Corona-Krise: Boris Johnson schlägt Alarm in Großbritannien
Icon: vergrößernEin Mann, eine Maske: Boris Johnson bei einem Besuch seines Londoner Wahlkreises im Juli
Foto: Andrew Parsons/ dpa
Mitte Juli, als auch im Vereinigten Königreich die erste Welle der Pandemie abebbte, wurde Boris Johnson danach gefragt, ob er im Winter womöglich den nächsten nationalen Lockdown verhängen werde. Er bezweifle das, antwortete der Premierminister, das Land erneut abzuriegeln, wäre eine "nukleare" Option – "ich will nicht darauf zurückgreifen. Und ich glaube auch nicht, dass wir noch mal in eine solche Lage kommen werden."
Drei Monate und viele Tausend Covid-19-Infizierte später trat Johnson am Montagabend live vor die Nation und verkündete, dass das Alltagsleben von rund 17 Millionen Engländern nun wieder massiven Einschränkungen unterliegen wird.
Vor allem das der Menschen in Liverpool und Umgebung, sie dürfen sich von Mittwoch an weder drinnen noch draußen mit anderen treffen, nicht mehr in Pubs trinken gehen, keine Fitnessstudios mehr aufsuchen. Es war kein nationaler Lockdown, den Johnson verhängte – noch nicht. Aber: "Die Zahlen leuchten wie Warnlampen in einem Passagierflugzeug."
Wieder zurück auf Los
Tatsächlich melden alle vier Teile des Königreichs seit Ende September rapide steigende Infektionsraten. Allein in England und Wales wurden zuletzt täglich mehr als 13.000 Neuinfizierte registriert; die Zahl der Menschen, die im Krankenhaus behandelt werden müssen, ist inzwischen höher als vor dem landesweiten Lockdown im März.
Besonders beunruhigend: Obwohl die Regierung für die besonders betroffenen Regionen in Mittel- und Nordengland bereits vor Wochen eindämmende Maßnahmen verkündet hat, grassiert das Virus dort weiter überdurchschnittlich stark. Der stellvertretende Chief Medical Officer für England, Jonathan Van-Tam, sieht es so: Das Land sei praktisch wieder an dem Punkt, an dem es im März stand.
Am Montag nun versuchte Johnson, die Reißleine zu ziehen. Um die kaum noch zu überblickenden Regeln und Ausnahmen im Kampf gegen die Pandemie "zu vereinfachen und zu standardisieren", kündigte der Regierungschef ein dreistufiges Corona-Warnsystem an. Demnach werden künftig landesweit Regionen mit "mittlerem", "hohem" und "sehr hohem" Infektionsrisiko ausgeflaggt. Je höher das Risiko, desto strikter die Restriktionen.
Liverpool am härtesten betroffen
Die 500.000-Einwohner-Stadt Liverpool im Nordwesten Englands hat es dabei einstweilen am härtesten getroffen. Weil dort zuletzt bis zu 1000 Neuinfektionen täglich gezählt wurden, wird das Leben der feierfreudigen Liverpudlians nun für mindestens vier Wochen vielerorts stillstehen.
Für große Teile des englischen Nordens und der Midlands gilt fürs Erste die Warnstufe 2 - im gesamten Rest Englands, inklusive Londons, sieht die Regierung noch ein mittleres Risiko. Dort bleibt es bei den bislang üblichen Regeln, wie etwa der, dass sich maximal sechs Menschen gleichzeitig drinnen wie draußen treffen dürfen.
Johnsons Regierung will damit offenkundig einen Teil des Vertrauens zurückgewinnen, das sie in den vergangenen Monaten durch etliche Fehlentscheidungen und Spitzkehren verspielt hat. Ob das dem glücklosen Premierminister gelingen wird, ist jedoch fraglich. Sein abendlicher Fernsehauftritt jedenfalls war noch keine 20 Minuten alt, als Kritiker im ganzen Land auf die nächsten Ungereimtheiten im neuen Coronakonzept hinwiesen.
Wales will Engländer an Einreise hindern
So dürfen etwa Pubs auch in Hochrisikogebieten geöffnet bleiben, wenn sie zum Bier "substanzielle Mahlzeiten" anbieten – was immer das auch heißen mag. Unklar ist auch, wie und ob die Regierung Bürger daran hindern wird, Corona-Hotspots zu verlassen. Vorsorglich hat die Regionalregierung von Wales bereits wissen lassen, dass sie Einreisende aus England künftig nicht ohne Weiteres passieren lassen will – die nordwalisische Grenze liegt rund 50 Kilometer von der Metropolregion Liverpool entfernt.
Mit den neuen Maßnahmen riskiert die Zentralregierung in London zudem, den Ärger der Rathauschefs im Norden Englands weiter anzufachen. Viele von ihnen beklagen seit Wochen parteiübergreifend, dass anhaltende Restriktionen die wirtschaftlich ohnehin gebeutelte Region in den Ruin treiben werden.
Johnsons Regierung habe die Situation im Norden durch serielle Inkompetenz verschlimmert, monieren etliche Bürgermeister. So kam es zuletzt etwa zu haarsträubenden Pannen bei Massentests für die Bevölkerung: Mal wurden rund 16.000 positiv Getestete wegen einer Computerpanne schlicht übersehen, mal gingen in Manchester und allen anderen Hotspots des Nordens die Tests aus.
Folgte Johnson wirklich der Wissenschaft?
Andy Burnham, Labourpolitiker und Chef der Metropolregion Manchester, bezweifelt, dass die Regierung die Lage noch im Griff hat. Das vor Wochen ergangene Edikt, Pubs um 22 Uhr zu schließen, sei beispielsweise nicht nur sinnlos, sondern womöglich kontraproduktiv. Es gebe jedenfalls etliche Hinweise darauf, dass Durstige spätabends einfach auf der Straße weitertrinken – dabei aber überhaupt nicht mehr auf soziale Distanz achten.
Burnham und andere verlangen daher immer vehementer, dass Johnson endlich offenlegt, auf welcher wissenschaftlichen Grundlage er diese und andere Entscheidungen getroffen habe. Schließlich beteuere der Regierungschef ja bei jeder Gelegenheit, dass er "der Wissenschaft folgt".
Die Zweifel daran haben seit Montag erneut zugenommen. Da wurde öffentlich, dass das wissenschaftliche Beratergremium von Johnsons Regierung (abgekürzt: Sage) bereits vor drei Wochen dringend zu strikten Beschränkungen des öffentlichen Lebens geraten hatte.
Fachleute rieten früh zu vorübergehendem Lockdown
Laut einem Sitzungsprotokoll vom 21. September forderten die Fachleute Johnson zu einem landesweiten zweiwöchigen Lockdown auf, um die exponentielle Zunahme von Infektionen zu stoppen. Jeder, der könne, müsse von zu Hause aus arbeiten, alle Treffen mit Menschen aus anderen Haushalten müssten untersagt werden; Pubs, Restaurants, Fitnessstudios, Friseure und andere Dienstleister sollten umgehend schließen, Uni-Kurse dürften nur noch online stattfinden.
Ihre Empfehlung sprachen die Wissenschaftler zu einem Zeitpunkt aus, als die neuerliche Krise noch beherrschbar schien und etwa 3000 Neuinfektionen täglich gemeldet wurden. Aber nur einen Vorschlag, die Arbeit im Homeoffice, nahm Johnsons Regierung auf.
Dabei hatten die Fachleute sehr deutlich gemacht, dass alles andere als unverzügliche Beschränkungen "katastrophale Konsequenzen" haben werde.
Icon: Der Spiegel

