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Corona-Krise in Großbritannien stärkt Unabhängigkeitsbewegung in Schottland

July 15
18:43 2020
Rivalen Sturgeon, Johnson: Sie wartet, bis er Fehler macht Icon: vergrößern

Rivalen Sturgeon, Johnson: Sie wartet, bis er Fehler macht

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Jane Barlow/ AP

Die selbsternannten Grenzschützer kamen in weißen Ganzkörperanzügen und mit Tartan-Masken. Sie hatten Hunde dabei, die in schottische Flaggen gehüllt waren. Am frühen Nachmittag postierten sie sich unter einem "Welcome to Scotland"-Schild bei Lamberton mit Blick auf die Nordsee. Aber für Besucher aus dem Süden hatten sie eine wenig einladende Botschaft mitgebracht: "Stay the fuck away!"

Für ihren Blockadetag hatten sich die schottischen Vaterlandshüter nicht zufällig den 4. Juli ausgesucht. Das war der Tag, an dem die britische Regierung zum ersten Mal seit Ende März wieder Reisen und Pub-Besuche erlaubte – aber eben nur in England. Bis hierhin und nicht weiter, signalisierte daher der kleine Trupp an der Grenze.

Es war eine unerhörte und für schottische Verhältnisse ungewöhnlich aggressive PR-Aktion. In London warfen Regierungsmitglieder den aufmüpfigen Schotten vor, sie wollten "eine Mauer" bauen. In Edinburgh distanzierte sich die dort regierende Nationalpartei eilig und entschieden. Die Tartan-Aktivisten aber hatten ihr Ziel erreicht: Seit dem 4. Juli ist die schottisch-englische Grenze wieder ein Stückchen sichtbarer geworden. Und zu verdanken haben das die Unabhängigkeitsverfechter ausgerechnet einem Virus.

Sturgeon hebt sich vom irrlichternden Johnson ab

Seit Sars-CoV-2 die Insel im Griff hat, wird immer deutlicher, dass die vereinigten Königreiche England, Schottland und Wales in entscheidenden Fragen uneins sind. Während Premierminister Boris Johnson fahrig und überfordert durch die Coronakrise schlingert, machten die Regionalregierungen in Edinburgh und Cardiff von Anfang an konsequent von ihren Kompetenzen Gebrauch, über die sie verfügen, seit ihnen die Zentralregierung 1999 mehr Macht zugestand.

Gut aufeinander abgestimmt erließen Schottland und Wales früh strengere Lockdown-Regeln als England. Und anders als Johnson weigerten sich die Regionalregierungen, ihre Bürger zu früh in eine Art Normalität zu entlassen. Reisen etwa ist in Schottland erst jetzt wieder unter strikten Auflagen gestattet.

Vor allem die dortige Regierungschefin Nicola Sturgeon von der linksliberalen Schottischen Nationalpartei (SNP) hob sich, auch aus Sicht vieler Konservativer, wohltuend vom irrlichternden Johnson ab. Wo dieser nichtssagende Slogans hinausposaunte, überzeugte Sturgeon mit kühler Sachlichkeit. Während Johnson Zielvorgaben machte, die nicht eingehalten wurden und sich in haarsträubende Widersprüche verstrickte, gewann Sturgeon mit Gradlinigkeit das Vertrauen der Schotten.

Zwar wütete das Virus auch nördlich des Hadrianswalls; mit rund 2500 Toten gehört Schottland gemessen an der Einwohnerzahl zu den meistbetroffenen Ländern der Welt. Aber: Seit einer Woche verzeichneten die dortigen Behörden keinen einzigen Covid-19-Todesfall mehr, während in England noch immer täglich eine dreistellige Zahl von Menschen dem Virus erliegt. Virologen, die Johnson beraten haben, glauben, dass rund die Hälfte der mehr als 40.000 Toten in England noch leben könnten, hätte der Premier schneller und entschiedener gehandelt.

54 Prozent der Schotten wollen die Unabhängigkeit

Die viermonatige Gesundheitskrise könnte nun zusätzlich dramatische politische Folgen zeitigen: Während Johnsons Zustimmungswerte immer weiter absacken, ist die seit sechs Jahren in Edinburgh regierende Sturgeon so beliebt wie selten zuvor. Damit ist die Frau, die Johnson, wie sie dem SPIEGEL sagte, immer schon für "imkompetent" hielt, ihrem größten politischen Ziel ein Riesenstück nähergekommen – Schottland endlich in die Unabhängigkeit zu führen.

Bei einem Referendum 2014 sprachen sich noch 55 Prozent der Schotten für einen Verbleib im Vereinigten Königreich aus. Seither – vor allem nach dem Brexitvotum von 2016 – hat die Unabhängigkeitsbewegung zwar Aufwind, überzeugte in Umfragen aber bestenfalls rund die Hälfte der fünfeinhalb Millionen Schotten. In einer aktuellen Befragung jedoch sprachen sich nun plötzlich 54 Prozent der Bürger für einen schottischen Alleingang aus. So viele wie nie.

Gleichzeitig wird auch in Wales die Unabhängigkeitsbewegung stärker. Diese Woche debattierte das Parlament in Cardiff, wie es damit umgehen soll.

Kann Johnson bei seinem Nein bleiben?

Für Johnson, der sich seit seinem Amtsantritt großspurig auch "Minister for the Union" nennt, ist das fatal. Kommenden Mai wird in Schottland gewählt, und alles deutet derzeit auf einen Erdrutschsieg für Sturgeons SNP hin. Zwar darf diese ohne Zustimmung aus London kein neues Referendum ausrufen. Aber sollte die SNP weit über 50 Prozent landen und die soeben neu gegründete "Alliance for Independence" zusätzliche Sitze im Parlament von Holyrood ergattern, dürfte es für Johnson schwer werden, bei seinem oft und laut geäußerten Nein zu bleiben.

Sturgeon dagegen spielt ihre Karten klug und überlegt aus. Sie hat bisher der Versuchung widerstanden, die Coronakrise zu sehr zu politisieren und setzt nur gelegentlich kleine Nadelstiche gegen Johnson. In einem BBC-Interview am Sonntag etwa betonte sie, dass sie, um Schotten zu schützen, auch nicht davor zurückschrecken würde, einreisende Engländer unter Quarantäne zu stellen.

Der Brexit, den die Schotten nie wollten und der Ende des Jahres endgültig vollzogen wird, spielt ihr weiter in die Hände. Ansonsten kann sie sich zurücklehnen und auf Fehler Johnsons lauern. Der tat ihr erst jüngst den Gefallen, wahrheitswidrig zu behaupten: "So etwas wie eine Grenze zwischen England und Schottland gibt es nicht." Kurz darauf tauchten die Grenzschützer mit ihren Tartanmasken auf.

Der Wahlforscher John Curtice warnte die in London regierenden Tories daher jüngst unmissverständlich: "Noch nie war die öffentliche Unterstützung für den Union so schwach wie derzeit."

Icon: Der Spiegel

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