Bild vergrößernExplosion im Gazastreifen nach israelischem Luftschlag
Foto: MOHAMMED SABER / EPA
Trotz massiver internationaler Appelle und umfangreicher Vermittlungsversuche scheint eine Beruhigung der Lage in Nahost derzeit unwahrscheinlich. Vielmehr hat Israels Sicherheitskabinett nach massiven Raketenangriffen militanter Palästinenser im Gazastreifen eine Ausweitung des Militäreinsatzes gegen die Hamas beschlossen.
Die Armee solle gezielt »Symbole der Hamas-Herrschaft« in dem Palästinensergebiet angreifen, berichtete der Sender Kanal 12 am Mittwochabend.
Medienberichten zufolge wurden zuletzt das Finanzministerium im Herzen der Stadt Gaza sowie eine Bank der Hamas zerstört. Das Militär teilte mit, Kampfflugzeuge hätten eine Reihe strategisch wichtiger Gebäude sowie ein Marinekommando der Hamas angegriffen. Die Angriffe auf Terrorziele würden fortgesetzt.
Kurz darauf wurde in Tel Aviv am frühen Donnerstagmorgen erneut Raketenalarm ausgelöst. Nach Angaben einer Reporterin der Nachrichtenagentur dpa war mindestens eine Explosion zu hören. Medienberichten zufolge gab es zum ersten Mal in diesem jüngsten Konflikt auch im Norden des Landes Raketenalarm, konkret in der Jesreel-Ebene.
Schon zuvor hatten militante Palästinenser am Mittwochabend Dutzende Raketen auf israelische Städte geschossen, darunter Aschdod und Aschkelon an der Mittelmeerküste. Auch im Großraum Tel Aviv heulten Warnsirenen. In der Grenzstadt Sderot wurde ein Fünfjähriger beim Einschlag einer Rakete tödlich verletzt, wie die Stadtverwaltung mitteilte. Viele der Geschosse wurden von der israelischen Raketenabwehr abgefangen, manche schlugen jedoch in Wohngebieten ein.
Seit Montagabend beschießen militante Palästinenser Israel massiv mit Raketen, es sind bereits weit über tausend Geschosse abgefeuert worden. Dabei sind bislang sechs Menschen getötet und mehr als 200 weitere verletzt worden. Israels Armee reagiert darauf nach eigenen Angaben mit dem umfangreichsten Bombardement seit dem Gaza-Krieg von 2014. Das Gesundheitsministerium in Gaza bezifferte die Zahl der Toten auf 65, mehrere hundert Menschen wurden verletzt.
Attacke auf Hochhaus mit Büros und Cafés
Israelische Kampfflugzeuge zerstörten am Mittwoch ein weiteres Hochhaus in Gaza. In dem 14-stöckigen Gebäude hatten nach israelischen Angaben sowohl die islamistische Hamas als auch die militante Gruppe »Islamischer Dschihad« Büros. Allerdings gab es auch Cafés und Geschäfte in dem Haus. Videos zeigten, wie es nach dem Angriff einstürzte. Die Hamas feuerte nach eigenen Angaben als Reaktion 130 Raketen auf die israelischen Orte Aschkelon, Sderot und Netivot.
Israels Luftwaffe hatte zuvor auch das Haus eines ranghohen Mitglieds der islamistischen Hamas zerstört. Das Gebäude diente demnach als Waffenlager. Außerdem tötete Israel bei Angriffen mehrere hochrangige Vertreter der Hamas. »Das ist erst der Anfang – Wir werden ihnen Schläge versetzen, die sie sich niemals erträumt haben«, sagte Israels Regierungschef Benjamin Netanyahu dazu am Mittwoch in einem Krankenhaus in Cholon.
Vereinte Nationen warnen vor einem großen Krieg
Netanjahu lehnt den Berichten zufolge eine Waffenruhe zu diesem Zeitpunkt ab. Die USA schicken einen Spitzendiplomaten in die Region, um sich mit führenden Vertretern beider Seiten zu treffen. Hady Amr will auch im Namen von US-Präsident Joe Biden auf eine Deeskalation der Gewalt drängen. Auch Unterhändler Ägyptens, Katars und der Vereinten Nationen bemühen sich nach Medienberichten um eine Beruhigung.
International wuchs die Besorgnis über die Eskalation des Konflikts. Verteidigungsminister Benny Gantz stimmte die Bürger auf einen längeren Militäreinsatz ein. Die Vereinten Nationen warnten den Uno-Sicherheitsrat laut Diplomaten vor einem großen Krieg. Die USA haben eine gemeinsame Stellungnahme des mächtigsten Uno-Gremiums zur eskalierenden Gewalt in Nahost Kreisen zufolge am Mittwoch zunächst blockiert. Dafür forderten europäische Länder des Uno-Sicherheitsrats ein Ende der Gewalt.
Auch im israelischen Kernland wachsen die Spannungen
Bundesaußenminister Heiko Maas warnte vor einer Ausweitung des Konflikts auf weitere Teile der Region. Er bezeichnete den Abschuss von mehr als 1000 Raketen aus dem Gazastreifen auf Israel am Mittwochabend in einem ZDF-»Spezial« als absolut inakzeptabel und als Grundlage dafür, dass Israel von seinem Recht auf Selbstverteidigung Gebrauch mache.
Die Gewalt zwischen Israel und den Palästinensern weitet sich derweil immer mehr auch auf arabische Ortschaften im israelischen Kernland aus. Zwischen jüdischen und arabischen Israelis kam es am Mittwoch in den Städten Lod, Akko, Bat Jam, Haifa und Tiberias zu außergewöhnlich schweren Konfrontationen. Präsident Reuven Rivlin warnte im israelischen Fernsehen vor einem »Bürgerkrieg« und rief beide Seiten eindringlich zur Mäßigung auf.
