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Corona-Krise in Großbritannien: Boris Johnsons widersprüchliche Botschaften

July 24
21:56 2020
Boris Johnson mit Schutzmaske: Der britische Premier weiß, dass seine Regierung in der Coronakrise Fehler gemacht hat Icon: vergrößern

Boris Johnson mit Schutzmaske: Der britische Premier weiß, dass seine Regierung in der Coronakrise Fehler gemacht hat

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Jeremy Selwyn/ AP

Dass die britische Regierung bei der Eindämmung der Corona-Epidemie Fehler gemacht hat, ist kaum von der Hand zu weisen: Mit rund 300.000 bestätigten Infektionen und mehr als 45.500 Todesfällen ist Großbritannien das am schwersten von der Pandemie betroffene Land Europas. Premier Boris Johnson hat zuletzt betont, dass Fehler zwar aufgearbeitet werden sollten, es dafür aber noch zu früh sei.

Jetzt schlägt Johnson andere Töne an: In einem Interview mit der BBC gestand er Fehler beim Krisenmanagement ein. "Wir haben (das Virus) in den ersten Wochen und Monaten nicht in der Art und Weise verstanden, wie wir das gerne getan hätten", sagte der Premier. Vor allem das Ausmaß der Übertragung durch Menschen, die keine Symptome zeigten, sei unterschätzt worden.

Auf die Frage, ob der Lockdown und andere Maßnahmen zur Eindämmung des Virus in dem Land zu spät gekommen seien, antwortete Johnson allerdings ausweichend. Es handle sich um "offene Fragen" unter Wissenschaftlern.

Der Epidemiologe und ehemalige Regierungsberater Neil Ferguson vom Imperial College hatte kürzlich gesagt, dass mindestens die Hälfte der mehr als 45.500 Sterbefälle in Großbritannien hätten verhindert werden können, wäre der Lockdown im März eine Woche früher durchgesetzt worden. Die Regierung hatte zunächst auf das Konzept einer sogenannten Herdenimmunität gesetzt und erst vergleichsweise spät eingelenkt.

Auch die massenhafte Überführung von Patienten aus Krankenhäusern in Pflegeheime, ohne sie vorher getestet zu haben, gilt unter Fachleuten als massiver Fehler, der Tausende das Leben gekostet haben dürfte. Die Regierung von Premierminister Boris Johnson fokussierte sich auf den Ausbau von Kapazitäten für Intensivbetten. Neben fehlenden Tests hatten Berichten zufolge auch viele Heime Schwierigkeiten, an Schutzausrüstung zu kommen.

Es gibt sogar Grund zu der Annahme, dass der Pandemie in Großbritannien viele Menschen zum Opfer gefallen sind, die nie auf das Coronavirus getestet wurden. Zahlen der Statistikbehörden zufolge wurden inzwischen beinahe 55.000 Todesfälle erfasst, bei denen die Lungenkrankheit Covid-19 im Totenschein erwähnt wurde.

Die sogenannte Übersterblichkeit für die Zeit der Pandemie liegt Berechnungen der "Financial Times" zufolge bei über 65.000. Mit Übersterblichkeit ist die Differenz zwischen der Zahl der Todesfälle in diesem Jahr und dem Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre gemeint.

Als Kontrapunkt zu seinem Eingeständnis bei der BBC veröffentlichte Johnson am Freitagabend ein Video auf seinem Twitter-Kanal. Darin versucht er, in zwei Minuten möglichst viele Erfolge seiner Regierung aufzulisten – als "Challenge". Der Premier prahlt unter anderem damit, dass man so viel Geld in das nationale Gesundheitssystem NHS gepumpt habe wie noch nie. Das allerdings wäre wohl in diesem Ausmaß nicht nötig gewesen, wenn das System nicht in den Jahren zuvor beinahe zugrunde gespart worden wäre.

Auch betont Johnson, dass 12.000 zusätzliche Krankenschwestern und 6.000 neue Ärzte für die NHS arbeiteten und man mit dem Bau von 40 neuen Krankenhäusern begonnen habe. Am Ende des Clips sagt der Premier ein wenig außer Atem, er habe noch "viel, viel mehr" an Erfolgen vorzuweisen – doch die Zeit sei leider um.

Icon: Der Spiegel

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