John Bolton im Interview: “Trump ist zu fast allem fähig”
Icon: vergrößernPolitiker Trump, Berater Bolton im Oval Office 2019: "Was ihn interessiert, ist seine Wiederwahl"
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Doug Mills / NYT / Redux / laif
Bolton, 71, gehört zu den umstrittensten und schillerndsten Figuren der amerikanischen Außenpolitik. Der Mann mit dem markanten Oberlippenbart diente unter den Präsidenten Ronald Reagan und George W. Bush im Justiz- und im Außenministerium und erwarb sich dort einen Ruf als angriffslustiger Falke. Bolton war ein flammender Befürworter des Irakkriegs und ist bis heute ein scharfer Kritiker internationaler Organisationen – was ihn nicht davon abhielt, US-Botschafter bei der Uno in New York zu werden.
Im April 2018 ernannte Donald Trump ihn zum Nationalen Sicherheitsberater. Allerdings geriet Bolton schnell in Konflikt mit dem Präsidenten. Im September 2019 schied er aus der Regierung aus.
Nun hat Bolton ein Enthüllungsbuch über seine Zeit im Weißen Haus veröffentlicht, in dem er vernichtend über seinen ehemaligen Chef urteilt. Trump habe sich erkundigt, ob Finnland zu Russland gehöre, und Chinas Präsident um Hilfe im Wahlkampf gebeten. Aber auch mit Kritik an den Europäern, allen voran an Bundeskanzlerin Angela Merkel, spart Bolton nicht.
SPIEGEL: Mr Bolton, Donald Trump hat schon angefangen, sich an Angela Merkel abzuarbeiten, als er noch republikanischer Präsidentschaftskandidat war. Merkels Flüchtlingspolitik sei, so sagte er damals, eine "Katastrophe für Deutschland". Trügt unser Eindruck, oder ist Trump geradezu besessen von der deutschen Kanzlerin?
Bolton: Trumps Verhältnis zu Merkel – und auch das zur ehemaligen britischen Premierministerin Theresa May – gehört sicherlich zu den problematischsten, die ich beobachten konnte. Der Präsident hat mitunter Schwierigkeiten mit weiblichen Regierungschefs. Im Fall von Angela Merkel könnte es damit zu tun haben, dass der Vater des Präsidenten deutsche Wurzeln hatte. Die Gründe sind aber auch politisch. Wir hatten eine Menge Handelsstreitigkeiten mit Europa, und darüber hinaus war Deutschland nicht bereit, zwei Prozent seiner Wirtschaftsleistung in das Militär zu stecken. Aber genau das hatten wir in der Nato verabredet.
SPIEGEL: Ähnlichen Ärger hatte Trump allerdings auch mit etlichen anderen Regierungschefs. Hat Trump einfach ein Problem mit Frauen?
Bolton: Das war mein Eindruck. Bei Trump gibt es aber noch eine Anomalie: Er pflegt bessere Beziehungen zu autoritären Persönlichkeiten als zu vielen demokratischen Regierungschefs, die wir zu unseren Verbündeten zählen.
SPIEGEL: Was ist Ihre Erklärung dafür?
Bolton: Trump fehlt es grundsätzlich an einer politischen Philosophie. Dieser Mangel prägt einen großen Teil der Kommunikation zwischen ihm und der Kanzlerin. Ich zum Beispiel bin ein konservativer Republikaner. Trump ist kein Republikaner. Er ist aber auch kein liberaler Demokrat. Er neigt dazu, persönliche Beziehungen mit Interessen zu verwechseln, die das Verhältnis von Staaten prägen.
SPIEGEL: Angela Merkel hat sich in den USA bewusst als eine Art Anti-Trump präsentiert, zum Beispiel bei ihrer Rede an der Harvard University, wo sie das Loblied auf den Multilateralismus sang. Ist das Trump auf die Nerven gegangen?

