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Reisen in Corona-Zeiten: “Behörden müssen frühzeitig, entschieden und agil handeln können”

July 17
21:38 2020
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Wohnsiedlung von Tönnies-Mitarbeitern in Quarantäne

Foto: Noah Wedel/ imago images/Noah Wedel

SPIEGEL: In Deutschland wurde in den vergangenen Tagen über Reisebeschränkungen bei Corona-Ausbrüchen diskutiert. Ist so etwas sinnvoll?

Gérard Krause: Bei lokalen Anstiegen können das geeignete Maßnahmen sein. Es müssen aber nicht gleich ganze Landkreise mit Reisesperren belegt werden. Wir müssen präzise und flexibel auf die Ausbrüche reagieren. Reisebeschränkungen sollten vonFall zu Fall abgewogen werden. Einen Automatismus, also zum Beispiel einen Algorithmus, der es den Bürgern auf der Basis von Infektionszahlen ermöglicht, ihren Urlaub zu planen, halte ich nicht für sinnvoll.

SPIEGEL: Es soll nun auch Lockdowns für kleinere Gebiete unterhalb von Landkreisen geben. Werden wir das Coronavirus mit solchen Beschränkungen besiegen?

Krause: Wenn die Fallzahlen hochgehen, sollten die Behörden reagieren. Die Gesundheitsämter müssen sich dann rigoros einen Überblick verschaffen. Die Politik sollte sie in die Lage versetzen, frühzeitig, entschieden und agil handeln zu können, damit solche Ausbrüche eingedämmt werden. Eigentlich sind das keine neuen Erkenntnisse, deshalb wundert es mich, dass die Beschlüsse jetzt so viel Aufmerksamkeit bekommen.

SPIEGEL: Im Kreis Gütersloh waren nach dem Ausbruch beim Fleischkonzern Tönnies von den Einschränkungen auch Menschen betroffen, die im nördlichen Teil des Landkreises lebten, wo die Zahlen verhältnismäßig stabil blieben. Waren die Maßnahmen übertrieben?

Krause: Im Nachhinein kann man das leicht sagen, aber ein solches Urteil wäre unfair. Zu Beginn des Ausbruchs war nicht klar, wo sich die Menschen angesteckt hatten und welche Faktoren dabei eine Rolle spielten. Wenn man Zweifel hat, sollte man auf der sicheren Seite handeln. Dann ist es besser, die Einschränkungen des öffentlichen Lebens wie beispielsweise die Schließung von Sportstätten auf ein paar Quadratkilometer mehr auszudehnen. Wichtig ist, dass man frühzeitig die Maßnahmen anpasst, sobald neue Erkenntnisse das nahe legen.

SPIEGEL: Worauf kommt es bei solchen Maßnahmen an?

Krause: Um die Infektionskette zu durchbrechen, müssen wir sehr gezielt vorgehen und schauen, woher der Ausbruch kommt. Man lernt bei jedem etwas dazu. Wenn er eine bestimmte Alters- oder Berufsgruppe wie im Fall Tönnies betrifft, schauen wir, was dazu geführt hat. Wurde beispielsweise der Mundschutz nicht richtig getragen oder führten die Lebensumstände der Mitarbeiter zu den Infektionen, setzen wir dort an. In Gütersloh ist das letztlich gut gelungen. Eigentlich wird die gestrige politische Einigung von Bund und Ländern in der Praxis längst umgesetzt. In Göttingen wurde ganz gezielt ein Hochhaus unter Quarantäne gesetzt. Aber der Beschluss gibt vielleicht den Gesundheitsämtern jetzt nochmal mehr Rückendeckung aus der Politik und der Gesellschaft.

SPIEGEL: Warum reichen die Maßnahmen wie das Tragen von Masken, Händewaschen und Mundschutz in solchen Fällen nicht?

Krause: Zunächst muss uns bewusst sein: All diese Maßnahmen sind wirksam, weil sie die Wahrscheinlichkeit der Übertragung reduzieren. Eine absolute Sicherheit ist in diesem Kontext nicht zu erreichen. Wenn der Infektionsdruck aufgrund besonderer Rahmenbedingungen sehr hoch ist, kann es dann eben trotzdem zu einem Anstieg der Infektionen kommen. In dem Fall muss man dann schauen, dass die bekannten Hygienemaßnahmen entweder ergänzt oder die bestehenden Maßnahmen sorgfältiger umgesetzt werden. Insgesamt kommt es darauf an, die Wahrscheinlichkeit der Übertragung zu reduzieren.

SPIEGEL: Entscheidungen über Lockerungen solcher Beschränkungen hängen auch von der sogenannten 7-Tage-Inzidenz ab: Maßnahmen können gelockert werden, wenn es innerhalb von sieben Tagen nicht mehr als 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner gibt. Ist dieser Wert sinnvoll?

Krause: Ich weiß bis heute nicht, wo die Zahl herkommt. Letztlich müssen wir jeden Fall individuell beurteilen. Natürlich gibt es Leitlinien, die einen Korridor für die unterschiedlichen Handlungsmöglichkeiten geben. Starre Regeln lehne ich bei der Krisenbewältigung ab. Aber ich kann natürlich verstehen, dass es ein politisches und gesellschaftliches Bedürfnis danach gibt.

SPIEGEL: Die Maßnahmen dürfen nicht schlimmer sein als die Krankheit, haben Sie kürzlich in einem Interview gesagt. Kann es wieder zu einem bundesweiten Lockdown kommen?

Krause: Das Dilemma der Abwägung bleibt dasselbe und muss gesellschaftlich-politisch entschieden werden. Anders als im März haben wir heute eine etwas bessere Einschätzung – zum einen über die Dynamik und Auswirkung der Virusinfektionen. Und zum anderen über die Machbarkeit und Folgen generalisierter Schließung von Schulen und Betrieben. Außerdem sind sowohl einfache OP-Masken, Desinfektionsmittel und Virustests inzwischen gut verfügbar. Insgesamt müssen wir unsere Aufmerksamkeit auf schwere Erkrankungen und weniger auf anlasslose Virusnachweise bei Menschen ohne Symptome lenken.

SPIEGEL: Im Laufe der Coronakrise sind Wissenschaftler stark in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt und zu wichtigen Beratern der Politik geworden. Wie beurteilen Sie diesen Prozess?

Krause: Die Erkenntnisse der Medizin, Virologie und Naturwissenschaften allein reichen nicht, wenn es darum geht, politische Entscheidungen zu treffen. Für die Krisenbewältigung brauchen wir auch ethische, sozial- und kommunikationswissenschaftliche Expertise. Da braucht es einen multidisziplinären Angang, um diese gigantische Aufgabe zu bewältigen. Diese Expertise ist in Deutschland gut vorhanden. Mein Gefühl ist, sie ist zu spät und bis heute zu wenig strukturiert eingebunden worden – jedenfalls nicht von außen erkennbar.

Icon: Der Spiegel

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