Corona: Nach Aussagen von Ärztekammer-Präsident – was für die Wirksamkeit von Masken spricht
Icon: vergrößernAuch der Präsident der Ärztekammer sagt: Masken sind sinnvoll, wenn der Abstand nicht eingehalten werden kann
Foto: Kay Nietfeld / dpa
Etwa ab Minute 13 der Diskussion wirkte selbst Moderator Markus Lanz überrascht, was der Präsident der Ärztekammer, Klaus Reinhardt, am Donnerstagabend im ZDF über Alltagsmasken zu sagen hatte. Schließlich schien der Klassensprecher der deutschen Ärzteschaft eines der wenigen Mittel im Kampf gegen die Coronakrise anzuzweifeln: die Maskenpflicht.
Er sei von Alltagsmasken nicht überzeugt, so Reinhardt, "weil es keine wissenschaftliche Evidenz darüber gibt, dass die tatsächlich hilfreich sind – schon gar nicht im Selbstschutz und wahrscheinlich auch nur ganz wenig im Schutz, andere anzustecken." Im Zusammenhang mit der Maskenpflicht auf öffentlichen Plätzen sprach er von einem "Vermummungsgebot". Das alles sei seine persönliche Meinung, so Reinhardt. Keinesfalls wolle er sich in einem "in Anführungszeichen 'Maskenkrieg'" instrumentalisieren lassen. Lanz fragte daraufhin zu Recht: Kann es bei wissenschaftlicher Evidenz eine Meinung geben?
"Die Maskenpflicht ist in deutschen Fachkreisen nicht strittig"
SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach, selbst Arzt und Epidemiologe, forderte Reinhardts Rücktritt, wenn er seine Aussagen nicht umgehend zurücknehme. Was Reinhardt bei "Lanz" vorgetragen habe, sei wissenschaftlich unhaltbar. "Die Maskenpflicht ist in deutschen Fachkreisen nicht strittig", sagte Lauterbach.
Ein Grund für die anhaltende Debatte: Experten hatten zu Beginn der Coronakrise zunächst gehadert, Alltagsmasken zu empfehlen. Die Sorge war groß, die Maske könnte in falscher Sicherheit wiegen und die Tragenden dazu bringen, sich seltener an Abstandsregeln zu halten. Zudem waren Masken zu der Zeit nur schwer zu bekommen.
Als jedoch klar wurde, dass Menschen das Virus schon weitergeben können, ehe sie selbst etwas von der Infektion bemerken, schwenkte das Robert Koch-Institut (RKI) um. Denn wenn praktisch jeder ansteckend sein kann, ohne es zu wissen, ist es sinnvoll, wenn auch jeder eine Maske trägt. Seit Mitte April empfiehlt das RKI deshalb überall dort eine Maske zu tragen, wo Abstandsregeln nicht eingehalten werden können – beispielsweise in öffentlichen Verkehrsmitteln oder im Supermarkt.
Inzwischen haben Wissenschaftler Dutzende Untersuchungen vorgelegt, die für die Wirksamkeit von Masken in der Coronakrise sprechen. Einige Beispiele:
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Das Coronavirus verbreitet sich über Atemtröpfchen und Aerosole. Mehrere Analysen konnten zeigen, dass Masken in der Lage sind, diese erheblich zurückzuhalten. (Zum Beispiel hier und hier).
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In einer Studie mit Hamstern sank das Infektionsrisiko mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 um 75 Prozent, wenn die benachbarten Käfige mit infizierten Artgenossen mit dem Stoff einfacher OP-Masken versehen waren. Waren nur die gesunden Hamster durch den Maskenstoff geschützt, sank das Risiko immerhin um 25 Prozent. Das spricht dafür, das Masken auch einen gewissen Eigenschutz bieten.
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Anfang Juni hatten Forscher im Fachblatt "Lancet" untersucht, wie sich das Virus ausgebreitet hatte. Masken könnten demnach das Infektionsrisiko möglicherweise deutlich senken, die Schätzungen schwanken zwischen zehn und 14 Prozent.
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Nachdem am Universitätskrankenhaus Hamburg-Eppendorf eine Maskenpflicht für das Krankenhauspersonal eingeführt wurde, kam es nur noch zu wenigen Ansteckungen.
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In einer noch nicht von unabhängigen Experten bewerteten Analyse der Oxford University in 41 Ländern, konnte eine Maskenpflicht den Reproduktionsfaktor leicht senken, im Mittel um zwei Prozent. Klingt wenig, allerdings hatten viele der Länder schon andere Maßnahmen zum Infektionsschutz eingeführt, ehe Masken zur Pflicht wurden. In Ländern wie China und Südkorea, wo schon früh eine Maskenpflicht galt, zeigte sich ein größerer Effekt. Die Forscher vermuten deshalb, die Effektivität von Masken könnte sich deutlicher zeigen, wenn andere Maßnahmen wieder heruntergefahren werden.
Doch warum müssen Wissenschaftler auf Hamster und Hochrechnungen zurückgreifen, um die Wirksamkeit von Masken in der Coronakrise zu belegen?
Theoretisch wäre der sicherste Beweis, einen Infizierten mit anderen in einen Raum zu sperren und abzuwarten, ob das Tragen einer Maske eine Infektion verhindert. Human Challenge Studien, bei denen Menschen absichtlich Krankheitserregern ausgesetzt werden, sind jedoch umstritten. Man müsste in Kauf nehmen, dass die vormals gesunden Probanden schwer erkranken. Solange es keine Medikamente gibt, die Covid-19-Todesfälle zuverlässig verhindern, hält das Paul-Ehrlich-Institut solche Studien in der Coronakrise deshalb für nicht vertretbar.
Allerdings haben Studien schon vor der Coronakrise gezeigt, dass Masken vor Viren schützen können. Ein britisches Forschungsteam hatte mehrere Stoffe auf ihre Durchlässigkeit geprüft und dabei das für den Menschen ungefährliche Escherichia Virus MS2 eingesetzt. Ergebnis: Eine OP-Maske konnte 90 Prozent der Viren beim Ausatmen zurückhalten, ein Geschirrtuch immerhin noch 70 Prozent und ein Schal 49 Prozent. Eine andere Studie zeigte, dass OP-Masken auch Grippe-, Rhino- und eng mit Sars-CoV-2 verwandte Coronaviren, die Menschen krank machen können, zurückhalten konnten.
"Die Maske hat eine Wirkung, ja. Punkt"
Jede einzelne Studie mag ihre Schwächen haben, doch zusammengenommen haben sie eine wissenschaftliche Wucht, sodass sich Experten inzwischen einig sind: Alltagsmasken können das Infektionsrisiko senken, sind aber kein Ersatz für Abstandhalten, gründliches Händewaschen, Lüften und andere Corona-Beschränkungen.
Das sieht im Übrigen auch Ärztekammerpräsident Reinhardt so. Im Verlauf der Diskussion mit Lanz relativierte er seine vorherigen Aussagen und sagte: "Die Maske hat eine Wirkung, ja. Punkt." Es komme jedoch darauf an, wie sie getragen werden – als Alltagsmaske oder halb feucht und eine Woche nicht gewaschen, sei etwas anderes. (Wie man Masken richtig pflegt, können Sie hier nachlesen.) Auch eine Maskenpflicht an der frischen Luft – etwa auf Marktplätzen – halte er für "medizinischen Unsinn".
Tatsächlich ist eine Ansteckung an der frischen Luft deutlich unwahrscheinlicher als in geschlossenen Räumen. Das RKI empfiehlt dennoch grundsätzlich, den Mund-Nasen-Schutz auch draußen zu tragen, falls der Mindestabstand nicht eingehalten werden kann. Auch Reinhardt machte nun in einer Stellungnahme mit der übrigen Ärztekammerspitze klar: Das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes sei sinnvoll, wenn der Mindestabstand nicht eingehalten werden kann.
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