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News: Antisemitismus in Deutschland, die Kulturszene und der Hamas-Angriff, Junge Liberale

October 28
08:25 2023

Kommt da wer?

Heute könnte es wieder richtig unangenehm werden auf den Straßen. So wurden in Berlin und München Demonstrationen angemeldet, die letztere unter dem Motto »Frieden für Gaza – Stoppt den Krieg«. Und man darf gespannt sein, wie viele spontane »Kundgebungen« sich noch ergeben, und ob von ihnen wirklich Friedensbotschaften ausgehen.

Überall in der arabischen Welt gab es am gestrigen Freitag schon wütende Demonstrationen für die Palästinenser. Heute soll es auch in Istanbul eine Großdemonstration geben. Sie ist quasi eine Staatsangelegenheit: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan wird kommen, und auch hier soll der Fokus nach Angaben der Regierungspartei AKP auf das Leid der Menschen in Gaza gerichtet sein.

Wo und wie viele Leute werden wohl für Israel demonstrieren?

Jetzt, da die Gefechte im Gazastreifen heftiger werden und offenbar auch israelische Panzer- und Infanterieeinheiten dort operieren, wird sich das Leid der Zivilbevölkerung in Gaza noch verstärken, und damit natürlich auch das Mitleid der Welt. Das Leid der israelischen Geiseln und der Angehörigen der Hamas-Opfer vom 7. Oktober werden weiter in den Hintergrund treten – und die Wut auf Israel wird wachsen.

Ein guter Moment für unsere Redaktion, den Blick zu richten auf die Jüdinnen und Juden in Deutschland, die seit den Massakern vom 7. Oktober ihr Sicherheitsgefühl in unserem Land verloren haben. Neben unserer Titelgeschichte hat sich ein SPIEGEL-Team nochmal besonders die Lage der Juden in Berlin angesehen. Sie haben Menschen wie Gal Mizrachi getroffen, der sich seit Tagen nicht mehr in seine Wohnung traut, weil seine Nachbarn wissen, dass er jüdisch ist. Oder Adeline Perl, die ihre zwei Kinder ermahnt, nicht mehr Hebräisch auf der Straße zu sprechen, und die sagt: »Ich hätte nie gedacht, dass ich oder meine Kinder so was miterleben werden.«

Oder den israelischen Schriftsteller Tomer Dotan-Dreyfus, der sagt: »Wenn früher jemand gesagt hat, dass sich Jüdinnen und Juden in manchen Stadtvierteln nicht sicher fühlen können, war ich der Erste, der widersprochen hat und meinte, so ein Blödsinn«, sagt er. »Aber nach den Bildern aus Neukölln in den letzten Tagen habe ich Angst, durch bestimmte Teile Berlins zu laufen. Und es fällt mir sehr schwer, das auszusprechen.«

  • Antisemitismus in Berlin: »Zum ersten Mal verstehe ich, was es bedeutet, Jüdin zu sein«

Schreibt da jemand?

Was ist los in der Kulturszene seit dem Hamas-Angriff? Autorinnen, Künstler und Intellektuelle sind für gewöhnlich schnell dabei mit offenen Briefen, Appellen, Solidaritätsadressen – wie man zuletzt beim russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine sah, der in der Kulturszene sowohl Solidaritätsbekundungen mit den Ukrainern hervorbrachte, als auch offene Briefe gegen Waffenlieferungen. Das Hamas-Massaker hat nun zunächst keinen solchen Impuls der Solidarität mit den Überfallenen in Israel geweckt, dafür kursierte vergangene Woche ein internationaler Appell gegen den »eskalierenden Völkermord« in Gaza und zur Unterstützung des palästinensischen »Freiheitskampfs«. Die Morde der Hamas-Terroristen wurden erst nach einem »Update« überhaupt erwähnt.

Ulrike Knöfel aus unserem Kulturressort hat hierzu ein Interview mit der Künstlerin Hito Steyerl geführt, die sich bestürzt über die Einseitigkeit dieses Briefes zeigt. Sie kritisiert, dass in den sozialen Medien »eine Art Herdentrieb erzeugt« werde, infolgedessen viele Künstlerinnen und Künstler ohne groß nachzudenken ihre Unterschrift unter solche Pamphlete setzen würden. Steyerl hatte im vergangenen Jahr schon die Kunstausstellung Documenta verlassen, weil die Organisation aus ihrer Sicht nicht entschlossen genug gegen Antisemitismus eingeschritten war.

Wo bleibt also der Appell der Kulturschaffenden für Israel? Zumindest für den Literaturbetrieb gibt es ihn jetzt. Die Initiatoren Björn Kuhligk und Marcus Roloff haben eine beachtliche Liste von Schriftstellerinnen und Schriftstellern mobilisiert für einen offenen Brief, darunter Prominente wie Amelie Fried, Durs Grünbein oder Tilman Spengler, aber auch jüngere Stimmen wie Jan Brandt, Simon Urban und Judith Schalansky.

»Nach dem Angriff der terroristischen Hamas auf Menschen, die nichts anderes zu Opfern von Folter, Vergewaltigung, Entführung und Mord machte, als dass sie jüdische Israelis sind, verharrt der Literaturbetrieb in einem an Bräsigkeit nicht zu überbietenden Schweigen«, kritisieren die Unterzeichner. »Oder ist es gar keine Bräsigkeit, sondern konzentriertes Stillhalten, um bloß keinen Fehler zu machen? Sich nicht angreifbar zu machen?«

Ein besonders wichtiger Satz: »Wir sehen das Leid der palästinensischen Zivilbevölkerung und fordern humanitäre Hilfe, wenden uns aber dagegen, mit dem Leiden der Menschen im Gaza-Streifen den Terror der Hamas zu relativieren und die Selbstverteidigung Israels zu delegitimieren.« Und die Unterzeichner betonen: »Wir sind links, liberal und konservativ denkende Autorinnen und Autoren. Was uns eint, ist die Solidarität mit den in Deutschland lebenden Jüdinnen und Juden.«

Unbequem wird es für das Literaturestablishment dann am Ende des Appells, wo das Schweigen der Personen und Institutionen gegeißelt wird. »Ein Schweigen, das dumpfer und lauter nicht sein könnte. Wo sind die Literaturhäuser, die Literaturinstitutionen, die Literaturfestivals, die Akademien, die Verlage? Der Überfall Russlands auf die Ukraine im Februar 2022 zog nahezu ad hoc Solidaritätsbekundungen nach sich, die jetzt fehlen. Warum?«

Man hat ein bisschen Angst vor der Antwort. Aber gut, dass sie jetzt eingefordert wird.

  • Starkünstlerin Hito Steyerl über Antisemitismus in der Kulturszene: »Einige halten die Hamas für eine Befreiungsbewegung«

Mehr Nachrichten und Hintergründe zur Lage im Nahen Osten finden Sie hier:

  • Schiitenführer Muqtada al-Sadr verlangt Schließung der US-Botschaft im Irak: Ruft er, folgen Hunderttausende: Muqtada al-Sadr will keine US-Diplomaten mehr in Bagdad sehen – und droht der irakischen Regierung. Der Schiitenführer hat erst im Juli die schwedische Botschaft stürmen lassen.

  • Warum eine große Bodenoffensive in Gaza so gefährlich ist: Hunderttausende israelische Soldaten wollen die Hamas in Gaza vollständig zerstören. Doch die USA warnen zunehmend vor den Risiken einer umfassenden Offensive. Ein Soldat erklärt, warum es trotzdem kein Zurück mehr für ihn gibt.

  • Wie der Nahostkonflikt die Welt zerreißt: Der Nahostkonflikt bringt die Menschen in vielen Staaten gegen den Westen auf: Sie werfen ihm Doppelmoral vor – und solidarisieren sich mit den Palästinensern. Das nützt vor allem China, Iran und Russland. Der SPIEGEL-Report.

  • USA fliegen Luftangriffe auf proiranische Milizen in Syrien: Sie kamen im Morgengrauen: US-Kampfjets haben irantreue Milizen angegriffen – in Syrien. Der Luftschläge sind eine Reaktion auf Drohnen- und Raketenangriffe. Das Regime in Teheran beginnt derweil ein großes Militärmanöver.

  • Und hier: Alle aktuellen Entwicklungen im Newsblog.

Arbeitest oder studierst Du?

Heute beginnt in Weimar der Bundeskongress der Jungen Liberalen. Die FDP-Jugend wird eine Spitzenkandidatin oder einen Spitzenkandidaten für die Europawahl im kommenden Jahr aufstellen und ihr Wahlprogramm verabschieden. Zu Gast wird auch Marie-Agnes Strack-Zimmermann sein, die für die Alten Liberalen (muss man die Mutterpartei der JuLis nicht so nennen?) als Spitzenkandidatin vorgesehen ist.

Auf den Gängen des Congress Centrums Weimarhalle wird man wohl auch Ria Schröder treffen können, 31-jährige Bundestagsabgeordnete und bildungspolitische Sprecherin der FDP-Fraktion im Bundestag. Mit ihr haben meine SPIEGEL-Kollegen Lukas Hildebrand und Tanya Falenczyk ein Interview über die Frage geführt, ob die FDP in Zeiten von Inflation und hohen Mietpreisen für die Studierenden noch ihr Versprechen eines Aufstieges durch Bildung halten kann. Ria Schröder, die selbst ihr Studium mit Bafög und Nebenjobs finanziert hat, drückt sich in dem Interview um keine klare Aussage, auch nicht um unpopuläre Sätze.

Zum Beispiel, wenn die Kollegen fragen, warum der staatliche Mietzuschuss für Studierende so niedrig ausfällt, dass man sich davon kein WG-Zimmer in Großstädten leisten kann. Schröder: »Der Mietzuschuss ist eben genau das: ein Zuschuss. Er kann nicht die ganze Miete decken.« Bafög-Empfänger bekämen »Geld geschenkt, das von Steuerzahlern erarbeitet wird. Da kann man sich nicht hinstellen und sagen: ›Ich möchte mir damit das WG-Zimmer für 720 Euro in München leisten können.’« Schließlich gebe es auch noch tolle Hochschulen in günstigeren Städten.

Es ist sympathisch, dass hier eine Politikerin nicht den Studenten nach dem Mund redet. Aber man darf gespannt sein, wie ihre Äußerungen ankommen. Das gilt auch für Schröders, man solle »die Unterstützungsangebote des Staates nicht für selbstverständlich halten«. Denn: »Es geht auch um Eigenverantwortung. Ich frage mich oft: Warum gehen manche Leute nicht neben dem Studium arbeiten? Für mich war das eine große Bereicherung.«

  • FDP-Bildungspolitikerin Ria Schröder im Interview: »Warum gehen manche Leute nicht neben dem Studium arbeiten?«

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Die Startfrage heute: Erstmals in der US-Geschichte wurde im Oktober 2023 ein Sprecher des Repräsentantenhauses von der eigenen Partei gestürzt – wer?

Gewinner des Tages…

…ist Herbert Reul. Wenn sich die CDU Nordrhein-Westfalen heute zu ihrem Landesparteitag im malerischen Hürth trifft, wird die gesamte Parteispitze um Landeschef Hendrik Wüst zur Wiederwahl antreten – bis auf den NRW-Innenminister Reul. Der 71-Jährige wäre wohl problemlos als Parteivize wiedergewählt worden. Er wird nicht nur in der Partei geschätzt, sondern schneidet auch in Beliebtheitsrankings in seinem Bundesland meistens gut ab. Seinen Posten im CDU-Bundesvorstand hat Reul schon länger geräumt; diese Parteiämter kosteten ihn einfach zu viel Zeit, soll er Insidern zufolge gesagt haben. Und jetzt bekommt den Posten wahrscheinlich ein jüngerer Parteifreund, der ihn vor ein paar Jahren für Reul räumen musste.

Das Amt des Innenministers ist schon Reuls drittes Politikerleben. Er hat eine Karriere hinter sich, die wenigen in seiner Zunft vergönnt ist. Der studierte Lehrer war nur wenige Jahre in diesem Beruf tätig, bevor er für den Landtag in Düsseldorf kandidierte. Dort verbrachte er 20 Jahre, danach begann seine zweite Laufbahn im Europäischen Parlament, wo er zuletzt die CDU/CSU-Gruppe leitete. Auch wenn als politische Initiativen von Reul in Europa vor allem sein Engagement gegen die Umstellung von Sommer- auf Winterzeit in Erinnerung bleiben , hätte schon diese lange Phase als Parlamentarier vielen anderen gereicht. Doch Reul trat mit über 60 Jahren das dritte und wichtigste Kapitel seiner Laufbahn an, als ihn der frühere NRW-Ministerpräsident Armin Laschet als Innenminister zurück in seine rheinische Heimat holte.

Ohne viel Vorerfahrung im Bereich innere Sicherheit hat Reul, der mit seinen funkelnden Augen unter buschigen Augenbrauen immer ein bisschen an eine freundliche Eule erinnert, sich seither einen Namen als Kämpfer gegen Clan-Kriminalität und für eine bessere Ausstattung der Polizei gemacht.

Und Reul hat bewiesen, dass er sich auch unter wechselnden Herren halten kann: Als Armin Laschet nach der gescheiterten Kanzlerkandidatur sein Regierungsamt in NRW aufgab, gehörte Reul nicht zu den Unterstützern von Hendrik Wüst. Aber inzwischen haben die beiden sich arrangiert.

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

  • Tatverdächtiger nach Schusswaffenangriff in Maine tot aufgefunden: Zwei Tage lang suchten die Einsatzkräfte nach Robert C., der im US-Bundesstaat Maine 18 Menschen erschossen haben soll. Der Polizei zufolge wurde die Leiche des Verdächtigen gefunden. Anwohner können sich wieder frei bewegen.

  • Australien will tausende Wildpferde in Nationalpark aus Hubschrauber abschießen: Rund 19.000 Wildpferde gibt es momentan im australischen Kosciuszko-Nationalpark – bald sollen es nur noch 3000 sein. Das haben die Behörden von New South Wales bekannt gegeben. Naturschützer betrachten die »Brumbys« als Plage.

  • Hermoso wird bei Rückkehr in Nationalmannschaft zur Matchwinnerin: In den ersten Spielen nach dem Kuss-Skandal bei der WM wurde Jennifer Hermoso »zu ihrem eigenen Schutz« zunächst nicht für das spanische Nationalteam nominiert. Nun war sie wieder dabei – und traf prompt zum Sieg.

Die SPIEGEL+-Empfehlungen für heute

  • Kann man den Bewertungen auf Kununu trauen? Die Bewertungsplattform Kununu verspricht ungeschönte Einblicke in Firmen. Eine Recherche des SPIEGEL zeigt, wie einfach Arbeitgeber kritische Beiträge entfernen lassen können.

  • High Performer: Führungskräfte nehmen zusammen psychedelische Drogen – solche Coachings boomen in der Tech- und Gründerszene. Die Geschichte dreier Manager, die durch »magische Trüffeln« empathischer und leistungsfähiger werden wollten.

  • Wenn Psychiater ausflippen: Die Serie »Die Therapie« basiert auf einem Roman vom Bestsellerautor Sebastian Fitzek. Der Thriller über einen Psychologen und seine verschwundene Tochter gerät erstaunlich familienfreundlich – aber auch unterhaltsam.

Ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag.

Ihre Melanie Amann, stellvertretende Chefredakteurin

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