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Corona an Ostern: Forscher warnen vor fahrlässigen Familientreffen

March 29
17:50 2021
Virtuelles Osterfest: Ein Kind zeigt der Oma Ostereier Bild vergrößern

Virtuelles Osterfest: Ein Kind zeigt der Oma Ostereier

Foto: Charli Bandit / Getty Images

Die britische Mutation B.1.1.7 vermiest den Deutschen das Osterfest. Mittlerweile gehen mehr als 70 Prozent der sequenzierten Patiententests auf diese ansteckendere Variante zurück, zeigen Berichte des Robert Koch-Instituts.

Mit Blick auf die Feiertage und damit verbundenen Treffen im Familienkreis mahnt der Saarbrücker Pharmazieprofessor Thorsten Lehr deshalb nun zur Vorsicht. Die Lage sei nicht ohne Weiteres mit der vor Weihnachten vergleichbar. Sollte es zu ähnlich hohen Fallzahlen wie damals kommen, hätte das nun weitreichendere Folgen. Zumal Corona-Ausbrüche laut Robert Koch-Institut (RKI) momentan insbesondere private Haushalte sowie zunehmend auch Kitas, Schulen und das berufliche Umfeld betreffen.

Anders als das ursprüngliche Virus breite sich B.1.1.7 schneller innerhalb von Familien aus, sagt Lehr. Bei dieser Mutante sei oft jedes Mitglied infiziert, wohingegen früher selbst enge Angehörige nicht immer angesteckt wurden. Zudem steigen die Gesamtzahlen derzeit noch. Bei dieser Kombination ist die Lage brisant. »Das ist ein Pulverfass, auf dem wir sitzen.«

Lehr verantwortet einen Covid-19-Simulator, der Vorhersagen der Coronainfektionen samt Krankenhausbettenbelegung, intensivmedizinischer Behandlung, Beatmung und Todesraten in den einzelnen Bundesländern und die Abschätzung von nicht pharmazeutischen Interventionen ermöglichen soll.

Auch Kai Nagel von der TU Berlin geht aufgrund seiner Simulationen von steigenden Zahlen aus. Infektionen finden nach Daten des Mobilitätsforschers vor allem durch ungeschützte Kontakte in Innenräumen statt. Nagel befürchtet als schlimmstes Szenario bis zu 230.000 Neuinfektionen pro Tag im Mai. Die dämpfende Wirkung der wärmeren Jahreszeit sei schon berücksichtigt. Auch wenn bis Mitte April 15 Prozent der Bürger mindestens eine Impfung haben, sei dies deutlich zu gering, um die um 35 bis 70 Prozent höhere Zahl von Übertragungen durch die neue Variante B.1.1.7 auszugleichen.

Tests können Welle ausbremsen

Die hohen Infektionsraten haben Folgen: Auch bei jüngeren Menschen führe das zu mehr krankheitsbedingten Ausfällen, sagt Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen. Das liege allein schon daran, dass mehr Kontaktpersonen in Quarantäne müssten und das Umfeld – im Job oder in der Familie – bei Jüngeren, Berufstätigen, Eltern größer sei. »Und sicher ist es auch so, dass der Anstieg bei Kindern in Kitas und Schulen ebenfalls diese Konsequenzen hat.« Mehr Tests sollten daher vor allem dafür sorgen, dass Fälle früher erkannt und so aus dem Geschehen genommen werden können, erklärt der Wissenschaftler.

So sieht es auch Nagel: Schnelltests in Schulen und Kitas könnten die Inzidenz vermindern. Schon wenn dort einmal pro Woche getestet würde, könnte die Sieben-Tage-Inzidenz von etwa 2000 auf 1600 sinken. Bei drei Tests pro Woche liegt der Wert Anfang Mai bei 1200.

Das RKI mahnt, es sei weiterhin unbedingt notwendig, sich am Arbeitsplatz konsequent vor Infektionen zu schützen. Die gesamte Bevölkerung müsse wachsam sein, Abstands- und Hygieneregeln einhalten – auch im Freien. Zudem müssten Innenräume regelmäßig gelüftet und, wo geboten, Masken getragen werden, Menschenansammlungen besonders in Innenräumen seien zu meiden.

Die gute Nachricht: Anders als Ende 2020 sind inzwischen viele Menschen aus der besonders gefährdeten höchsten Altersgruppe geimpft. Die Inzidenz falle dort besonders ab, sagt Zeeb. Allerdings liege der Anteil der Geimpften in den Gruppen darunter, bei den über 70-Jährigen, insgesamt erst bei gut einem Viertel, so Thorsten Lehr. »Es sind also ziemlich viele noch nicht geimpft. Und bis Ostern wird sich daran wohl auch nicht viel ändern.« Zudem dauere es ein paar Wochen, bis die Wirkung richtig einsetze. Daher könne hier noch keine Entwarnung gegeben werden, sagt Lehr. »Wir haben also ein bisschen Entschärfung durch die Impfung, aber eine Verschärfung durch die Mutanten«, bilanziert er.

Das Alter ist nach wie vor einer der wichtigsten Corona-Risikofaktoren, sagt der Präsident der Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi), Gernot Marx. »Für die dritte Welle erwarten wir aber einen deutlich jüngeren Altersdurchschnitt, da die 80-Jährigen zum Großteil geimpft sind.« Mehr als drei Viertel der Intensivpatienten seien derzeit unter 80 Jahre alt. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft sieht aufgrund des zunehmenden Impfschutzes immerhin einen positiven Punkt: Sollten wir vergleichbar hohe Inzidenzzahlen bekommen wie Weihnachten, werden die schweren Verläufe dennoch weniger häufig sein als in der zweiten Welle. Damals erreichte Deutschland knapp 200 Infektionen pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen (Sieben-Tage-Inzidenz).

Welche Gruppen sind wie stark betroffen?

Die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie, Eva Grill, sagt, neben der Überlastung des Gesundheitssystems sollte man auch andere Folgen der Sars-CoV-2-Infektion berücksichtigen. So leide etwa jeder zehnte Erkrankte noch monatelang am sogenannten Post-Covid-Syndrom mit Symptomen wie Atemnot, Müdigkeit und kognitiven Einschränkungen.

Zeeb und Lehr plädieren dafür, künftig auch die Wirkung einzelner Maßnahmen in Betrieben, Schulen und Kitas genauer unter die Lupe zu nehmen. Nur dann könne man sinnvoll darüber entscheiden, welche Wege zum Ziel führen, und die Pandemie wirklich bekämpfen. Weiter sagt Zeeb: »Unbedingt wichtig werden auch Maßzahlen, die sich damit auseinandersetzen, wie unterschiedliche soziale Gruppen betroffen sind, sowohl von Infektionen als auch von vielen der Maßnahmen.«

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