Nachrichten in der Welt


Nachrichten der Welt

News des Tages: Donald Trump vs. Joe Biden, eine Million Corona-Tote, Gzuz

September 30
01:46 2020

1. Als die Fakten noch zählten

Mitt Romney stottert plötzlich und schaut ungläubig: "Sie haben am Tag nach der Attacke von einem Terroranschlag gesprochen?" Es geht um die Frage, wann und mit welchen Worten Barack Obama die islamistischen Angriffe auf das US-Konsulat im libyschen Bengasi verurteilt hat. Romney glaubt, nein, er weiß: Obama hat 14 Tage gebraucht, um von Terrorismus zu sprechen – zu lange, zu zögerlich. So berichten sie es auf Fox News, so haben ihn seine Mitarbeiter gebrieft.

Doch jetzt, auf offener Bühne, bei der zweiten Fernsehdebatte 2012, wird ihm klar: Er ist einer Fehlinformation aufgesessen. Obama hatte schon am Tag nach dem Anschlag von Terror gesprochen, in aller Deutlichkeit. So sagt es Obama, so bestätigt es die Moderatorin der Fernsehdebatte, so war es. Das bringt Romney vollkommen aus dem Konzept. Die Zuschauer sehen ihn als Verlierer der Show, die Wähler bescheren Obama eine zweite Amtszeit. Trotz aller Zerrissenheit, trotz aller Falschbehauptungen zählten die Fakten noch etwas im Wahlkampf 2012. (Die Passage im Video sehen Sie hier.)

Es ist nicht damit zu rechnen, dass Donald Trump sich aus dem Konzept bringen lässt, wenn er heute Nacht in der Fernsehdebatte mit Joe Biden bei einer Lüge ertappt wird. "Geht man nach Trumps Verhalten in den Debatten 2016, wird er eine Salve aus Lügen und Beschimpfungen loslassen, die Biden seinerseits mit pointierter Kritik an Trump konterkarieren dürfte", prophezeien meine Kollegen Roland Nelles und Marc Pitzke.

Die großen US-Sender strahlen die Debatte aus, 90 Minuten ohne Werbepausen. In Deutschland ist sie in der Nacht bei uns auf SPIEGEL.de live zu sehen, im linearen Fernsehen ab 2.45 Uhr bei Phoenix und im ZDF. Die US-Einschaltquoten könnten den bisherigen Rekord einstellen: 84 Millionen Amerikaner verfolgten 2016 die erste TV-Debatte von Trump und Hillary Clinton. Diesmal wird mit bis zu 100 Millionen Zuschauern gerechnet.

Obamas ehemaliger Berater Ben Rhodes erinnert sich gern an Romneys Scheitern damals. In seinem Buch schreibt er über die Republikaner und all die Fake News: "Ich nahm an, sie wären nur zynisch, aber was ist, wenn sie das ganze Zeug wirklich glauben?" Im Fall von Trump macht es wohl keinen Unterschied.

  • Lesen Sie hier mehr: Großes Theater, wenig Substanz

2. Wir Corona-Überlebenden

"Corona ist ein Test für Gemeinschaften. Die zentrale Ressource, um die Ausbreitung zu verlangsamen, solange weder Impfstoff noch wirksame Medikamente zur Verfügung stehen, ist Vertrauen", schreibt mein Kollege Nils Minkmar. Nun gilt für die Pandemie, was auch in der Liebe und der Politik gilt – Vertrauen lässt sich schnell zerstören, aber nur mühsam wieder aufbauen. Die wichtigste Zutat, auch wenn es nach Poesiealbum klingt, ist Klarheit.

Haltet Abstand, tragt Masken, wascht Hände – das sind klare Botschaften. R-Wert, Sieben-Tage-Inzidenz, Perkolationseffekt – das sind Fachbegriffe, die uns zwar ständig begegnen, deren Bedeutung aber längt nicht jedem klar ist, trotz all der Virologen-Podcasts und Epidemiologen-Auftritten in Talkshows.

Mehrere Politiker und Experten fordern deshalb eine bundesweite Corona-Ampel, die all die Fachbegriffe und Daten in klare Signale übersetzt. Meine Kollegin Julia Köppe aus unserem Wissenschaftsressort war überrascht, dass die Diskussion erst jetzt Fahrt aufnimmt, nachdem sich auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder dafür ausgesprochen hat: "Die Ampel muss aber gut gemacht sein", sagt Julia, "die gemeldeten Neuinfektionen allein reichen nicht aus." (Auf welche Kriterien es ankommt, lesen Sie hier.)

An Klarheit nicht zu übertreffen ist die Marke von einer Million Corona-Toten, die laut Johns-Hopkins-Universität in der vergangenen Nacht erreicht wurde. Nils schreibt: "Diese enorme Zahl macht uns Gesunde oder Genesene zu Überlebenden, zu Zeitzeugen und Leidensgenossen." (Seinen Essay lesen Sie hier, fünf Nachrufe auf Corona-Tote finden Sie hier.)

  • Mehr zur Corona-Ampel lesen Sie hier: Rot, Gelb, Grün – Söders Vorschlag im Check

  • Und hier lesen Sie mehr zu den aktuell beschlossenen Maßnahmen von Bund und Ländern

3. Bardenkriminalität

Mit deutschem Hip-Hop habe ich mich irgendwann nach 1996 ("Meine Freundin ist weg und bräunt sich") aufgehört zu beschäftigen. Aber selbst mir ist nicht entgangen, dass deutsche Gangsta-Rapper wie Gzuz, Haftbefehl und Capital Bra zeitweise die Charts dominieren. Ich muss aber zugeben, dass ich das Gesicht von Gzuz erst kenne, seit wir ihn vor einigen Monaten auf dem SPIEGEL-Cover gezeigt haben. (Welche Titelzeilen wir uns damals nicht getraut haben zu drucken, sehen Sie hier. Die damalige Titelgeschichte lesen Sie hier.)

Daran musste ich danken, als ich heute las: Das Hamburger Landgericht hat Gzuz zu 18 Monaten Gefängnis und einer halben Million Euro Geldstrafe verurteilt, es ging unter anderem um Verstöße gegen das Waffengesetz, Drogenbesitz und Körperverletzung. Rapper und Richter leisteten sich am letzten Verhandlungstag ein Wortgefecht: "Sie sind ein Sozial-Rüpel! Sie missachten die Regeln des sozialen Miteinanders und meinen, mit Geld alles zu bekommen", sagte der Richter. Gzuz antwortete: "Sie auch!"

Was ist das für ein Typ? Zum Glück kennt mein Kollege Jonas Leppin sich einigermaßen aus in dem Genre (in seiner Twitter-Biografie steht: "Politik, Medien, Rapmusik"). "Gzuz macht extrem erfolgreichen, aber auch extrem unsympathischen Straßenrap", sagt Jonas. "Gewalt, Sexismus, Singsang-Hook, Autotune, fertig – selbst als Provokation wäre mir das inzwischen zu beschränkt." Gzuz hatte immer wieder Ärger wegen Waffen, Drogen und Gewalt. "Das Urteil ist eine konsequente Fortsetzung seiner Zweitkarriere, schon von 2010 bis 2013 saß Gzuz wegen räuberischen Diebstahls im Gefängnis."

Oder in den Worten des Hamburger Richters: "Wer, wenn nicht Sie, gehört in den Knast?" Mic drop.

  • Mehr dazu lesen Sie hier: Rapper Gzuz zu Haftstrafe verurteilt

Was heute sonst noch wichtig ist

  • Angreifer wollte Büros von "Charlie Hebdo" anzünden: Sein Ziel war "Charlie Hebdo": Der mutmaßliche Attentäter von Paris wollte laut Ermittlern die Räume des Satiremagazins in Brand stecken, das aber längst umgezogen war.

  • Maas attackiert Russland wegen Nawalnys Vergiftung: "Ein solcher Fall kann nicht folgenlos bleiben": Deutschland verlangt von Russland Aufklärung im Fall Nawalny. Außenminister Maas bekräftigte die Forderung nun bei den Vereinten Nationen.

  • Fahnder filzen erneut Wirecard-Zentrale: Zum wiederholten Mal haben Ermittler die Wirecard-Zentrale durchsucht. Nach SPIEGEL-Informationen ging es dabei auch um einen Kredit der staatlichen KfW-Bank.

  • Was sich an Deutschlands Schulen ändern sollte: Deutschland hinkt bei der Digitalisierung und Chancengerechtigkeit in den Schulen hinterher, zeigt eine neue Pisa-Auswertung. Einfach mehr Geld ins Schulsystem zu stecken, hilft demnach nicht weiter.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • Zweite Chance für die Einheit: Die Stimmung in Ostdeutschland war zuletzt schlecht, viele Bürger misstrauten der Regierung. Das hat sich durch die Coronakrise geändert.

  • "Kalifornien muss brennen": Werden die Brände in den USA vor allem durch Fehler in der Forstwirtschaft ausgelöst? Oder liegt es am Klimawandel? Feuerhistoriker Stephen Pyne erklärt die Hintergründe.

  • Mit wenig Geld zum Happy Place: Mein Freund und ich hatten weder Ahnung von Wohnwagen noch handwerkliches Know-how. Doch ich habe etwas Verrücktes gewagt und ein altes Gefährt selbst renoviert.

Was heute nicht so wichtig ist

  • Diplomatische Dentalhygiene: Der britische Prinz George, 7, darf einen maltesischen Riesenhaizahn behalten. Zuvor sah das noch anders aus. Denn die Regierung von Malta hatte etwas dagegen. Der maltesische Kulturminister hatte vom Prinzen das Fossil zurückgefordert, obwohl es zuvor dem Jungen geschenkt worden war. In sozialen Medien zog der Politiker Häme auf sich – und gibt nun klein bei. "Es besteht nicht die Absicht, diesen Fall weiterzuverfolgen", sagte ein Sprecher des Kulturministeriums.

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: Während dieser Zeit trat sie regelmäßig in Hungerstreit.

Cartoon des Tages: Pandemie-Bekämpfung

Und heute Abend?

Könnten Sie sich auf die Fernsehdebatte zwischen Trump und Biden einstimmen – mit einer Folge "The West Wing", nämlich der sechsten Episode aus der vierten Staffel. Dort zerlegt Martin Sheen als demokratischer Präsident Bartlet seinen republikanischen Herausforderer. Oder Sie lesen einen "Atlantic"-Text über die Episode, die daran erinnert, dass solche Debatten viel gemein haben mit Sportveranstaltungen – hier geht's zum Artikel.

In diesem Sinne: Game On!

Ihnen einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Oliver Trenkamp

Hier können Sie die "Lage am Abend" per Mail bestellen.

Neueste Beiträge

11:28 Längere hohe Spritpreise drohen: Minenräumung in Straße von Hormus könnte sechs Monate dauern

0 comment Read Full Article