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Alternativer Nobelpreis für SOS Mediterranée und Umweltorganisation »Mother Nature« aus Kambodscha

September 28
09:38 2023

Es gibt Preise, die verliehen werden für etwas, was erreicht wurde. Und es gibt Auszeichnungen, die werden vergeben, um daran zu erinnern, was noch im Argen ist. Die Seenotrettungsorganisation SOS Mediterranée erhält nun den diesjährigen Alternativen Nobelpreis. Und die Initiatoren lassen erst gar keine Zweifel, wie sie das verstanden sehen wollen.

»Allein 1800 Tote wurde in diesem Jahr bislang im Mittelmeer gezählt«, sagt Ole von Uexküll am Mittwoch im Gespräch mit dem SPIEGEL. »Und wir wissen gar nicht, wie viele es wirklich sind. Im Mittelmeer fehlt weiter Hilfe. Die Arbeit ist noch nicht erledigt, im Gegenteil.«

Von Uexküll ist Direktor von Right Livelihood, der Stiftung, die den gleichnamigen Award jährlich vergibt – bekannter ist er als Alternativer Nobelpreis, weil er alljährlich kurz vor den Nobelpreisen in Stockholm verliehen wird. Und meist diejenigen auszeichnet, die aus Sicht vieler Kritikerinnen und Kritiker dort regelmäßig zu kurz kommen. Vorgesehen ist der Alternative Nobelpreis für Persönlichkeiten und Organisationen, die sich den größten Problemen der Welt entgegenstellen. Es geht also um Menschenrechtsaktivisten und Feministinnen statt Biologen, Mediziner und Politikerinnen.

»Die EU ist Trägerin des Friedensnobelpreises«, sagt von Uexküll. »Wir wollen sie daran erinnern, was ihre eigene Verantwortung ist. 2023 dreht sich viel um Abschottung. Aber es gibt weiterhin Spielraum für eine humane und aktive Flüchtlingspolitik.«

Gleichzeitig sei die Ehrung auch eine Erinnerung daran, was die Zivilgesellschaft weltweit leiste. Neben dem Preis für SOS Mediterranée werden in diesem Jahr noch drei weitere Auszeichnungen vergeben.

Preis für die Stärkung von Frauenrechten in Afrika

Die Frauenrechtlerin Eunice Brookman-Amissah aus Ghana erhält eine Ehrenauszeichnung dafür, dass sie sich in Afrika für die reproduktiven Rechte von Frauen einsetzt. Die Medizinerin und Aktivistin habe in Mosambik, Sierra Leone, Benin, Eswatini und Kenia erfolgreich für einen leichteren Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen gekämpft, so die Initiatoren des Alternativen Nobelpreises. »Als sie mit ihrer Arbeit begann, war Abtreibung gesellschaftlich tabuisiert.«

Brookman-Amissah war einst selbst Verfechterin eines strikten Abtreibungsrechts. Nachdem eine ihrer Patientinnen an den Folgen eines unsachgemäßen Abbruchs gestorben war, änderte sie jedoch ihre Meinung. Seit 2000 sei die Zahl der Todesfälle im Zusammenhang damit in der Region um 40 Prozent gesunken, so die Jury. »Brookman-Amissah ist eine Pionierin.«

Die jungen Umweltschützer aus Kambodscha

Ausgezeichnet wird außerdem die junge Umweltorganisation »Mother Nature« aus Kambodscha, deren Mitglieder sich mithilfe von Social Media und auf lokaler Ebene gegen Naturzerstörung und die Ausbeutung von Ressourcen in ihrem Land einsetzen. Die Gruppe wurde für ihre Arbeit mehrfach juristisch verfolgt, seit 2015 wurden laut »Right Livelihood« elf Aktivistinnen und Aktivisten festgenommen.

»Sie arbeiten in einer Diktatur«, so Ole von Uexküll, »und für ihren Einsatz zahlen viele Mitglieder einen hohen Preis.« Trotz der Widerstände habe die Organisation erfolgreich den Bau eines Staudamms verhindert, der eine indigene Gemeinschaft bedrohte. Der Organisation gelang es auch, dem weitgehend von Korruption geprägten Sandabbau und illegalen Export aus der Provinz Koh Kong Einhalt zu gebieten.

Im vergangenen Frühjahr hatte bereits einer der »Mother Nature«-Aktivisten im SPIEGEL-Interview von seinem Engagement berichtet. Für seinen Einsatz musste er bereits fünf Monate ins Gefängnis, die Behörden verboten ihm danach die freie Ausreise. Sein Fazit lautete dennoch schon damals: »Für mich ist Schweigen keine Option. Wir müssen laut sein.«

Alternativer Nobelpreis für die »Erin Brockovich von Ostafrika«

Ausgezeichnet wird in diesem Jahr außerdem die kenianische Aktivistin Phyllis Omido, die sich ebenfalls für Umweltschutz und die Rechte lokaler Gruppen einsetzt. Ausgangspunkt ihres Engagements waren eigene Erfahrungen in einer Batterie-Schmelzanlage, wegen der Omido, ihr Sohn und Tausende Anwohner eine Bleivergiftung erlitten. Die Umweltschützerin erstellte daraufhin eine eigene Studie und mobilisierte Protest in ihrer Gemeinde.

Nach einer Demonstration im Jahr 2012 wurde Omido in ihrem Haus angegriffen und unter dem Vorwurf des Terrorismus und der Anstiftung zur Gewalt festgenommen. Später jedoch zeigte ihr Einsatz Wirkung: Mittlerweile wurden insgesamt 17 giftige Industrieanlagen in Kenia geschlossen. Omido ist inzwischen auch Uno-Beraterin und hat ein länderübergreifendes Netzwerk von lokalen Umweltgruppen gegründet.

Zunehmender Druck auf Preisträger

Der »Right Livelihood Award« wird seit 1980 verliehen, nachdem sich die Jury des Nobelpreises geweigert hatte, nachträglich weitere Preise für gesellschaftliches, ökologisches und soziales Engagement zu vergeben. Rund um den alternativen Preis sei inzwischen längst ein eigenes Netz zivilgesellschaftlicher Initiativen entstanden, sagt Stiftungsdirektor Ole von Uexküll. »Wir ehren nicht nur geleistete Arbeit, sondern sorgen auch dafür, dass sie weitergeführt wird. Unser Preis ist ein Zeichen dauerhafter Solidarität. Das Ziel ist, dass es nicht nur wenige Gewinner gibt, sondern andere sich dem anschließen.«

Die Seenotrettung durch SOS Meditarrenée und andere Organisationen sei deshalb ein wichtiges Beispiel dafür, was durch praktisches Engagement erreicht werden könne. »Diese Gruppen retten nicht nur Menschen aus dem Mittelmeer, sondern sorgen auch seit Jahren dafür, dass sie gehört werden«, so von Uexküll.

In den vergangenen Jahren hätten sich weltweit die Angriffe auf politische und gesellschaftliche Gruppen gehäuft, auch durch Hass im Internet. Die Stiftung verzichtet deshalb inzwischen darauf, das genaue Preisgeld öffentlich zu nennen, um die Aufmerksamkeit wieder stärker auf inhaltliche Fragen zu lenken.

»Das größte Problem unserer Zeit ist, dass viele Menschen glauben, sie können nichts ändern«, so von Uexküll. »Unser Preis soll zeigen, dass das Gegenteil wahr ist.«

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