Russen schockiert über Angriff: “Ganz Moskau brennt! Alles brennt!”
Politik
Russen schockiert über Angriff"Ganz Moskau brennt! Alles brennt!"
19.06.2026, 10:30 Uhr
Von Artur WeigandtArtikel anhören(06:34 min)00:00 / 06:34
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Der Himmel über Moskau färbte sich schwarz. Rußpartikel rieselten auf Autos und Balkone. Und plötzlich stellten sich Millionen Russen dieselbe Frage: Wie soll man jetzt noch so tun, als ginge sie das alles nichts an?
Die Nacht zum Donnerstag und die folgenden Stunden werden die vielen Bewohner Moskaus nicht so schnell vergessen. Die russische Hauptstadt erlebte den schwersten ukrainischen Drohnenangriff seit Beginn des Krieges. Drohnenangriffe auf russisches Territorium gab es schon früher – auf Grenzregionen wie Belgorod oder Kursk, gelegentlich auch auf Moskaus Außenbezirke. Doch was in dieser Nacht geschah, übertraf alles Bisherige. Hunderte Flugkörper näherten sich der Region Moskau, und mehrere von ihnen schafften es bis zur Ölraffinerie im Stadtteil Kapotnja im Südosten der Stadt.
Dichte schwarze Rauchwolken stiegen in den Nachthimmel auf, Feuer wüteten an verschiedenen Orten. In manchen Wohnvierteln fiel sogenannter "schwarzer Regen" – feine Rußpartikel, die von den Flammen emporgetragen wurden und sich wie dunkle Asche auf Autos, Balkone und Gehwege senkten. Flughäfen wurden vorübergehend geschlossen, der Verkehr auf der Moskauer Ringstraße stockte, Trümmerteile schlugen in Wohngebiete und ein Einkaufszentrum ein. Mindestens 16 Menschen wurden verletzt.
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Während offizielle Stellen eilig von einem "erfolgreichen Abfangen" der meisten Drohnen sprachen und Entwarnung zu geben versuchten, zeichneten Handyvideos aus der Bevölkerung und Augenzeugenberichte ein deutlich anderes Bild: Der Krieg, den die russische Staatsführung seit mehr als drei Jahren als ferne "Spezialoperation" bezeichnete und der vielen Moskauern nur aus den Abendnachrichten bekannt war, hatte sich plötzlich und unübersehbar in die Hauptstadt vorgearbeitet.
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"Blyat… Was zum Teufel ist das denn?!"
In den sozialen Netzwerken und Messenger-Kanälen brach sich unmittelbar nach den ersten Einschlägen ein breites Spektrum an Emotionen Bahn. Viele Moskauer beschrieben ein Gefühl des Unglaubens, des Schocks und der Hilflosigkeit. Der Satz "Ganz Moskau brennt! Alles brennt!" – kursierte in Dutzenden von Videos, die aus fahrenden Autos oder aus Wohnungsfenstern heraus gefilmt worden waren, teils verwackelt, teils erschreckend klar.
Besonders ein Video verbreitete sich rasend schnell: Ein Autofahrer filmte sich selbst, wie er über eine Brücke fuhr, während im Hintergrund aus dem Autoradio "Tokyo Drift" lief – der Song, der im Internet eigentlich mit lässigen Stunts und coolen Verfolgungsjagden assoziiert wird. Doch statt der erwarteten Gelassenheit waren nur ungläubige Flüche zu hören: "Blyat… Was zum Teufel ist das denn?!" Im Hintergrund war der Feuerschein über der Raffinerie deutlich zu sehen.
Andere Nutzer schilderten das Chaos der frühen Morgenstunden in persönlichen Worten. "Ich bin aufgewacht, weil es so laut geknallt hat. Erst dachte ich, es ist ein Gewitter. Dann habe ich den Rauch gesehen und Sirenen gehört", schrieb eine Frau aus dem Südosten Moskaus in einem Telegram-Kanal. Ein weiterer Nutzer, der in der Nähe der Raffinerie lebt, postete ein Foto seines rußbedeckten Autos: "Schwarzer Regen auf meinem Wagen. Das riecht nach verbranntem Öl. Wie soll man da noch normal leben? Wie soll man morgens einfach zur Arbeit fahren, als wäre nichts gewesen?"
Keine Warnung, kein Alarm, wenig Luftabwehr
Neben dem persönlichen Schock meldeten sich viele Russen auch mit konkreter Kritik zu Wort – vor allem an der russischen Luftabwehr. "Wo war die ganze Zeit die PVO?", fragten zahlreiche Nutzer. Die Abkürzung meint die russische Luftabwehr. "Die haben Milliarden für die Verteidigung Moskaus ausgegeben – und dann das?" Andere machten ihrem Frust mit beißendem Sarkasmus Luft: "Keine Sirene, keine Push-Benachrichtigung. Einfach plötzlich Explosionen und Rauch. Man erfährt es, weil die Nachbarn schreien."
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Dunkler Humor mischte sich unter die Empörung. Viele schrieben: "Das ist jetzt also Moskau. Früher war es Belgorod. Dann Kursk. Jetzt sind wir dran." Jemand schrieb: "Wie soll man jetzt noch ernsthaft behaupten, der Krieg gehe uns nichts an?" Das Narrativ der "Spezialoperation" – weit weg und kontrolliert, schien für viele in dieser Nacht zusammenzubrechen.
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Pro-Kreml-Stimmen forderten ihrerseits eine noch härtere militärische Antwort auf die Ukraine. Doch auch in diesen Kreisen war die Enttäuschung über das offensichtliche Versagen der Luftabwehr offensichtlich. Manche sogenannte Z-Blogger, die den Krieg sonst enthusiastisch kommentieren, warnten offen davor, dass die russische Zivilbevölkerung nun "lernen müsse, mit dem Krieg im Hinterland zu leben".
Besonders scharf wurde der Kontrast wahrgenommen, der sich zwischen dem brennenden Moskau und den Bildern aus Kasan auftat. Während über der Hauptstadt Rauchwolken aufzogen, hielt Präsident Wladimir Putin in der tatarischen Stadt Reden zum ASEAN-Gipfel – über Wirtschaft, internationale Zusammenarbeit und die "multipolare Weltordnung". Den Drohnenangriff auf die eigene Hauptstadt sprach er nicht direkt an.
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In sozialen Netzwerken wurden Videos, auf denen Putin lächelnd mit internationalen Gästen posierte, mit Fotos der brennenden Raffinerie montiert und nebeneinandergestellt. Ein populärer russischer Post fasste die Stimmung in einem Witz zusammen: "Warum hat die Luftabwehr nicht funktioniert? Weil Putin sie mit nach Kasan genommen hat."
Für viele Moskauer stand in dieser Nacht fest, dass der Krieg nicht mehr nur "irgendwo da draußen" stattfindet, nicht mehr nur ein Thema für Frontberichte und Propagandasendungen ist. Der 18. Juni war der Tag, an dem er endgültig in der Hauptstadt ankam – sichtbar, riechbar, hörbar. Und für viele ist schwer vorstellbar, dass er jemals wieder so weit weg sein wird wie noch vor wenigen Tagen.

