Umweltverschmutzung in der russischen Arktis: Verklappen gehört zum Handwerk
Icon: vergrößernÖlbarriere auf dem Fluss Ambarnaja (am 10. Juni): "Die alternde Infrastruktur ist das Schlüsselproblem"
Foto: Irina Yarinskaya/ AFP
Ein Mann steht an einem Fluss. Er steckt einen Stab in den rotbraunen Schlamm am Ufer und zieht ihn wieder heraus, dann zündet der Mann das Holz an. Es brennt wie eine Fackel. So beschreiben CNN-Journalisten eine Szene eines nächtlichen Treffens mit Wassilij Rjabinin, irgendwo in der Weite der russischen Tundra.
Noch vor Kurzem hat Rjabinin als Mitarbeiter der russischen Umweltbehörde Rosprirodnadzor in der arktischen Industriestadt Norilsk gearbeitet. Doch inzwischen hat er gekündigt. Ende Mai war dort ein maroder Tank des Wärme- und Elektrizitätswerks Nummer 3 kollabiert. Daraufhin flossen mehr als 20.000 Tonnen Diesel in die Umwelt. Vor allem der Fluss Ambarnaja und angrenzende Gewässer waren stark betroffen.
Rjabinin wollte das Ausmaß der Verschmutzungen dokumentieren, wurde aber mehrfach daran gehindert. Also gab er seinen Job auf. Den offiziellen Beteuerungen, der Dieselaustritt sei schnell unter Kontrolle gebracht worden, glaubt er nicht: "Es war eine so offensichtliche, kindische Lüge, dass ich sie nicht in den Kopf bekam", sagt er CNN. Und gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters beklagte er: "Es ist offensichtlich, dass eine Vertuschung im Gange ist".
In Norilsk hat das Unternehmen Nornickel das Sagen. Der Rohstoffkonzern des Milliardärs und früheren Vize-Ministerpräsidenten Wladimir Potanin kontrolliert den Zugang zu Stadt und Umgebung. Eine Tochterfirma war Besitzerin des maroden Dieseltanks aus Sowjetzeiten. Das Interesse des Unternehmens an unabhängiger Berichterstattung scheint gering. Und auch mit eigenen Informationen war man zunächst sehr sparsam. Eine öffentliche Information zu dem Unglück vom 29. Mai gab es erst Tage später.
Jahresumsatz von 13,6 Milliarden Dollar
Nornickel produziert ein Viertel des weltweiten Nickels, beim Platinmetall Palladium liegt der globale Marktanteil des Unternemhens sogar bei 41 Prozent, bei Platin sind es immerhin 11. Die Firma erwirtschaftet bei einem Jahresumsatz von 13,6 Milliarden Dollar einen ziemlich beachtlichen Gewinn von 7,9 Milliarden Dollar vor Steuern. Wegen des Dieselaustritts soll Nornickel nach dem Willen der russischen Behörden nun zwei Milliarden Dollar Strafe zahlen. Das Unternehmen zweifelt die Rechnung allerdings an, die der Buße zugrunde liegt. Dazu kommt: Keine Strafzahlung der Welt entfernt den Dreck aus den arktischen Ökosystemen.
Immer wieder kommt es in der Region um Norilsk zu massiven Umweltverschmutzungen. Erst am Wochenende gelangten wieder gut 44 Tonnen Kerosin aus einer Pipeline in die Natur. Auch hier war eine Nornickel-Tochter verantwortlich. Verglichen mit der Dieselpest vom Mai trat nur eine vergleichsweise kleine Menge giftiger Stoffe aus. Die Spezialteams zur Ölbekämpfung waren wegen des früheren Zwischenfalls sowieso in der Region und konnten schnell reagieren.
"Die Ökosysteme sind über viele Jahre zerstört worden"
Es ist ein schwacher Trost. "Die Ökosysteme hier sind über viele Jahre zerstört worden", sagt Aleksej Knischnikow von der Umweltorganisation WWF im Gespräch mit dem SPIEGEL. Seine Organisation hatte mithilfe von Satellitenbildern aufgedeckt, dass Nornickel offenbar jahrelang vermutlich mit Schwermetallen belastetes Wasser in die Tundra und die Gewässer der Umgebung gepumpt hat.
Zuletzt hatten Greenpeace-Mitarbeiter und Journalisten der Zeitung "Nowaja Gaseta" Ende Juni Beweise dafür gefunden, dass giftige Abfälle in der russischen Tundra geleitet werden. Als Sicherheitsmitarbeiter von Nornickel die entsprechenden Rohre eilig entfernen wollten, fuhren sie mit einer Planierraupe sogar ein Auto zu Schrott, das ein Team von Ermittlern an den Ort des Geschehens bringen sollte.
Nornickel vermeldet in Bezug auf das aktuelle Großunglück, mit Stand 10. Juli habe man an schwimmenden Sperren auf den Flüssen mehr als 33.500 Kubikmeter Diesel-Wasser-Gemisch eingesammelt. Auch 188.500 Tonnen verseuchten Boden habe man abgetragen, dazu 144 Uferkilometer und 0,28 Quadratkilometer Wasserfläche mit ölauflösenden Chemikalien behandelt. Man baue gerade eine Leitung, um in provisorischen Tanks gesammeltes Öl-Wasser-Gemisch in die Nähe von Norilsk zurückzupumpen. Dort soll die Flüssigkeit bis Ende des Jahres aufbereitet werden.
Verhängnisvolle Verzögerung
"Ich gehe davon aus, dass 90 Prozent des ausgetretenen Öls nicht von den Sperren aufgehalten wurden, weil sie erst mit drei Tagen Verspätung installiert wurden", sagt dagegen Wladimir Tschuprow von Greenpeace Russland im Gespräch mit dem SPIEGEL. Nornickel sei es nur noch gelungen, die letzten Reste der Verschmutzung einzufangen. Der Umweltschützer argumentiert mit der Geschwindigkeit, mit der der Tank Diesel verloren habe, mit Fließgeschwindigkeit und Länge der Flüsse, die für einen Weitertransport gesorgt hätten, bevor die Barrieren nach mehreren Tagen ausgelegt waren.
Dass man die Verschmutzungen auf aktuellen Satellitenbildern nicht erkenne, so argumentiert Tschuprow, liege daran, dass die Ölverbindungen im Wasser des 700 Quadratkilometer großen Pjassinosees so stark durchmischt und verdünnt worden seien. Zu Beginn der Katastrophe waren die Verschmutzungen auf dem Fluss Ambarnaja noch klar aus dem All zu sehen.
Auch Beobachtungen des früheren Umweltaufsehers Rjabinin deuten darauf hin, dass die Chemikalien aus dem kollabierten Dieseltank wohl tatsächlich den Pjassinosee erreicht haben. Der See galt zuvor bereits als stark belastet. Von dort aus fließt außerdem der Fluss Pjassina ins Nordpolarmeer. In einem YouTube-Video zeigt der Moskauer Hydrogeologe Georgy Kavanosyan, dass auch dieses Gewässer nach dem Dieselunfall mehr als doppelt so stark belastet mit gefährlichen Polycyclischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAKs) ist, wie es die Grenzwerte für diese Erdölbestandteile zulassen würden. Die Messungen lassen sich allerdings nicht unabhängig verifizieren. Nornickel erklärt, die Belastung sei nur extrem gering.
Greenpeace-Mitarbeiter und Journalisten der "Nowaja Gaseta" haben am Pjassina-Fluss ebenfalls Wasserproben genommen, um diese unabhängig untersuchen zu lassen. Am Flughafen Norilsk hätten Sicherheitsmitarbeiter die Behältnisse jedoch zeitweise eingezogen, beklagen sie, und darauf bestanden, dass diese in einer gesonderten Kiste separat transportiert werden. Bei so einer Art der Beförderung sei in Norilsk aber bereits 2016 einmal Greenpeace-Material zerstört worden, so die Umweltschützer. Experten des Russischen Fischerforschungsinstituts aus dem westsibirischen Tjumen sammeln derzeit bei einer Expedition auf dem Pjassina-Fluss bis hin zum Arktischen Ozean Proben. Umweltschützer hoffen, dass erste Ergebnisse bis zu Monatsende vorliegen.
"Hohe Dividenden auf Kosten der russischen Natur"
Sie befürchten allerdings, dass die Dieselkatastrophe von Norilsk längst nicht die letzte ihrer Art war. Schuld daran sind nicht nur die im Zuge der Erderhitzung verstärkt tauenden Permafrostböden der Region. Teile Sibiriens vermeldeten in diesem Sommer teils absurde Werte von bis zu 38 Grad. "Die alternde Infrastruktur ist das Schlüsselproblem", sagt Greenpeace-Mann Tschuprow.
Laut einer Schätzung der russischen Regierung hätten 70 Prozent der technischen Installationen in der russischen Arktis ihr Alterslimit überschritten. Durch Unfälle drohten Kosten von bis zu 10 Milliarden Dollar. Pro Jahr. So steht es in einem Dekret des Präsidenten. "Bisher gab es für die großen Rohstofffirmen keinen Anreiz, in neue Infrastruktur zu investieren, sagt Tschuprow. " Stattdessen hätten sie sich wie Nornickel nur um ihre Profite gekümmert. "Aktienbesitzer bekommen hohe Dividenden auf Kosten der russischen Natur." Russland müsse daher seinen eigenen "Green Deal" entwickeln.
Icon: Der Spiegel

