USA-Wahl 2020: Wie ertragen Sie das Warten?
Icon: vergrößernWessen Sprecher wird hier künftig stehen? Der "Press Briefing Room" im Weißen Haus
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Dmitry Kirsanov / ITAR-TASS / imago images
Wer wird der nächste Präsident der USA? Auf eine Antwort muss die Welt noch warten. In fünf Bundesstaaten haben sowohl Donald Trump als auch Joe Biden weiter Chancen zu gewinnen. "Es wird noch eine Weile dauern", verkündete der demokratische Herausforderer. Und der aktuelle Präsident kann offenbar so schlecht abwarten, dass er den Wahlsieg schon vorzeitig für sich reklamierte. Zu Unrecht. Noch sind nicht alle Stimmen ausgezählt.
Was also tun mit der Zeit, bis das Ergebnis feststeht? Wir haben mit Menschen gesprochen, die sich mit dem Warten auskennen, etwa weil sie auf die Lösung einer wissenschaftlichen Frage warten, auf einen Sieg im Sport oder die Mitgliederbefragung einer Partei. Allen haben wir nur eine einzige Frage gestellt: Wie ertragen Sie das Warten?
Warten auf … den Hauptstadt-Flughafen
"Machen ist definitiv einfacher als warten. Untätig zu sein und abzuwarten fällt mir nicht leicht. Damit umzugehen, dass andere etwas machen müssen, damit ich meine Aufgabe erledigen kann, habe ich aber in den letzten Jahren gelernt. Und je mehr ich meinen Leuten vertraut habe, desto besser ging das."
Engelbert Lütke Daldrup, Chef der Berliner Flughafengesellschaft
Warten auf … ein schwarzes Loch
"Das Warten zu ertragen, gehört zu den elementaren Eigenschaften, die ein Wissenschaftler braucht. Genau das macht Forschen aber auch spannend und erfüllend. Ich habe 25 Jahre lang auf das erste Bild eines schwarzen Lochs gewartet. Es brauchte Jahre, um von meiner ersten Idee zu diesem Bild zu kommen. Zusammen mit Kollegen aus aller Welt mussten wir ein weltumspannendes Netzwerk aus Teleskopen aufzubauen, eine gemeinsame Vision entwickeln, Daten sammeln, analysieren, und immer wieder überprüfen. Im April 2019 war es dann endlich soweit und wir konnten der Welt das Bild präsentieren. Das war ein bewegender Moment. Das Warten und die Unsicherheit machen den Moment des Sehens und Entdeckens nochmal viel größer."
Heino Falcke, Astronom an der Radboud-Universität in Nimwegen
Warten auf … eine Mitgliederbefragung
"Erst kürzlich musste ich auf die Entscheidung der Mitglieder der SPD in meinem Wahlkreis warten. Das war der Horror. Es gibt Menschen, die sich gut ablenken können, um beim Warten nicht verrückt zu werden. Ich kann das nicht. Ich denke pausenlos daran. Schaue ständig ins Handy. Rede pausenlos drüber. Ich finde Warten unerträglich und bin froh, wenn’s vorbei ist."
Sawsan Chebli, SPD-Staatssekretärin im Berliner Senat
Warten auf … einen Sieg
"Ich hasse Warten. Bei mir muss es schnell gehen. Die längste Wartezeit in meinem Leben? Auf den ersten Sieg bei der Rally-Monte-Carlo. Wer hier gewinnt, ist der Rallye-König. 1972 habe ich den Entschluss gefasst, nachdem ich als Amateur bei der Olympia-Rally gegen die damaligen Stars wie Hannu Mikkola und Björn Waldegaard über weite Strecken in Führung lag. Die Rallye führte von Kiel nach München, wir fuhren auf Ford Capri und wurden wegen unserer "Disco-Schleuder" ausgelacht. Außerdem wurden wir konsequent aus den Wertungen gestrichen, weil alle meinten, es müsse ein Rechenfehler sein, dass die Startnummer 23 mit einer unbekannten Besatzung den Rally-Stars davonfuhr. Ich bin am Ende mit technischem Defekt ausgefallen, dachte aber: Wenn das so einfach geht, kannst Du auch die Monte gewinnen. Es hat acht Jahre gedauert, für mich eine lange Zeit. Ich erinnere mich aber genau an den Moment, als das Warten ein Ende hatte. Es war früh am Morgen, wir rasten die letzten Kilometer der Strecke die Berge herunter nach Monte Carlo zum Ziel. Die aufgehende Sonne tauchte alles in ein gleißendes Licht. Ich war zum ersten Mal in meinem Leben rundum zufrieden."
Walter Röhrl, Rennfahrer und zweifacher Rallye-Weltmeister
Warten auf … die richtige Gelegenheit
"Früher bedeutete das Warten auf die Sprints in meinen Radrennen immer Anspannung für mich. Im Radrennen musste ich früher oft auf den richtigen Moment warten. Ein Moment, der mir sofort in den Kopf schießt, ist mein erstes Rennen für das Team QuickStep 2016 in Dubai: Ich habe den Sprint perfekt angefahren bekommen. Ich hatte so viel Anspannung und Willen in mir, das Rennen zu gewinnen, dass ich auch verleitet war, zu früh loszufahren. Da sitzt du am Hinterrad von deinem Anfahrer und musst warten. 350 Meter, 320 Meter, 250 Meter und dann kurz vor 200 Metern fährst du los. Ich habe gewonnen und alle Anspannung war weg und das Warten hat sich gelohnt."
Marcel Kittel, ehemaliger Radprofi
Warten auf … Gleichberechtigung
"Passiv zu Warten ist etwas, was ich ungerne tue. Ich musste lernen, gelassener zu sein, wenn ich das Geschehen nicht beeinflussen kann. Als ich nach meinen Ingenieur-Abschlüssen trotz Top Qualifikation auf Einladungen zum Vorstellungsgespräch warten musste, habe ich mich ohnmächtig gefühlt. Trotz starken Selbstbewusstseins habe ich angefangen an mir zu zweifeln. Aber ich konnte nichts weiter tun, als mich immer wieder zu bewerben. Noch heute begegne ich Menschen aus diversen kulturellen Hintergründen, die die gleiche Erfahrung machen. Unsere Gesellschaft ist zwar divers, inklusiv ist sie aber nicht. Gerade im Tech-Bereich ist die Diversität der Mannschaft sehr überschaubar. Unsere kulturellen Vorurteile bringen wir den Maschinen bei und diese potenzieren sie noch. Ich warte auf den Tag, an dem der kulturelle Hintergrund kein Ausschlusskriterium bei der Besetzung von Tech-Jobs mehr ist. Das Warten tue ich aktiv, indem ich mich für mehr Diversität in der Tech-Branche einsetze. Und indem ich dafür plädiere, dass die künstliche Intelligenz so gebaut wird, dass sie unsere Vorurteile neutralisiert und die besten Bewerber für eine Stelle vorschlägt, egal woher sie stammen."
Kenza Ait Si Abbou, Managerin für Robotik bei der Deutschen Telekom
Warten auf … einen Schachzug
"Im Schach gibt es mehrere Arten des Wartens: Es gibt viele Situationen, wenn du auf den Zug deines Gegners wartest und nichts Dramatisches passiert. Dann gibt es Momente, wenn der Druck hoch ist. In diesen Momenten musst du deine Emotionen so gut wie möglich kontrollieren, weil Konzentration sehr wichtig ist. Am schlimmsten ist Warten für mich wahrscheinlich, wenn ich gepatzt habe und ich es weiß. Ich vermute, dass mein Gegner es auch weiß, aber ich will nichts preisgeben. Man hält den Atem an, es ist fast ein bisschen Terror."
Viswanathan Anand, ehemaliger Schach-Weltmeister
Warten auf … einen Film
"Mein ganzes Leben warte ich: Am Set, auf Drehbücher, auf meinen Hund beim Häufchen machen. Ich habe von März bis September darauf gewartet, dass wir den Netflix-Film "Unforgiven" weiterdrehen können, den ich produziere, mit Nora Fingscheidt als Regisseurin und Sandra Bullock in der Hauptrolle. Wegen Corona haben wir die Dreharbeiten in Kanada natürlich unterbrochen. Tatsächlich ist Geduld nicht gerade die Stärke der Ferres-Familie. Aber bei manchen Sachen hilft leider nur Warten, wie zum Beispiel auf das Ergebnis des letzten Coronatests, bevor ich ins Studio durfte."
Veronica Ferres, Produzentin und Schauspielerin
Warten auf … eine Blüte
"Wer sich mit Titanwurzen beschäftigt, muss sehr geduldig sein. Normale Pflanzen blühen ein Mal im Jahr. Die Titanwurz schafft es nur alle paar Jahre zur Blüte – und auch das nur, wenn man sie richtig pflegt. Sie kommt aus den Tropen und mag es warm und feucht. Wir überprüfen regelmäßig, wie groß und schwer die Knollen unserer Titanwurze sind, denn wenn sich die Blüte ankündigt, muss man schnell reagieren. Die Pflanze blüht nur für wenige Stunden. Das wäre auch mein Tipp fürs Warten: Man muss sich währenddessen beschäftigt halten. Dann wird es nicht langweilig. Wenn die Blüte los geht, ist das ein Spektakel. Wissenschaftler und Zuschauer strömen dann in den Garten. Die Pflanze wächst binnen kurzer Zeit mehrere Meter in die Höhe. Wenn sich ihre Blüte öffnet, kann man das übrigens nicht nur sehen – sondern auch riechen. Die Burschen stinken nämlich ganz ordentlich."
Dr. Carsten Schirarend, wissenschaftlicher Leiter am Botanischen Garten Hamburg
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