Julian Nagelsmann: »Selbstzweifel kenne ich eigentlich nicht« – SPIEGEL-Gespräch mit dem Bundestrainer
SPIEGEL: Herr Nagelsmann, als Bundestrainer beobachten Sie fast jede Woche eine Bundesligapartie im Stadion. Worauf achten Sie?
Nagelsmann: Ich schaue weniger auf taktische Dinge, eher auf Soft-Skill-Aktionen.
SPIEGEL: Was sind Soft-Skill-Aktionen?
Nagelsmann: Ich beobachte, wie sich die Spieler auf dem Platz verhalten, beim Aufwärmen, wenn sie ausgewechselt werden. Oder beim Einwurf.
SPIEGEL: Was lässt sich bei einem Einwurf beobachten?
Nagelsmann: Ein Beispiel: Spieler X hat den Ball in der Hand. Aber ein anderer soll den Einwurf ausführen. Gibt X dem Mitspieler den Ball in die Hand? Blickt er ihn dabei an? Oder schmeißt er den Ball auf den Boden und geht einfach weg? Solche kleinen Gesten bewerte ich, die fließen dann ein ins Gesamtbild eines Spielers. Wie passt er sich in ein Gefüge ein? Hat er eine Idee von Mannschaftsdenken? Oder denkt er, er ist allein auf dem Feld?
SPIEGEL: Welche Soft Skills hat zum Beispiel Leroy Sané?
Nagelsmann: Leroy ist schon speziell. Ein toller Mensch mit feinem Charakter. Aber auf dem Platz mit Ecken und Kanten. Da kann er mit Frustration schlechter umgehen, etwa wenn ein Pass nicht ankommt. Aber in einem guten Mannschaftsgefüge kann man so was auffangen, und am Ende profitieren alle von ihm. Denn er hat als Fußballer etwas Besonderes, kann Spiele entscheiden. Nur mit Leroy Sanés wird man nichts gewinnen – aber ohne ihn auch nicht.

