dass sie sie auf jeden Fall gewinnen werden. Dann sind da die "einigermaßen sicheren Staaten" und schließlich die sogenannten Battleground States, also die Staaten, die in die eine oder andere Richtung kippen könnten. Grob gesagt sind dies derzeit etwa ein gutes Dutzend Staaten. Auf sie konzentriert sich der Wahlkampf.
Mit den vorhandenen Umfragen lassen sich unterschiedliche Szenarien für den Ausgang der Wahl am 3. November durchspielen. Drei davon sind besonders interessant.
Szenario eins: die blaue Welle
Nach dem Erfolg von Donald Trump bei der Wahl 2016 sind die meisten Experten vorsichtig geworden, einen Wahlausgang vorherzusagen. Was aber, wenn das Rennen tatsächlich schon gelaufen ist? Wenn der Vorsprung von Joe Biden gegenüber Trump in den Umfragen der realen Lage entspricht?
Das wäre das Traum-Szenario der Demokraten – sie könnten auf eine "blaue Welle" hoffen (benannt nach der Parteifarbe). Wenn man allein die Staaten zusammenzählt, in denen Biden derzeit laut Umfragen deutlich vorne liegt, erreicht er bereits um die 278 Stimmen im Wahlleute-Gremium (siehe Grafik, Werte gerundet).
Biden würde in diesem Szenario die gleichen Staaten gewinnen, die Hillary Clinton 2016 sicherte, also etwa zuverlässige Hochburgen der Demokraten wie Kalifornien und New York. Zudem würde er alte Hochburgen seiner Partei aus dem "Rustbelt" zurückerobern, die Trump 2016 gewinnen konnte: Pennsylvania, Michigan, Wisconsin. Nimmt man dann auch noch den "Battleground State" Arizona im Südwesten hinzu, wären das sogar schon 289 Stimmen im Wahlleute-Gremium.
Ist das realistisch? Ja, wenn man den Umfragen glaubt: In all diesen Staaten hält Biden derzeit den Umfragevorsprung. In Michigan und Wisconsin sind es mehr als fünf Prozentpunkte. In Pennsylvania und Arizona sind es um die vier Prozentpunkte Vorsprung.
Hinzu kämen bei einer richtigen "blauen Welle" Staaten, in denen Biden derzeit einen knappen Vorsprung hält: Florida und North Carolina. Hier liegt Biden jeweils hauchdünn vor Trump. In North Carolina sind es zum Beispiel 1,1 Prozentpunkte. Zusammengenommen könnte Biden bei einem Erdrutschsieg mehr als 330 Stimmen im Electoral College gewinnen.
Szenario zwei: Der Trump-Triumph
Das Szenario eines überragenden Sieges von Donald Trump ist weiterhin nicht ausgeschlossen. Zum Beispiel, weil viele Umfragen in den Einzelstaaten falsch sind. Oder: Trump gelingt in den letzten Wochen der Stimmungsumschwung in wichtigen Staaten, zum Beispiel durch überzeugende Auftritte in den TV-Duellen mit Biden.
Schwer zu kalkulieren ist auch, welche Auswirkungen der Tod der Richterin Ruth Bader Ginsburg und der nun beginnende Kampf um die Besetzung der offenen Position am Supreme Court noch haben könnte. Ist das schon die "October Surprise", die das Rennen auf den Kopf stellt? Oder passiert noch ein anderes Großereignis, das die Verhältnisse durcheinanderwirbelt?
Beim Trump-Triumph-Szenario würde der Präsident seinen Wahlsieg von 2016 wiederholen und weitere Staaten hinzugewinnen. Vor allem auf New Hampshire und Minnesota haben es Trump und seine Leute abgesehen. Beide Staaten konnte Clinton 2016 nur sehr knapp gegen Trump verteidigen. Dort gibt es einen recht hohen Anteil von weißen Wählern ohne College-Abschluss, Trumps Kernwählerschaft.
Kann eine "rote Welle" gelingen? Ja, mit viel Glück. Ist es sehr wahrscheinlich? Das eher nicht.
Diejenigen, die glauben, dass Trump noch ein spektakuläres Comeback schaffen könnte, würden sich vermutlich irren, meint Charlie Cook, einer der erfahrensten Demoskopie-Experten in Washington in einer neuen Analyse. Ein Hauptproblem für Trump sei, dass er wenige Möglichkeiten habe, neue Wähler außerhalb seiner treuen Basis anzusprechen. Dies zeigten seine Zustimmungswerte, die seit Jahren landesweit konstant zwischen 41 und 43 Prozent lägen, auch jetzt kurz vor der Wahl.
"Sein Ansehen wird von Ereignissen nicht verändert", meint Cook. "Die überwiegende Mehrheit der Wähler hat vor langer Zeit entschieden, ob sie ihn mögen oder nicht, ob sie seine Handlungen gutheißen und ob sie seine Kandidatur unterstützen würden."
Hinzu kommt: 2016 trat Donald Trump gegen Hillary Clinton an, die im Wahlvolk weitaus unbeliebter war als Joe Biden. Der Demokrat liegt heute praktisch in allen Befragungen zur Beliebtheit klar vor Trump – und erzielt auch weit bessere Werte als Clinton vor vier Jahren. Das dürfte die Chancen für Trump, eine "rote Welle" zu schaffen, nicht verbessern.
Szenario drei: Ein eher knapper Sieg von Trump oder Biden
Dieses Szenario erscheint derzeit besonders plausibel. Hier würde man annehmen, dass sowohl Trump als auch Biden einige Staaten aus dem Topf der "Battleground States" gewinnen können. Beide könnten zudem Staaten erobern, bei denen dies niemand erwartet. Es wäre das Chaos-Szenario.
Der Präsident und seine Leute sind überzeugt, dass sie vielerorts besser dastehen, als es die Umfragen anzeigen. Angesichts der Probleme mit den Umfragen im Jahr 2016 ist das nicht ausgeschlossen. Trump und Co. gehen davon aus, dass sie Pennsylvania gewinnen können, auch Florida. Selbst wenn sie Michigan und Wisconsin verlieren würden, wäre ein Sieg für Trump unter bestimmten Voraussetzungen noch möglich.
Als neuen Wackelkandidaten haben die Trump-Leute Nevada ausgemacht, das bislang sonst verlässlich den Demokraten zugerechnet wurde. Einige neue Umfragen zeigen, dass Joe Biden hier ähnlich wie auch in Florida bei Latino-Wählern an Zustimmung einbüßt.
Umgekehrt könnte aber auch Biden Staaten gewinnen, die bislang eigentlich bei Trump verbucht werden. Iowa gilt seit Neuestem als ein mögliches neues Ziel für Biden, ebenso wie Georgia im Süden. Dort wollen die Demokraten vor allem schwarze Wähler gegen Trump mobilisieren.
So oder so wäre der Ausgang in diesem Szenario knapp, vielleicht sogar zu knapp. Zum Beispiel 268 zu 270 Stimmen. In diesem Fall könnten sich einzelne Wahlleute weigern, dem Sieger aus ihrem Staat bei der Abstimmung im Electoral College die Stimme zu geben. Auch ein Unentschieden von 269 zu 269 Stimmen im Electoral College ist möglich.
Gibt es keinen Sieger im Electoral College, entscheidet das neu gewählte Repräsentantenhaus, wer Präsident wird. Allerdings geht das dann nach einem komplizierten Modus: Es wird nicht nach den tatsächlichen Mehrheitsverhältnissen abgestimmt, sondern nach der Mehrheit in den Abgeordnetengruppen aus den einzelnen Bundesstaaten.
Jeder der 50 Staaten hat nur eine Stimme. Wenn also ein Staat, zum Beispiel Texas, mehr republikanische Abgeordnete hat als Demokraten, wird die Stimme dieses Staates vermutlich für Trump abgegeben und so weiter. Im Moment halten die Republikaner nach dieser Rechnung die erforderliche Mehrheit von 26 Stimmen. Dies wäre vermutlich auch im neuen Repräsentantenhaus der Fall. Trump könnte Präsident bleiben.
Icon: Der Spiegel
