US-Wahl 2020: Was aus Donald Trumps Versprechen wurde
Icon: vergrößernGebrochene Versprechen: Trump bei einem Wahlkampfauftritt in Wisconsin
Foto: JONATHAN ERNST / REUTERS
Es ist einer der Lieblingssprüche des US-Präsidenten im Schlussspurt dieses Wahlkampfes 2020: "Ich bin nicht eingeknickt. Ich habe meine Versprechen gehalten. Und zwar alle", ruft Donald Trump seinen Anhängern gerne zu. Die jubeln dann begeistert.
"Promises made, promises kept" – mit diesem Slogan präsentiert Trump sich gerne als der Anti-Politiker, als angeblich erster und einziger ehrlicher Präsident, der tue, was er sage. Seine Botschaft ist klar: Er redet nicht nur, sondern liefert auch.
Stimmt das? Trump hat zwar zentrale Wahlversprechen von 2016 eingelöst, viele aber nur zum Teil. Bei anderen ist er kaum vorangekommen oder gescheitert. Meist hat er sich vor allem darauf verlegt, bestehende Gesetze oder internationale Vereinbarungen seiner Vorgänger aufzukündigen. Aber auch da ist es ihm nur in wenigen Fällen gelungen, sie durch eine nachhaltige eigene Politik zu ersetzen.
Hier die wichtigsten Versprechen Trumps – und was aus ihnen geworden ist.
Mauer und Einwanderung
Das Versprechen
Der Bau einer "großen, wunderschönen Mauer" an der US-Südgrenze zu Mexiko war 2016 wahrscheinlich Trumps wichtigstes und prominentestes Wahlversprechen. Er hat es stets verbunden mit der Versicherung, "dass Mexiko für die Mauer bezahlen wird". Außerdem stellte Trump einen generellen Stopp von illegaler Einwanderung in Aussicht.
Die Realität
Bis zum Ende dieses Jahres werden an der 2000 Meilen langen Grenze zwischen den USA und Mexiko neue Grenzbefestigungen mit einer Gesamtlänge von 450 Meilen fertiggestellt werden. Die neuen, höheren und massiveren Zäune befinden sich fast ausnahmslos an Stellen, an denen bereits Grenzanlagen vorhanden waren, sie ersetzen also nur bestehende Hindernisse.
Mexiko zahlt nicht für die neuen Zäune, die US-Steuerzahler tun das. Nach einem langen Haushaltsstreit zwischen Trump und den Demokraten hat der Präsident Mittel aus dem Verteidigungsetat des Pentagons zum Mauerbau abgezweigt.
Gesundheitspolitik
Das Versprechen
Im Wahlkampf haben Trump und die Republikaner stets damit geworben, die Gesundheitsreform von Barack Obama (Obamacare) rückgängig zu machen und durch einen besseren Plan zu ersetzen, der für viele Patienten günstiger ausfallen sollte. Sie halten Obamacare für einen zu starken Eingriff in die Freiheit der Bürger und Unternehmen.
Die Realität
Tatsächlich haben Trump & Co. bislang nur einzelne Teile von Obamacare verändert. Entfallen ist die Verpflichtung jedes Amerikaners, eine Krankenversicherung abzuschließen. Der Rest des Affordable Care Acts, wie das Gesetzespaket heißt, besteht aber fort.
Vor dem Supreme Court klagt die Trump-Regierung nun gegen andere Teile von Obamacare. Mit der neuen konservativen Mehrheit am Obersten US-Gerichtshofs könnte sie in den kommenden Wochen zumindest weitere Streichungen in dem Gesetz erreichen. Doch selbst wenn das gelingen sollte, bliebe Trumps Versprechen nur halb erfüllt: Er hätte die vorhandenen Regelungen gekippt, ohne sie durch eine eigene, sinnvolle Idee zu ersetzen. Die versprochene "bessere" Reform ist nicht in Sicht.
"America First"-Außenpolitik
Das Versprechen
Trump ist mit dem Slogan "America First" angetreten. Mit Blick auf die Außen- und Sicherheitspolitik bedeutete das für ihn vor allem, etliche internationale Verträge oder Mitgliedschaften in internationalen Organisationen zu hinterfragen, von denen er behauptete, sie seien "unfair" und für die USA nur von Nachteil. Dazu gehörte auch, die Nato-Partner dazu zu bringen, mehr in die Verteidigung zu investieren.
Die Realität
Tatsächlich haben sich die USA unter Trump Stück für Stück aus zentralen internationalen Verträgen und Organisationen zurückgezogen. Der Präsident hat die Beteiligung der USA am Pariser Klimavertrag aufgekündigt. Er hat Zahlungen für die Uno zurückgefahren und im Zusammenhang mit der Coronakrise auch die Zuschüsse seines Landes für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gestrichen.
Beim Streit um die Nato-Beiträge konnte Trump einige Fortschritte erzielen. Insgesamt haben die Nato-Länder ihre Verteidigungsausgaben seit seinem Amtsantritt um gut 130 Milliarden Dollar erhöht. Viele dieser Erhöhungen waren allerdings ohnehin geplant. Und: Deutschland, das von Trump in diesem Zusammenhang immer wieder am schärfsten kritisiert wurde, ist noch immer weit von dem Ziel entfernt, zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) für die Verteidigung auszugeben. Derzeit betragen die deutschen Verteidigungsausgaben etwa 1,3 Prozent des BIP.
Nahostpolitik
Das Versprechen
Trump hat mit Blick auf die Nahostpolitik gleich mehrere Versprechungen gemacht: Er hat in Aussicht gestellt, einen Frieden zwischen Israel und Palästinensern zu vermitteln, und er wollte die US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem verlegen.
Die Realität
Trump hat ein wichtiges Versprechen gehalten: Die Botschaft wurde tatsächlich verlegt, die USA haben damit offiziell den Status von Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannt. Aus dem in Aussicht gestellten Friedensschluss mit den Palästinensern ist indes bislang nichts geworden.
Doch es gibt auch einen historischen Erfolg in dieser Region: Im sogenannten Abraham Accord haben die USA einen Vertrag zur Normalisierung der Beziehungen zwischen Israel und den Vereinigten Arabischen Emiraten vermittelt. Zudem gibt es nun auch zwischen Israel und Bahrain Frieden.
IS und das Militär
Das Versprechen
Im letzten Wahlkampf versprach Trump, das nach seinen Worten "dezimierte" US-Militär zu stärken, die Terrormiliz IS "zur Hölle zu bomben" und die USA aus ihren "endlosen Kriegen" im Nahen Osten und Afghanistan abzuziehen.
Die Realität
Gemeinsam mit den Alliierten haben die US-Truppen die vom IS kontrollierten Gebiete im Irak und in Syrien befreit – aber auch das ist eine Fortsetzung des Obama-Kriegs. Terrorführer Abu Bakr al-Baghdadi brachte sich 2019 bei einer US-Razzia mit einer Suizidweste um. Trotz dieser Siege der USA ist der IS nach einer Analyse des Thinktanks CSIS aber dabei, sich neu zu formen, stellt also weiter eine internationale Gefahr dar.
Trump erhöhte die Verteidigungsausgaben, wobei sie weiter unter denen von Obama liegen. Er zog die allermeisten US-Truppen aus Syrien ab, ließ damit aber die kurdischen Verbündeten schutzlos zurück, was den Rücktritt seines damaligen Verteidigungsministers Jim Mattis provozierte. In Afghanistan reduzierte Trump die Zahl der US-Soldaten diese Jahr von 13.000 auf 8600, mit der Zusage, ganz aus dem Land abzuziehen, wenn das Friedensabkommen mit den Taliban hält.
Aufkündigung des Iran-Deals
Das Versprechen
Von einem "schrecklichen Atom-Deal" zwischen den USA und Iran sprach Donald Trump im Wahlkampf 2016. Für den Fall seines Sieges versprach er, einen weit besseren Vertrag mit Teheran herauszuschlagen. Den Mullahs sollte dabei jedes Recht auf nukleare Aufrüstung verwehrt bleiben, für alle Zeiten.
Die Realität
Trump hat den Iran-Deal Obamas zwar mit großem Pomp aufgekündigt. Beim Versuch, mit Teheran eine neue, bessere Vereinbarung auszuhandeln, ist er bislang aber keinen Schritt vorangekommen. Im Gegenteil: Nach der Tötung des iranischen Top-Generals Qasem Soleimani im Januar 2020 durch die USA stehen die Chancen auf Verhandlungen über ein neues Abkommen schlecht. Teheran beginnt sein Atomprogramm sogar schrittweise wieder aufzunehmen. Über kurz oder lang droht ein neuer Konflikt zwischen den USA und Iran.
Handelskriege und China
Das Versprechen
Von Anfang an hat Trump gegen die Handelsabkommen der USA mit anderen Ländern und Blöcken Stimmung gemacht. So bezeichnete er das North American Free Trade Agreement (Nafta) mit Mexiko und Kanada und die geplante Trans Pacific Partnership (TPP) als "Desaster". Außerdem versprach er, die "unfairen" US-Handelsdefizite mit China und Europa zu "korrigieren".
Die Realität
Trump hat Nafta und TPP aufgekündigt und US-Strafzölle auf viele Importwaren verhängt, nicht nur für die Partner der Pakte. An Stelle der Nafta trat das United States-Mexico-Canada Agreement (USMCA), eine verbesserte Fassung der 26 Jahre alten Nafta-Vorschriften. Die Beziehungen zwischen Washington und Peking sind nach einem langen, turbulenten Handels- und Zollkrieg zurzeit weitgehend eingefroren. Einem "Phase-One-Deal" beider Staaten folgten bisher keine konkreten Zusagen.
Das US-Handelsdefizit beträgt mittlerweile 67 Milliarden Dollar an – und ist damit so hoch wie seit 2006 nicht mehr.
Wirtschaft und Steuern
Das Versprechen
Trotz seiner enormen Verschuldung warb Trump 2016 mit dem Image des erfolgreichen Geschäftsmanns, der auch die US-Konjunktur verbessern könnte. Im jetzigen Wahlkampf prahlt er, dass die USA unter ihm "die großartigste Wirtschaft aller Zeiten" genossen habe, die nur von der Coronakrise ausgebremst worden sei. Auch versprach er massive Steuersenkungen für Privatbürger und Konzerne sowie eine Tilgung der Staatsverschuldung bis 2024 und einen neuen Börsenboom.
Die Realität
Bis zur Coronakrise ging es der US-Wirtschaft in der Tat prächtig, wobei das die Fortsetzung eines Trends war, der unter Obama begonnen hatte. Es war jedoch nie die "greatest economy ever", wie Trump behauptet. In seinen ersten drei vollen Amtsjahren wuchs die Wirtschaft durchschnittlich um 2,5 Prozent. Unter Obama waren es bis zu 3,1 Prozent gewesen.
Die Pandemie und das fahrlässige Versagen Trumps im Umgang damit machten alles zunichte. Die US-Wirtschaft dürfte 2020 nach Schätzung der Federal Reserve um 6,5 Prozent schrumpfen, die reale Arbeitslosenquote stieg zwischenzeitlich auf fast 20 Prozent. Die Lage beruhigte sich zuletzt zwar etwas, doch die neue Corona-Welle lässt einen harten Winter befürchten.
2017 beschlossen die Republikaner ein massives Steuerpaket. Doch die Körperschaftssteuern sanken weniger als versprochen, und die anderen Steuerkürzungen waren nur befristet und ungleich verteilt. Ihre Verlängerung wurde späteren Regierungen überlassen. Die Staatsverschuldung unter Trump ist explodiert, auf 27 Billionen Dollar. Der Dow-Jones-Leitindex der New York Stock Exchange legte seit Trumps Amtsantritt zwar um 34 Prozent zu, doch seit Ausbruch der Coronakrise wackelt er und stürzte vor allem in den letzten Tagen wieder ab.
Kulturkampf und Richter
Das Versprechen
Trump schwor, so viele konservative Richter wie möglich zu benennen, bis hinauf zum Supreme Court. Es war das wichtigste Versprechen für viele Wähler, die Trumps sonstige Politik ablehnten, sich aber deshalb mit ihm arrangierten. Ihre Hoffnung: das Abtreibungsrecht, die Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe, das erweiterte Wahlrecht, Umwelt- und Arbeitsschutzregeln und andere historische Fortschritte könnten so zurückgedreht werden.
Die Realität
Trump hat Wort gehalten. Mit Hilfe des republikanischen Chefsenators Mitch McConnell hat er drei Richterstellen am Supreme Court mit konservativen Juristen besetzt. Das ist zuletzt Richard Nixon gelungen. Die konservative Mehrheit des Obersten US-Gerichtshof hat sich somit auf 6:3 verfestigt – was Trump als erstes zugute kommen könnte, sollte im November die Wahl selbst vor dem höchsten Gericht landen.
Darüberhinaus hat Trump 217 Richter an die staatlichen Bezirks- und Berufungsgerichte berufen. Knapp ein Drittel aller US-Bezirksrichter sind damit von Trump bestellte Konservative. Der Rechtsruck der Gerichte, die die US-Politik langfristig prägen werden, ist Trumps größte Errungenschaft.
Icon: Der Spiegel

