Iran: Der Tod des Ringers Navid Afkari zeigt die Angst des Regimes vor einem Aufstand
Icon: vergrößernDemonstration gegen die Vollstreckung der Todesstrafe gegen Akfari vergangenen Samstag in Berlin: Angst und Schrecken verbreiten
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Sechs Stunden bevor er am vergangenen Samstagmorgen stirbt, spricht Navid Afkari im Gefängnis ein letztes Mal über Telefon mit seiner Familie. Der Mitschnitt des Gesprächs zirkuliert im Internet.
"Bist du gesund?", wird er gefragt.
Navid Afkari zögert.
"Bist du in der Zelle?"
"Wir sind im Untergeschoss," antwortet der 27-jährige Sportler.
Das "Untergeschoss" des Adel-Abad-Gefängnisses in Schiras kennen Afkaris Angehörige bereits von früheren Unterhaltungen. Der Begriff ist ein verschlüsseltes Synonym für die Folterkammer der Haftanstalt, in der Navid Afkari über zwei Jahre lang festgehalten wurde.
Folgenschwere Demonstrationen
Die Behörden in Iran hatten dem beliebten Sportler vorgeworfen, im November 2018 auf einer Demonstration in der südiranischen Stadt Schiras einen Sicherheitsbeamten getötet zu haben. Afkari habe den Mann heimtückisch mit einem Messer erstochen. Der Ringer wurde vor Gericht zum Tode verurteilt. Zwei seiner Brüder erhielten hohe Gefängnisstrafen, 54 und 27 Jahre, wegen "Beihilfe zum Mord". Bis zuletzt hatte Afkari seine Unschuld beteuert.
Die Menschen waren damals in den Städten der Islamischen Republik spontan auf die Straße gegangen, auch in Schiras. Sie waren wütend über die explodierenden Benzin- und Lebensmittelpreise und die Korruption im Staatsapparat. Geheimdienstleute mischten sich unter die Demonstranten. Vereinzelt schossen sie Protestierenden willkürlich in den Kopf oder in die Brust. Ziel war es, Angst und Schrecken zu verbreiten. Die Bürger sollten davon abgehalten werden, auf die Straße zu gehen.
Demonstranten wehrten sich jedoch auch gegen die brutalen Angriffe der in zivil gekleideten Geheimpolizei. Offizielle Todeszahlen gibt es nicht, verschiedene Quellen gehen aber von mehreren Hundert aus. Unter den Opfern waren vor allem Zivilisten, aber auch Sicherheitsleute. Einer der Toten war Hassan Turkaman, ein Mann Mitte vierzig. Er gehörte den militanten Basidsch an, einer Untergruppe der Revolutionswächter.
Afkari war einer der Anführer der Proteste in Schiras. Als international erfolgreicher Ringer war er in Iran bekannt und vor allem angesehen, die Sportart gilt als besonders ehrenhaft, die Sportler repräsentieren das Prinzip von Fairness und treten auch im zivilen Leben oft für die Rechte von Schwachen und Armen ein. Man könnte sagen, er war ein iranischer Held.
Ihn zu verhaften und des Mordes anzuklagen, in einem Gerichtsverfahren, das die Menschenrechtsorganisation Amnesty International als "Travestie der Gerechtigkeit" bezeichnet, sandte eine klare Botschaft an die iranische Opposition: Niemand wird verschont; wer gegen die Regierung protestiert, muss mit dem Schlimmsten rechnen.
Geständnis unter Folter
In der Gerichtsverhandlung wurde eine Aufnahme abgespielt, in der Navid Afkari den Mord tatsächlich gesteht. Das Geständnis war jedoch unter Folter erpresst worden. Der Sportler hatte es sofort widerrufen.
Aus Navid Afkaris Umfeld weiß man, was ihn dazu brachte, eine Tat zu gestehen, die er offenbar nicht begangen hat: Die Folterknechte hängten ihn mit den Händen an der Decke auf und schlugen mit Kabeln und Holzstöcken auf ihn ein. Sie setzten auch eine Methode ein, die im Folter-Jargon "Dschudsche" genannt wird, übersetzt "gebratenes Huhn".
Der Delinquent wird über einen Metallstock gespannt, einem Brathähnchen auf einem Spieß gleich, die Hände werden mit den Füßen zusammengebunden. Die Folterer rollen ihr Opfer durch den Raum und prügeln gleichzeitig darauf ein. Dabei habe sich Afkari die Schulter gebrochen, sagt ein Freund der Familie. Um dem Druck der Folter zu entkommen, hatte der ältere Bruder, Waheed, versucht, sich das Leben zu nehmen. Er schnitt sich in der Zelle mit einem zerbrochenen Glas die Halsschlagader auf. Tagelang lag Waheed im Koma, wurde am Ende aber gerettet.
Letzte Hoffnung: öffentliche Aufmerksamkeit
Als sich abzeichnete, dass das Todesurteil gegen ihn vollstreckt werden sollte, wandte sich Afkari an die Öffentlichkeit. "Sie suchen einen Hals für den Galgen, und sie haben mich ausgesucht", erklärte er in einer aus dem Gefängnis geschmuggelten Audiobotschaft. Afkari versuchte alles, um in Iran und im Ausland einflussreiche Unterstützer zu aktivieren: "Wenn ich hingerichtet werde", sagte er darin, "möchte ich, dass Sie wissen, dass eine unschuldige Person hingerichtet wurde, obwohl sie mit all ihrer Kraft versucht und gekämpft hat, gehört zu werden."
Selbst Afkaris Pflichtanwalt, Sohn eines ehemaligen iranischen Geheimdienst-Ministers, protestierte auf Twitter gegen die Behandlung seines Mandanten: "Ein Geständnis, das unter Druck und Folter entstand, ist nicht gültig. Navid Afkaris ist unschuldig. Es liegen keine Beweise gegen ihn vor."
Sportler und Politiker auf der ganzen Welt baten die Regierung in Teheran um Gnade für Afkaris Leben, darunter eine Gewerkschaft, die weltweit 85.000 Sportler vertritt. Sogar US-Präsident Donald Trump twitterte: "Die einzige Tat des Ringers war eine regierungsfeindliche Demonstration auf der Straße." Es half nichts.
Wie starb Afkari?
"In den Nachrichten heißt es, du wurdest untersucht und dass alles in Ordnung sei mit dir und den Brüdern", sagt der Verwandte bei jenem letzten Telefonat mit Afkari.
"Ich erzähle dir die Wahrheit. Sie haben zehn bis fünfzehn Verletzungen an meinem Körper festgestellt", antwortet Navid Afkari. Es scheint, als habe sich das Regime nur Stunden vor der geplanten Hinrichtung ein letztes Mal an Navid Afkari gerächt, wahrscheinlich weil er mit seinem internationalen Hilferuf das Ansehen der Islamischen Republik Iran beschmutzte.
Wie Afkari genau starb, ist bis heute nicht ganz klar. Nicht einmal, ob er wirklich aufgehängt wurde oder womöglich an den Folgen der Folter starb, wie Angehörige vermuten.
"Hattet ihr es so eilig, dass ihm selbst das letzte Recht, sich von der Familie zu verabschieden, nicht gewährt werden konnte?", fragte Navid Afkaris Rechtsanwalt auf Twitter. Das iranische Gesetz gesteht den Verurteilten zu, ihre engsten Verwandten vor der Hinrichtung zu sehen.
An jenem Freitagabend war Afkari im Gefängnis gesagt worden, man wolle ihn nach Teheran transferieren. Doch er starb bereits Samstag um 5 Uhr morgens in Schiras.
"Schrei deine Trauer nicht zu laut hinaus, das wollen sie"
Bei der Beerdigung, die hastig am selben Tag stattfinden musste, nachts um 22 Uhr, durften die Eltern nur einen kurzen Blick auf das Gesicht des Leichnams ihres Sohnes werfen. Sie sahen Blutspuren. Navid Afkaris Nase war gebrochen.
Bereits ein paar Tage vor seinem gewaltvollen Ende hatte Navid Afkaris Mutter Rat erbeten bei einer Frau, deren Tochter vor einigen Jahren hingerichtet wurde: "Wie kann man das überstehen?".
Die Frau, deren Tochter aufgehängt wurde, antwortete: "Kämpfe bis zuletzt. Du musst jetzt selbst der Held sein, der Navid gewesen ist, und nach seinem Tod schreie deine Trauer nicht zu laut hinaus, das ist es, was sie wollen – uns schwach sehen und zerstört."
Icon: Der Spiegel

