Endzeitsekte Shakahola in Kenia: Hungern für Jesus
Der Minister
Während der Pressekonferenz geht plötzlich die Knochensäge an, ein hohes Kreischen, sekundenlang. Der kenianische Innenminister spricht unbeirrt weiter, im Kittel steht er vor dem Mikrofon, umringt von Frauen und Männern in weißen Overalls und blauen Haarnetzen. Er sagt nüchtern und mit leiser Stimme Zahlen auf, die unfassbar klingen: 241 Tote, mehrere neue Massengräber gefunden, mehr als 600 Menschen vermisst.
Ein gelb-schwarzes Band mit der Aufschrift »crime scene« flattert im Wind, der süßlich-beißende Geruch von Leichen sticht in der Nase, Fliegen landen beharrlich auf Nasen und Ohren der Anwesenden. Der Innenminister hat zum Pressebriefing vor dem Leichenschauhaus geladen, das Setting soll wohl zeigen: Er schaut der schrecklichen Wahrheit ins Auge. Ein Mitarbeiter seines Presseteams baut eine Kamera vor einer Kinderleiche auf, die unter einem weißen Tuch auf einem Metalltisch liegt. Die meisten Opfer der Endzeitsekte von Shakahola sind Kinder, und die Kühlcontainer reichen nicht mehr aus.
Dann rast der Konvoi des Ministers vom Leichenschauhaus in Malindi zum Dickicht von Shakahola, am Rande des berühmten Tsavo-Nationalparks. Nach einer Stunde Fahrt biegen die SUV von der geteerten Straße ab, nach links hinein ins Dickicht, das inzwischen einer Kraterlandschaft gleicht. Fast täglich stoßen die Ermittler auf weitere Gräber, ganze Familien verscharrt, nur wenige Zentimeter unter der Erde.
Die Obduktionen bisher haben gezeigt: Die Opfer haben sich zu Tode gehungert, einige wurden wohl noch lebend begraben. Sie sind Opfer einer Endzeitsekte, angeführt von Pastor Paul Mackenzie. Er versprach ihnen: So kommt ihr direkt zu Jesus. Nach dem Hunger wartet das Paradies. Qualvoll ließen Eltern ihre Kinder sterben.
Wie kann man diesen Schrecken begreifen? Wie ist so etwas zu erklären? Was für Mütter und Väter sind das, die ihre Kinder qualvoll verhungern lassen? DER SPIEGEL hat gemeinsam mit dem Schweizer Rundfunk (SRF) vor Ort Überlebende und Angehörige getroffen, hat mit früheren Weggefährten des Pastors und Experten gesprochen. Es sind Geschichten, die tief in die Risse und Brüche einer Gesellschaft reichen, die von den Folgen der Coronapandemie und einer völlig unkontrollierten evangelikalen Bewegung erzählen. Geschichten, die zu einem der größten Massensuizide der jüngeren Vergangenheit führten.
Die Mutter
Salama Masha sitzt auf einem flachen Stein im sandigen Boden am Ufer des Sabaki River. Ihre Haare sind kurz geschoren, sie ist hager, um die Hüfte hat sie ein Tuch gewickelt. Die 28-Jährige schaut beim Reden kaum auf, in den Händen hält sie ihr altes Nokia-Handy, als müsste es jeden Moment klingeln. Nur bei einem Thema löst sich ihr Blick vom schwarzen Display, schaut sie ihr Gegenüber an, in den Augen ein eigenartiges Funkeln und die Stimme deutlich lauter: wenn es um Pastor Mackenzie geht. »Seine Predigten waren so fesselnd, wir haben ihm bedingungslos geglaubt«, sagt sie. Sie fühlten sich als etwas Besonderes, so habe es Mackenzie ihnen klargemacht. »Wir waren die besseren Christen. Wir waren gerettet, im sicheren Jerusalem. Die Welt da draußen, das war Babel«, erinnert sie sich.
Am Anfang waren die Lehren des charismatischen Priesters denen der Tausenden anderen evangelikalen Prediger auf dem afrikanischen Kontinent noch sehr ähnlich. Es ging um Hoffnung, um Heilung, um vermeintliche Wunder. Aber immer auch um die andere Seite: den Satan, die Hölle, das Böse, das auf Sünder wartet. Und um das Ende der Welt, das ganz sicher kommen werde. Als Salama Masha zu der Sekte fand, waren die Anhängerinnen und Anhänger bereits aus der Stadt Malindi aufs Land gezogen, nach Shakahola.
Ihr Mann habe sie überzeugt, sich auch dort anzusiedeln, erinnert sich die fünffache Mutter. Sie hatten zuvor ein hartes Leben auf dem Dorf gehabt, keine Arbeit, die Trockenheit machte es immer schwieriger. Auf der Ranch des Pastors hingegen gab es einen Brunnen, sie betrieben Landwirtschaft, hatten ein kleines Haus, konnten für sich sorgen. Ja, abgeschieden sei es gewesen, bis zum nächsten kleinen Laden mussten sie mehr als 15 Kilometer laufen, trotzdem habe sie sich willkommen gefühlt im »gelobten Land«.
Vieles war anders in diesem vermeintlichen Jerusalem. Kinder durften nicht zur Schule gehen, denn weltliche Bildung sei Sünde. Frauen sollten sich nicht waschen. Ihr Mann verbrannte seinen Ausweis, seine Geburtsurkunde, diese Dokumente würden nun nicht mehr gebraucht. Und dann, im März, kippte es endgültig: Der Pastor forderte seine Anhängerinnen und Anhänger auf zu fasten, um ins Paradies zu kommen. Nicht auf einmal, erzählt Masha, sondern stufenweise. Ein paar Tage fasten, ohne Wasser und Essen, dann eine kurze Pause, anschließend ein paar weitere Tage hungern.
»Es war bizarr«, sagt die Mutter, die Hunger eigentlich gewohnt ist. »Wir hatten Essen im Haus, und trotzdem rührten wir es nicht an.« Sie fing an zu zweifeln, stellte immer mehr Fragen, diskutierte mit ihrem Mann. Doch der sei nicht mehr zu stoppen gewesen, irgendwann habe er die Tür des Hauses von innen vernagelt, seine gesamte Familie zum Hungern gezwungen. Sieben Tage lang hätten sie nichts gegessen und getrunken. »Das Schlimmste war, dass meine Kinder selbst sterben wollten. Sie waren überzeugt davon, dass es das Richtige ist.«
Als ihr Mann seine Familie endlich wieder rausließ, hatte sich in Shakahola der Tod längst breitgemacht. Mashas Nachbarin habe eines ihrer Kinder begraben, erzählt sie. »Sie hat versucht, mich zu überzeugen, dass ich meine Kinder auch opfern soll.« Doch die junge Mutter entschied sich zur Flucht, niemand habe sie aufgehalten. Ihr Mann habe ihr zum Abschied noch gesagt: »Du wirst mich vermissen, wenn ich bei Jesus bin.« Sehr schwach sei er da bereits gewesen, Masha ist sich sicher, dass er inzwischen nicht mehr lebt.
Sie ist jetztzurückgekehrt zu ihrer Mutter, die Kinder essen wieder, doch der Schule bleiben sie fern. Nicht aus religiösen Gründen, sondern weil das Geld fehlt. In Jerusalem wartete der Tod, in Babel das Leben in Armut. Und Masha hat eine neue Kirche gefunden, wieder eine evangelikale. Ihr Glaube hat sie fast das Leben gekostet, jetzt soll er sie erlösen.
Der Dorfälteste
Hinter Salama Masha, auf dem Ast eines riesigen Baumes, sitzt einer der Dorfältesten von Shakahola. Nach seinem Ort ist die Endzeitsekte inzwischen benannt, international bekannt, dabei liegt die Ranch des Pastors fast 20 Kilometer entfernt. Doch nach Shakahola kamen die Anhängerinnen und Anhänger zum Einkaufen, hier holten sie auch noch ganz am Ende, am Rande ihrer Kräfte, Lebensmittel für ihren Pastor. Denn der hungerte nicht mit, er wolle als Letzter in den Tod gehen, habe er gesagt.
Den richtigen Namen des Dorfältesten soll DER SPIEGEL nicht schreiben, zu groß ist seine Sorge vor der Regierung. Denn die Ermittlungsbehörden sind herumgefahren, haben Zeugen aufgefordert zu schweigen, haben den Tatort inzwischen weiträumig abgeriegelt. Kalume F.*, der Dorfälteste, erinnert sich noch sehr genau an die Zeit, in der die Polizei gar nichts unternahm. Selbst als die Lage in Shakahola vollends eskalierte. F. hat es selbst erlebt.
An einem Nachmittag im März hätten plötzlich diese Kinder bei ihm im Dorf gestanden, erzählt er. Sie hätten ausgehungert ausgesehen, um Hilfe gefleht. Es geschähen schreckliche Dinge auf der Ranch des Pastors, es müsse dringend etwas unternommen werden. Kalume F. versuchte es auf dem offiziellen Weg, er übergab die Kinder den Behörden. Doch dann passierte: nichts. »Also haben wir es selbst in die Hand genommen«, erzählt F., er habe sein eigenes und das Nachbardorf mobilisiert, dann sind sie mit Motorrädern losgefahren zum Anwesen von Mackenzie.
Bis zum Eingang der Ranch kamen sie, dann eskalierte die Gewalt: »Seine Anhänger haben uns mit Macheten und Knüppeln angegriffen, Leute wurden verletzt, mehrere Motorräder abgefackelt«, erinnert sich der Dorfälteste. Doch erst Wochen später marschierte endlich die Polizei mit einem Großaufgebot bei Pastor Mackenzie ein. Sie fanden im Dickicht Menschen, die kaum noch am Leben waren, und kurz darauf viele Leichen.
Kalume F. hat noch immer Angst. Es lebe nach wie vor eine Miliz auf dem riesigen und schwer zu durchdringenden Anwesen, sagt er, sein Dorf fürchtet nun ihre Rache. Endlich will das Innenministerium nun auch mit Drohnen das Gebiet überwachen, die Polizeistreifen aufstocken, mehr als zwei Monate nach dem Auffliegen der Sekte. Noch immer finden sich vereinzelt Überlebende.
In Nairobi verspricht die Regierung derweil, evangelikale Kirchen künftig besser zu regulieren, doch nur wenige glauben daran. Denn der kenianische Präsident William Ruto und sein Vize gelten selbst als religiöse Hardliner. Die Freikirchen haben immer mehr Zulauf, vor allem unter Jüngeren, die sich von den traditionellen Kirchen abwenden.
Der Vize
Tough Mwakalama kommt gerade aus der Polizeistation. Er hat dort seinen Bruder Smart besucht, wie fast jeden Tag. Er hat ihm Essen gebracht, sie haben gesprochen, über alles, außer Shakahola. »Meine Mutter hat gesagt, ich soll das Thema nicht ansprechen, das würde ihn nur traumatisieren«, sagt Mwakalama. Er sitzt in einem Café in Malindi, seine Dreadlocks unter einem Tuch zusammengebunden, zwei Dinge sind ihm wichtig: zu erklären, wie sein Bruder da reingeraten ist, und deutlich zu machen, wie die Polizei versagt hat.
Smart Mwakalama, Toughs Bruder, ist inzwischen im ganzen Land als die rechte Hand von Paul Mackenzie bekannt, er wird der Mittäterschaft beschuldigt, auch wenn noch keine Anklage erhoben wurde. Wenn es nach Tough ginge, säße sein Bruder sogar schon viel länger im Gefängnis. Denn schon vor Jahren hat er ihn bei der Polizei angezeigt, als er immer religiöser wurde, jeden Sonntag zu Paul Mackenzie in die Kirche ging, damals noch in Malindi. »Er ist ein sehr intelligenter Mann, hat immer Witze gemacht, doch die Gehirnwäsche wurde immer stärker«, erzählt Tough Mwakalama. Er sieht in seinem Bruder ein Opfer und nicht einen Täter. Wahrscheinlich stimmt beides.
Irgendwann habe Smart seine Kinder nicht mehr zur Schule gebracht, habe gesagt, sie seien nun in Gottes Hand. Auch zum Arzt seien sie nicht mehr gegangen, »Gebete sind genug«, habe ihm sein Bruder gesagt. Da reichte es Tough, er ging zur Polizei, zeigte ihn an. Tatsächlich wurde ein Verfahren eröffnet, doch am Ende kam Smart mit umgerechnet 130 Euro Kaution davon, bezahlt von Pastor Mackenzie, wie sich Tough erinnert. Die Kinder gingen weiterhin nicht zur Schule.
Auch Mackenzie selbst merkte schnell, wie zahnlos die Justiz ihm gegenüber agierte. Manche sagen, er habe mit etwas Geld nachgeholfen, überraschen würde das in Kenia nicht. Zweimal wurde er wegen seiner Predigten verhaftet, 2017 und 2019. Beide Male wurde er wieder freigelassen – und radikalisierte sich immer weiter.
Schließlich erzählte Smart seinem Bruder, dass er Malindi verlassen werde, dass sie Land gekauft hätten, in Shakahola. Sein altes Grundstück vermachte er Pastor Mackenzie, wie es mehrere andere Anhänger auch getan haben. Dann zog er mit der gesamten Familie auf die Ranch des Predigers, wurde zu dessen Assistent und Fahrer. »All das hätte gestoppt werden können«, sagt Tough Mwakalama, »doch die Regierung hat uns im Stich gelassen.«
Der Pastor
Wenige Minuten entfernt von Mackenzies Megakirche in Malindi, die jeden Sonntag voll war, steht Antony Muemas kleine Kirche. Der Pastor verbrachte ein Leben im Schatten des großen Konkurrenten.
Muema hatte seinen Kollegen Mackenzie auf einer der sogenannten »crusades« in einem Stadion kennengelernt, wörtlich übersetzt heißt das Kreuzzug, es sind riesige Veranstaltungen mit Tausenden Gläubigen, auf denen Menschen bekehrt und vermeintliche Wunder vollbracht werden sollen. »Er war ein toller Prediger, er hat die Leute in seinen Bann gezogen, seine Stimme war großartig«, erinnert sich Muema. Auch er verfällt dabei in einen schwärmerischen Ton, wie es viele tun, wenn sie über den selbst ernannten Pastor Mackenzie sprechen, der einst als Taxifahrer Touristen durch Malindi fuhr, bevor er sein wahres Talent entdeckte.
»Am Anfang ging es noch um Hoffnung, um Heilung, damit hat er die Leute in seinen Bann gezogen«, berichtet sein Kollege Muema. »Doch seit dem Erfolg des Fernsehsenders wurden die Predigten immer dunkler«, es ging nun gegen die Regierung, in der Mackenzie das vermeintlich Böse sah. Mackenzies Fernsehsender Times TV hatte bald Tausende Zuschauerinnen und Zuschauer, die Predigten via Bildschirm müssen ihm üppige Spenden beschert haben. Oft geht es in Kenia – wie in vielen afrikanischen Ländern – genau darum: Wer am lautesten seine Botschaften an die Gläubigen bringt, gewinnt.
Wie erklärt er sich den Erfolg von Kollegen wie Paul Mackenzie? »Sie zielen auf Leute ab, die bedürftig sind, auf Kranke, Menschen, die Halt brauchten. Die kann man einfach manipulieren.« Die meisten von Mackenzies Anhängerinnen und Anhängern hatten nicht viel Geld, und trotzdem opferten sie ihr letztes Erspartes für ihren Pastor.
Doch irgendwann, so glaubt Pfarrer Muema, habe etwas passieren müssen. Die Endzeitpredigten nutzten sich ab, die düsteren Szenarien ließen sich kaum mehr steigern. Dann kam die Coronapandemie. »Das war der perfekte Ausweg für Mackenzie. Nun konnte er sagen: Seht her, ich hatte recht. Die Welt geht zu Ende.«
Das Ende
2019, kurz bevor die Coronapandemie die Welt verunsicherte, schloss Pastor Mackenzie seine Kirche und zog mit seinen Anhängerinnen und Anhängern in den Busch. Während der Pandemie radikalisierten sie sich immer weiter. Anfang 2023 dann leitete er das letzte Kapitel seiner düsteren Geschichte ein. Er forderte seine Gemeinschaft auf, sich zu Tode zu hungern. Kinder zuerst, dann Frauen, am Ende sollten die Männer dran sein. Fast alle sind seinem Aufruf gefolgt.
*Der Name des Protagonisten wurde auf seinen Wunsch hin geändert.

