Donald Trump gegen Joe Biden: Sie können auch anders
Icon: vergrößernDonald Trump und Joe Biden trafen in Nashville aufeinander
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Wieder Chaos, wieder Durcheinander und brutales Geschrei? Was war nicht alles befürchtet worden im Vorfeld dieses zweiten TV-Duells zwischen Donald Trump und Joe Biden, dem letzten vor der Wahl am 3. November. Doch dann das: Die Kontrahenten gaben sich auf der Bühne in Nashville, Tennessee, überraschend zivil, fast schon handzahm.
"Sie machen das wirklich hervorragend", säuselte Donald Trump zwischendurch der Moderatorin Kristen Welker zu. Joe Biden lächelte freundlich und schaute auf die Uhr, wie ein netter alter Herr, der auf den Bus wartet.
Hinter der scheinbar freundlichen Fassade kamen gleichwohl immer wieder die vollkommen unterschiedlichen Temperamente, Charaktere und politischen Ansichten der beiden Kandidaten zum Vorschein. In der Sache wurde mindestens genauso hart, ja, erbarmungslos gestritten wie beim ersten TV-Duell Ende September. Und auch diesmal war die tiefe gegenseitige Abneigung zwischen Trump und Biden klar zu spüren.
Wie schlug sich Donald Trump?
Für den Präsidenten stand bei diesem Aufeinandertreffen klar mehr auf dem Spiel. Trump liegt in fast allen wichtigen Umfragen landesweit und in wichtigen Einzelstaaten hinter seinem Kontrahenten Biden. Das TV-Duell war vielleicht seine letzte Chance, unentschlossene Wähler für sich zu gewinnen.
Trump schlug einen ruhigeren Ton an. Offenkundig hatte er sich vorgenommen, ausnahmsweise auf einige seiner Berater zu hören. Sie warnen ihn schon seit Wochen davor, dass sein aggressiver Stil vor allem weibliche Wähler abschrecke. So versuchte der Präsident, präsidial zu wirken. Meist ließ er sowohl die Moderatorin als auch Biden ausreden und hielt sich an die zuvor verabredeten Redezeiten.
Mehrfach konnte der ruhigere Trump auch Punkte gegen Biden setzen: Wie schon im Wahlkampf 2016 gegen Hillary Clinton präsentierte sich Trump als der politische Außenseiter, der den Politikbetrieb in Washington aufmischen wolle. Er zeichnete Biden als typischen Karrierepolitiker, der viel rede, aber wenig zustande bringe. "Sie sind doch seit Jahrzehnten in der Politik, warum haben Sie die Pläne, die Sie immer vorstellen, nicht längst umgesetzt?", hielt er Biden vor. Es war seine wohl wirksamste Attacke an diesem Abend.
Zugleich nutzte Trump seine Redezeiten dazu, vor allem sich selbst zu loben. Er nannte das Management seiner Regierung in der Coronakrise vorbildlich und versprach eine Impfung gegen das Virus, die schon in wenigen Wochen zur Verfügung stehen werde.
Wirklich konkrete, neue Pläne zur Bekämpfung der Coronakrise, zur Gesundheitspolitik oder zum Wiederaufbau der Wirtschaft blieb der Präsident indes – wieder einmal – schuldig. Auch Fragen nach seiner Steuererklärung, die er seit Jahren nicht veröffentlichen will, wich er erneut aus.
Wie eine Verzweiflungstat wirkten Trumps wiederholte Attacken auf Joe Bidens Sohn Hunter: Seit Tagen versuchen Trump-treue Medien wie die "New York Post" mithilfe dubioser E-Mails, die von Bidens Sohn Hunter stammen sollen, eine Korruptionsaffäre um den Biden-Clan nachzuweisen. Trump warf Biden vor, alles in der Sache deute darauf hin, dass er ein "korrupter Politiker" sei.
Was Trump nicht sagte: Andere Medien konnten die Echtheit der E-Mails bisher nicht bestätigen, und Fachleute äußerten zuletzt erhebliche Zweifel an ihrem Wahrheitsgehalt, einige vermuten dahinter eine russische Desinformationskampagne.
Wie schlug sich Joe Biden?
Für große Begeisterung bei seinen Anhängern und einen knallenden Startschuss zum Wahlkampf-Endspurt dürfte Biden mit diesem Auftritt nicht gesorgt haben. Die gute Nachricht für ihn und die Demokraten: Das musste er gar nicht. Der Ex-Vizepräsident konnte sich dank seines Vorsprungs in den Umfragen auf die Abwehrarbeit konzentrieren.
Dabei musste er sich einer Frage den Erwartungen zum Trotz gar nicht stellen: Er kam drumherum, darzulegen, wie er es mit einer möglichen Aufstockung der Richterposten am Supreme Court hält. Weder Trump noch die Moderatorin Welker machten dies zum Thema. Biden hatte in einem kurz vor der Debatte veröffentlichten Interview gesagt, dass er eine Kommission einsetzen werde, um die Frage einer Gerichtsreform zu prüfen.
Biden vermied zudem – bei ihm immer ein Grund zur Sorge – größere verbale Patzer und geistige Aussetzer.
Darüber hinaus galt es für den Demokraten, die Attacken gegen seinen Sohn Hunter zu parieren. Biden tat dies, indem er in die Offensive ging: Trumps Vertrauter Rudy Giuliani, der die Veröffentlichungen über Hunter Biden ins Rollen gebrachte hatte, sei eine "russische Marionette", ätzte Biden in Richtung des Präsidenten.
Von dort war es aus Bidens Sicht ein nahtloser Übergang zur Außenpolitik, seinem vielleicht stärksten Gebiet an diesem Abend. Sein Sohn Hunter habe kein Geld in China verdient, so Biden. Das habe nur einer: Trump selbst. Die "New York Times", der einige von Trumps Steuererklärungen zugespielt worden waren, machte zuletzt öffentlich, dass Trump über ein bisher nicht bekanntes chinesisches Bankkonto verfügt.
Biden, nun in seinem Element, attackierte Trump als Nichtstaatsmann, der bestens mit Diktatoren wie Kim Jong Un oder Autokraten wie Wladimir Putin klarkomme, aber die eigenen Freunde und Verbündeten verprelle. Er selbst hingegen, so Bidens Vortrag, werde als Beschützer amerikanischer Souveränität auftreten: Ob Russland, China oder Iran, wer immer sich in US-Wahlen einmische, werde "einen Preis zahlen".
Biden versuchte, sich auch nach innen als präsidiale Figur zu präsentieren: als jemand, der das Land einen und heilen würde, ein Präsident für alle Amerikaner. Auf einem wichtigen Gebiet gelang es ihm während der Debatte aber nicht, eine Vision für die Zukunft zu präsentieren: Bei der Coronakrise beschränkte der Demokrat sich darauf, Trumps Politik anzugreifen. Die Gelegenheit, genauer darzulegen, weshalb er der Richtige sei, um das Land aus der Krise zu führen, ließ er weitestgehend verstreichen. Er hielt nur zwei Mal seine Maske in die Höhe und erklärte, seiner Meinung nach, sollte jeder Amerikaner diese ständig tragen.
Beim Thema Rassismus konnte Biden einen wunden Punkt nicht wirksam verteidigen. Er hatte in den Neunzigerjahren als Senator an einer Verschärfung des Strafrechts mitgewirkt, die vor allem Schwarze bis heute hart trifft. Seine Verteidigung gegen diese Attacken Trumps blieb das, was sie schon seit Monaten ist: wenig überzeugend.
Kann Trump so noch aufholen?
Für Trump war es sicherlich ein Pluspunkt, dass er sich diesmal benahm. Er wirkte schon deshalb deutlich präsidialer als beim ersten Duell der beiden. Ein Erfolg für ihn. Bidens Auftritt war wenig inspirierend. Er leistete sich aber keine größeren Patzer und ließ sich auch nicht von Trump in die Defensive bringen. Er hat damit sein Soll erfüllt.
Das Duell blieb so im Gleichgewicht. Es dürfte auf den letzten Metern des Wahlkampfs keine größeren Bewegungen nach sich ziehen, weder in die eine noch in die andere Richtung. Falls doch, wird man das spätestens Anfang nächster Woche in den ersten, qualitativ hochwertigeren Umfragen sehen.
Für Trump wird die Zeit immer knapper: Viele Millionen US-Wähler haben ihre Stimme schon abgegeben, jeden Tag werden es beim sogenannten Early Voting mehr. Und: Umfragen zeigen, dass es diesmal deutlich weniger unentschlossene Wähler gibt als 2016. Damals konnte Trump nach dem letzten TV-Duell gegen Hillary Clinton viele dieser Wähler noch zu sich herüberziehen.
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