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Wie stark ist Russland wirklich?: “Der Bedarf an ‘Menschenmaterial’ ist so groß, dass kaum Zeit für Ausbildung bleibt”

May 09
17:07 2026

Politik

Wie stark ist Russland wirklich?"Der Bedarf an 'Menschenmaterial' ist so groß, dass kaum Zeit für Ausbildung bleibt"

09.05.2026, 14:03 Uhr b58b01e6-b3b2-4108-ace9-39b8c6dbd390Interview: Hubertus VolmerArtikel anhören(13:03 min)00:00 / 13:03

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Russische-Soldaten-nehmenm-an-der-Militaerparade-zum-Tag-des-Sieges-in-Moskau-teil-dpa-Bildfunk
Russische Soldaten nehmen an der Militärparade zum Tag des Sieges in Moskau teil. (Foto: picture alliance/dpa/Pool EPA)

Das russische Regime steht vor einem Dilemma, sagt der Historiker Matthias Uhl. Eigentlich müsse es den Krieg beenden, um sein politisches Überleben zu sichern. Andererseits müsse es den Krieg weiterführen, um sein politisches Dasein zu rechtfertigen.

Uhl hat in einem Buch die militärische Stärke Russlands analysiert. Sein Fazit: "Ich sehe nicht, dass Russland für einen eventuellen Konflikt mit der Nato zusätzliche Kräfte aufstellen könnte." Das ist keine Absage an eine weitere Aufrüstung. Szenarien aus dem vergangenen Jahr wie das vom "letzten Sommer im Frieden" sieht Uhl allerdings skeptisch. "Warnungen können wichtig sein, um die Gesellschaft wachzurütteln. Aber nicht jede Warnung entspricht der Realität."

ntv.de: Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Russland täglich mindestens 900 Soldaten verliert. Wie lange kann eine Armee einen solchen Verlust durchhalten?

Matthias Uhl: Die Kriegsgeschichte zeigt, dass man das relativ lange durchhalten kann. Es kommt darauf an, wie der sogenannte Nachersatz organisiert ist.

Wie gut haben die Russen ihren personellen Nachschub organisiert?

Um den Druck des Krieges für die Bevölkerung möglichst gering zu halten, setzen sie auf sogenannte Freiwillige, die für hohe Prämien angeworben werden. Die Frage ist, ob dieses Modell angesichts der hohen Opferzahlen noch lange funktioniert. Denn die Zahl der Freiwilligen nimmt ab.

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Der Historiker Matthias Uhl war von 2005 bis zu dessen Schließung 2023 am Deutschen Historischen Institut in Moskau tätig. Seither arbeitet er im Max-Weber-Netzwerk Osteuropa. (Foto: picture alliance/dpa)

Weil viele mitbekommen, wie hoch das Risiko ist, an der Front zu sterben?

Die Anwerbezahlen gehen bereits seit 2023 nach unten. Aktuell scheint es jedoch erstmals einen regelrechten Einbruch zu geben: Pro Monat war das Ziel, mindestens 30.000 Freiwillige anzuwerben. Die Zahl für das erste Quartal 2026 liegt allerdings bei etwas über 70.000. Zugleich ist es erstmals so, dass die Zahl der Getöteten die Zahl der Freiwilligen übersteigt.

Warum setzt Russland dann nicht auf eine allgemeine Mobilisierung?

Das liegt wohl an den Erfahrungen mit der ersten Mobilisierungswelle vom September 2022, als 300.000 zusätzliche Soldaten einberufen werden mussten, um einen Zusammenbruch der Front zu verhindern. Für die russische Regierung gab es damals unschöne Bilder von jungen Männern, die massenhaft versuchten, aus Russland herauszukommen. Mittlerweile ist der Krieg im fünften Jahr, die Belastungen für die Bevölkerung nehmen zu. Deshalb scheut sich die Regierung noch, zusätzlich Unruhe zu schüren. Offenbar merkt sie, dass das Protestpotenzial stärker wird.

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Gibt es dieses Protestpotenzial denn? Während des Afghanistankriegs von 1979 bis 1989 gab es das Komitee der Soldatenmütter. Vergleichbares findet derzeit nicht statt.

Das aktuelle Regime ist hier repressiver als die Sowjetunion. Schon zu Beginn dieses Kriegs wurden für jede Art von Protest harsche Strafen verhängt – bis zu acht Jahre Gefängnis für das Verteilen von Aufklebern gegen den Krieg. Das hat viele Menschen abgeschreckt. Und natürlich hat ein großer Teil der russischen Bevölkerung das sowjetische Erbe im Hinterkopf – da ist die Protestbereitschaft ohnehin gering. Dazukommt, dass die fortschrittlichen Kräfte in die innere oder äußere Emigration gegangen sind. Damit fehlt wichtiges Protestpotenzial, gleichwohl nimmt die Unzufriedenheit mit der zunehmenden Dauer der "Spezialoperation" zu.

Sie beschreiben in Ihrem Buch die Praxis der "Obnulenie", des "auf null Setzens", also die Ermordung von Soldaten durch Vorgesetzte. Sind das Auswüchse oder Normalität?

Das ist ein beliebtes Mittel der Kommandeure, um Kritik innerhalb der Streitkräfte auszuschalten. Die anderen Soldaten sollen sehen: Wer den Befehlen nicht folgt, muss mit dem sicheren Tod rechnen.

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Sie beschreiben Fälle, in denen Soldaten wenige Wochen nach ihrer Einberufung im Krieg ums Leben gekommen sind.

Teilweise sind es nur wenige Tage. Für uns ist das unvorstellbar. Kürzlich äußerte ein bekannter russischer Militärblogger, 85 Prozent der Verluste beträfen neu angeworbene Soldaten. Das spricht für ein extrem schlechtes Ausbildungsniveau. Der Bedarf an Nachschub von "Menschenmaterial" ist offenbar so groß, dass die Armee glaubt, nicht viel Zeit für die Ausbildung aufwenden zu können.

Sind die Verluste auf der ukrainischen Seite ähnlich hoch wie bei den Russen?

Sie sind wahrscheinlich geringer, weil sich die Ukraine in der Verteidigung befindet. Aus den Erfahrungen vergangener Kriege weiß man, dass die Verlustrate zwischen Verteidiger und Angreifer bei eins zu drei bis eins zu vier liegt. Aber natürlich sind diese Verluste für die Ukraine schwer zu ertragen. Die Ukrainer sind motiviert, weil sie ihre Heimat verteidigen. Aber wir sehen durchaus, dass die ukrainischen Streitkräfte vor der Herausforderung stehen, ausreichend Soldaten zu mobilisieren. Auch deshalb setzt die Ukraine so vehement auf Drohnen.

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Wie steht es um die Materialverluste? Kann Russland beispielsweise den Verlust von Panzern ausgleichen?

Mittlerweile ist Russland gezwungen, beim Transport von Soldaten an die Front vorwiegend auf leichte Fahrzeuge zu setzen. Offensichtlich stehen Schützenpanzer oder andere gepanzerte Fahrzeuge nicht mehr in ausreichender Zahl zur Verfügung. Im Moment können wir davon ausgehen, dass rund 14.000 russische Schützenpanzer verloren gegangen sind. Bei den Panzern liegt die Zahl irgendwo zwischen 5500 bis 7500. Das ist ein großer Aderlass. Aber bedingt durch den Drohnenkrieg nimmt die Rolle der gepanzerten Kräfte ab: Dies ist kein Panzerkrieg mehr. Die Drohnen sorgen für ein gläsernes Gefechtsfeld, in dem es nicht mehr möglich ist, erfolgreich mit massierten mechanisierten Truppen vorzustoßen.

Dieser Krieg ist auch ein Rüstungswettlauf, gerade im Bereich der Drohnen. Kann man sagen, dass eine Seite dabei die Nase vorn hat?

Im Moment ist die Ukraine im Vorteil. Mit Blick auf die Drohnen war das bereits zu Beginn des Krieges so. Dann haben die Russen aufgeholt, vor allem durch den Einsatz von glasfasergelenkten Drohnen, die unempfindlich gegen elektronische Abwehrmaßnahmen sind. In den letzten Monaten scheint es aber so zu sein, dass die Ukrainer erneut technisch voraus sind.

Warum?

Zum einen, weil SpaceX das Internetsystem Starlink für die russische Armee abgeschaltet hat. Aber auch durch eigene Entwicklungen, die nunmehr nahezu alle Entfernungsbereiche abdecken. Ganz deutlich sieht man das bei den Angriffen auf die Öl- und Gasanlagen in Tuapse oder auf Perm. Da ist erkennbar, dass die Ukraine hier ein strategisches Konzept verfolgt: Sie haben zunächst die russische Luftabwehr weitgehend dezimiert und die dadurch freiwerdenden Räume dann genutzt, um mit ihren Drohnen tiefer ins Landesinnere vorstoßen zu können. Das sind mittlerweile für Russland mehr als nur Nadelstiche.

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Im Winter gab es immer wieder Meldungen darüber, dass die nächtlichen Luftangriffe der Russen auf die Ukraine so stark waren wie nie. Das wirkte, als sei die russische Raketenproduktion quasi unerschöpflich.

Wir sehen an den Zahlen der Raketen, die im Jahresverlauf zum Einsatz gebracht werden, dass dem nicht so ist: Im Sommer versucht Russland, Bestände anzuhäufen, um im Winter die Energieversorgung besonders hart zu treffen. Aber unerschöpflich sind die Bestände nicht, denn gerade zu Jahresanfang 2025 und 2026 gingen die Zahlen der eingesetzten Raketen um bis zu 50 Prozent zurück, was für schwindende Depots spricht. Bislang hat Russland es nicht geschafft, die ukrainische Stromversorgung komplett auszuschalten.

Sie schreiben, der Rüstungssektor habe "mittlerweile alle wesentlichen Bereiche der Wirtschaft Russlands erfasst". Kann ein Staat, der so organisiert ist, auf Krieg verzichten?

Ich würde sagen: Er muss auf Krieg verzichten, um überleben zu können. Denn dieses System verschlingt enorme Ressourcen. Am Beispiel der Sowjetunion haben wir gesehen, wozu diese überbordenden Rüstungsanstrengungen führen: Infolge der massiven Aufrüstung konnte die Sowjetunion ihr Überleben nicht mehr gewährleisten.

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Glauben Sie, dass der Kreml noch mit einem Sieg rechnet? Oder reicht ihm der Erhalt des Status quo – ein ewiger Krieg, in dem die Ukraine zwar nicht erobert wird, sich aber auch nicht politisch und wirtschaftlich weiterentwickeln kann?

Ich glaube, Putin erkennt schon, dass er langfristig da raus muss, um sein politisches Überleben zu sichern. Er steht allerdings vor dem Dilemma, dass er definieren muss, was ein Sieg ist. Reicht es, Luhansk und den Donbass zu erobern? Die eigenen Kriegsziele hätte er dann nicht erreicht, denn das war die Beseitigung der unabhängigen, demokratischen Ukraine. Nach einem solchen Minimalsieg könnte gefragt werden, ob die Opfer nicht vergebens waren.

Um genau dieses Dilemma scheint es Kämpfe zwischen den russischen Machtzentren zu geben. Die einen sagen: Wir müssen den Krieg beenden, um unser Überleben zu sichern. Die anderen sagen: Wir müssen den Krieg weiterführen, um unser politisches Dasein zu rechtfertigen.

Sie machen in Ihrem Buch deutlich, dass Sie von Warnungen wie der vom "letzten Sommer im Frieden" oder dem Narwa-Szenario – einem russischen Angriff auf das Nato-Mitglied Estland – nicht überzeugt sind. Warum nicht?

"Der letzte Sommer im Frieden" war eine rhetorische Zuspitzung, um zu zeigen, dass die Gefahr real ist, die von Russland ausgeht. Das Narwa-Szenario allerdings scheint mir im Moment unwahrscheinlich zu sein. Ich glaube nicht, dass Russland derzeit die Ressourcen hätte, einen Konflikt mit einem sehr viel stärkeren Gegner vom Zaun zu brechen. Warnungen können wichtig sein, um die Gesellschaft wachzurütteln. Aber nicht jede Warnung entspricht der Realität.

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Gilt das auch für die Warnung von Verteidigungsminister Pistorius? Er sagte im vergangenen Jahr, Russland könne bis 2029 in der Lage sein, Nato-Territorium anzugreifen.

Der Verteidigungsminister hat das vor einem Jahr gesagt – da befand sich die Ukraine in einer wirklich schwierigen Situation. Damals gab es Befürchtungen im Westen, das Land könne diesen Krieg verlieren, weil die USA ihre Unterstützung mit Waffenlieferungen beendet hatten. Der weitere Verlauf des Krieges zeigte allerdings, dass Russland trotzdem keine weiteren Fortschritte erzielen konnte. Die Lage an der Front hat sich nicht verändert, hier besteht weiter eine Patt-Situation. Ich sehe nicht, dass Russland für einen eventuellen Konflikt mit der Nato zusätzliche Kräfte aufstellen könnte.

Meinen Sie, wir müssen gar nicht so stark aufrüsten, wie wir es gerade tun?

Wir müssen schon aufrüsten. Aber wir müssen diese Aufrüstung an die reale Gefahrenlage anpassen. Wir sollten beispielsweise nicht in zusätzlich 1000 Panzer investieren, wenn wir sehen, wie stark die Drohnenabwehr bisher vernachlässigt wurde. Zu häufig haben wir noch nicht verstanden, wie sehr sich der Krieg verändert hat. Da stecken wir doch noch sehr in den militärischen Vorstellungen des Kalten Krieges.

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Ist die aktuelle Situation mit dem Kalten Krieg vergleichbar? Das damalige Wettrüsten hat die Sowjetunion bekanntlich verloren.

Wir sollten uns jedenfalls davor hüten, die Position der Sowjetunion einzunehmen und so massiv aufrüsten, dass wir unsere Ressourcen "auffressen". Der Kalte Krieg hat ja gerade gezeigt, dass die oft angemessene und technologisch ausgereiftere Reaktion des Westens diesen in die Lage versetzt hat, diese Auseinandersetzung zwischen Ost und West erfolgreich zu beenden. Wir sollten nicht versuchen, quantitativ mit Russland mitzuhalten, sondern auf unsere technologische Überlegenheit und Innovationskraft setzen. Zudem sollte man nicht vergessen: Es war vor allem die Sogkraft der westlichen Soft Power, die die Fundamente der Sowjetunion untergrub und den Ostblock schließlich zu Fall brachte.

Mit Matthias Uhl sprach Hubertus Volmer

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