Miese Stimmung bei Schwarz-Rot: Merz soll Klingbeil auf Krisengipfel angebrüllt haben
Politik
Miese Stimmung bei Schwarz-RotMerz soll Klingbeil auf Krisengipfel angebrüllt haben
23.04.2026, 13:29 Uhr
Von Sebastian Huld

Dass der Koalitionsgipfel nach Ostern kein Spaziergang war, ist bekannt. Einem Bericht des "Spiegels" zufolge hat es aber in der Villa Borsig richtiggehend geknallt. Der Vorgang fügt sich in ein allgemeines Bild höchster Anspannung in den Regierungsparteien.
Zu Beginn der Schicksalswochen der schwarz-roten Bundesregierung ist die Stimmung unter den Koalitionären denkbar schlecht. Das Ausmaß der allgemeinen Anspannung macht der "Spiegel" deutlich: Demzufolge hat Bundeskanzler Friedrich Merz seinen Finanzminister vor versammelter Mannschaft laut angegangen, während des Koalitionsgipfels am 12. April in der Villa Borsig. Der angeblaffte Lars Klingbeil keilte demnach zurück. Der als Kanzler so unbeliebte CDU-Chef gegen den Vorsitzenden der hart kriselnden SPD also. Es wäre der dritte öffentlich gewordene Krach binnen drei Wochen. Längst fühlen sich politische Beobachter und Opposition an die Zustände der Ampelkoalition nach drei Jahren Regierungszeit erinnert. Das Bündnis aus CDU, CSU und SPD feiert am 6. Mai seinen ersten Geburtstag.
Was genau Merz seinem Vizekanzler an den Kopf geknallt haben soll, weiß auch der "Spiegel" nicht. Das Magazin beruft sich auf mehrere Teilnehmer, denen zufolge das Treffen schon am Sonntagmittag eskalierte. Dennoch ging das Treffen bis tief in die Nacht weiter und brachte am Ende eine Maßnahmenliste zum Umgang mit den Energiepreisen hervor, die weder die Regierungsparteien noch Öffentlichkeit und Wirtschaft richtig glücklich macht. Dass eine Einigung überhaupt möglich wurde, war so zum Mittag aber dem Bericht zufolge auch nicht absehbar.
Dem Bericht nach war Merz schon früh unzufrieden mit dem Verlauf des Treffens. Als Klingbeil auf eine angeblich vor dem Treffen gemachte Zusage von Merz gepocht habe, sei dieser aus der Haut gefahren, weil er die strittige Vereinbarung anders in Erinnerung gehabt haben soll. Ob es dabei um die von Klingbeil geforderte Übergewinnsteuer ging oder um den Haushalt, dazu lagen dem "Spiegel" unterschiedliche Angaben vor. Die Duzfreunde Lars und Friedrich sollen sich jedenfalls zu einem Vieraugengespräch zurückgezogen haben, dann sei es weitergegangen.
Es knirschte schon im Kabinett
Die Schilderung passt zu einer aktuellen Geschichte des "Stern", der über die Schwierigkeiten von Bundesumweltminister Carsten Schneider bei der Durchsetzung seiner Umwelt- und Klimaschutzagenda berichtete. Demnach habe der Kanzler Ende März die Finanzierung von Schneiders Programm zur Erreichung der deutschen Klimaziele plötzlich infrage gestellt – in der finalen Kabinettssitzung, als es nur noch um die Absegnung von Schneiders Vorschlägen ging. Die waren über Monate mit verschiedenen Ressorts verhandelt worden und Schneider hatte hierfür zusätzliche Macht und Milliarden Euro bei Klingbeil rausgeschlagen.
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Als Merz aber eben jene acht Milliarden Euro infrage stellte, setzte sich Schneider dem "Stern" zufolge deutlich zur Wehr. Und Klingbeil sprang ihm zur Seite und widersprach Merz ebenfalls: Der Umweltminister habe recht, das Geld sei verbindlich zugesagt. Merz gab daraufhin laut "Stern" nach und das Kabinett nickte Schneiders Plan ab. Der stellte selbigen kurz darauf der Öffentlichkeit vor – und erntete Kritik. Grüne und Umweltverbände bewerten die Bemühungen der Koalition für das Erreichen der grundgesetzlich verankerten Klimaziele als nicht ausreichend – und haben dabei gute Argumente auf ihrer Seite.
SPD unter Druck, der Kanzler auch
Die SPD muss erheblich kämpfen, um gegen die Union Klimaschutzmaßnahmen zu erhalten oder durchzusetzen, wird dafür aber in den Umfragen nicht belohnt: Stattdessen liegen die Grünen im Bund in Umfragen stabil vor den Sozialdemokraten, feiern Wahlerfolge wie in Baden-Württemberg oder genießen zumindest hohen Zuspruch wie in Nordrhein-Westfalen. Derweil liegt inzwischen auch die Linke im Bund nur noch hauchdünn hinter der SPD. Die Partei sieht sich bei sozial- und umweltpolitischen Themen unter Druck – und muss zugleich mit der Union Reformen und Haushalte aufstellen, bei denen es nicht ohne Einschnitte gehen wird.
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Der SPD gegenüber sitzt beim Koalitionsgipfel eine Union, die die Freude am Regieren schneller verloren hat als ein Erstklässler seinen Turnbeutel. Mit der versprochenen Wirtschaftswende war es schon zum Jahreswechsel nicht weit her, Donald Trumps Krieg gegen den Iran und die Blockade der Straße von Hormus würgen nun auch noch den letzten Rest teuer finanzierten Wachstums ab. Sein Engagement als Außenkanzler bekommt Merz ebenfalls nicht honoriert: Er ist laut RTL/ntv-Trendbarometer unbeliebter als es Olaf Scholz je war – der SPD-Kanzler, über dessen niedriges Ansehen er sich als Oppositionsführer noch so gerne mokierte.
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Zugleich rumort es offenbar in der Unionsfraktion, die sich mehr Reformen, mehr Aufschwung und mehr Kanzler-Strahlen vom eigenen Regieren versprochen hatte. Vor dem Treffen in der Borsig-Villa hatte Merz seine Wirtschaftsministerin Katherina Reiche gerüffelt und dies über Umwege auch die Öffentlichkeit wissen lassen, nachdem Reiche ihrerseits Klingbeil und die SPD öffentlich scharf kritisiert hatte. Es ging um den richtigen Umgang mit dem, was die Koalition "Energiepreisschock" nennt.
In der darauffolgenden Woche aber war Reiche dem Vernehmen nach so etwas wie der Star beim Treffen der Unionsfraktion. Die Ministerin wurde mit demonstrativem Applaus bedacht, obwohl doch alle Abgeordneten von CDU und CSU gewusst haben müssen, wie deplatziert der Kanzler Reiches Attacke gegen Klingbeil fand. Egal, die Sehnsucht nach der reinen Lehre ohne ständige Zugeständnisse an den kleinen Koalitionspartner SPD ist groß.
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Das macht die kommenden Wochen ja so schwer, wenn es um die Reform der gesetzlichen Krankenkassen geht, um die Vorschläge zur Reform der Rente, um die Einigung auf ein neues Einkommenssteuersystem, die Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes und die Finalisierung des Heizungsgesetznachfolgers, der bis Juli verabschiedet werden soll. Zudem muss ein zweistelliger Milliardenbetrag für den Haushalt 2027 eingespart werden. Lauter dicke Bretter und im September stehen drei Landtagswahlen an, deren Ausgang das Regieren im Bund zusätzlich erschweren könnte. Dass die Nerven in Berlin zuweilen blank liegen, auch beim Bundeskanzler, scheint da zumindest plausibel.

