Universal Music auf TikTok: Was der Streit für den Erfolg von Popstars bedeutet
Wer am Freitag sein neues TikTok-Video mit einem gerade angesagten Pophit unterlegen wollte, musste in vielen Fällen nach Alternativen suchen. »Cruel Summer« von Taylor Swift? Stumm geschaltet. Der aktuelle Smash-Hit von Rapperin Nicki Minaj, »Big Foot«? Nicht mehr verfügbar auf der Plattform. Gleiches gilt für Songs von Drake, SZA, Olivia Rodrigo, Billie Eilish, Ariana Grande und eine schier endlose Liste weiterer populärer Titel von großen Stars.
Sie alle haben Plattenverträge oder Veröffentlichungs-Deals mit Universal, dem weltweit größten Musikkonzern mit Sitz in den USA. Und der liegt im Streit mit der aus China gesteuerten Social-Media-Plattform TikTok. Die bisherige Übereinkunft der beiden Entertainment-Giganten lief am Mittwoch dieser Woche aus, wie und ob es weitergeht, ist noch offen.
Klar ist aber, dass die Musik von Universal-Künstlern und -Künstlerinnen erst einmal nicht mehr bei TikTok zu finden sein wird. Laut Angaben von 2022 besitzt Universal die Rechte an mindestens drei Millionen Songs. Zählen auch die Verlagsrechte von Songautoren, die bei Universal unter Vertrag stehen und an zahlreichen Hits beteiligt sind, wären es noch einmal Millionen mehr betroffene Titel.
Wer ist gieriger?
Es geht in dem Zwist um die Vergütung von lizenzierter Musik und den Umgang mit KI-generierten Songs. TikTok habe den Musikern und Songautoren nur »einen Bruchteil« der auf ähnlichen Onlineplattformen üblichen Vergütung geboten, argumentierte Universal Music in einem offenen Brief. Auch lasse TikTok in großem Stil mithilfe künstlicher Intelligenz erstellte Musik auf die Plattform – und wolle vertraglichen Freiraum dafür. Damit treibe der Dienst faktisch »das Ersetzen von Künstlern durch KI« voran.
TikTok konterte tags darauf, Universal Music habe »die eigene Gier über die Interessen ihrer Künstler und Songautoren gestellt«. Der Musikkonzern bleibe damit einer Plattform mit »deutlich mehr als einer Milliarde Nutzern« fern, auf der Musik beworben und entdeckt werde. Universal Music handle damit nicht im Interesse der Musiker und Fans.
Die äußerten in den vergangenen Tagen bereits ihren Frust. »What do you mean they're taking Taylor Swift’s music off of TikTok??«, fragte eine fassungslose TikTok-Userin in einem Video, in dem sie kopfschüttelnd zu sehen ist. Andere sind moderater: »Warum lässt UMG die Künstler nicht selbst entscheiden, ob sie ihre Musik auf TikTok veröffentlichen wollen oder nicht?«, fragte sich ein Fan auf X (ehemals Twitter). »Das Unternehmen hat berechtigte Bedenken, aber trotzdem ist die Musik auf dieser Plattform für einige Leute die Art und Weise, wie sie Songs finden, die sie hören.«
Tatsächlich ist TikTok, früher Musical.ly, inzwischen eine der wichtigsten Plattformen für Künstlerinnen und Künstler, um auf ihre Musik aufmerksam zu machen. Vor allem für Newcomer kann es einen entscheidenden Karriere-Push bedeuten, wenn einer ihrer Songs von TikTok-Usern für eigene Clips benutzt wird. Zusätzlich können die Künstler in ihren Videos Tänze oder Performance-Challenges installieren, die dann durch vielfaches Nachmachen mit dem betreffenden Song viral gehen.
TikTok selbst veröffentlichte erst im November einen Bericht, in dem es seine Rolle als »Startrampe für virale Hits und neue Künstler« anpreist. Dieser »Music Impact Report« stellte heraus, dass TikTok den Nutzern helfe, Musik zu entdecken und mit Künstlern in Kontakt zu treten. Außerdem wird berichtet, dass die Nutzer von TikTok mit größerer Wahrscheinlichkeit zusätzlich einen kostenpflichtigen Musik-Streaming-Dienst nutzen, was dann zudem einen Mehrwert für die Künstler darstelle.
Hoffnung auf zahlreiche Streamingabrufe
Das heißt: Wer es schafft, mit seiner Musik auf TikTok wahrgenommen zu werden, kann sich auch Hoffnung auf zahlreiche Streamingabrufe bei Spotify oder Apple Music machen, wenn nicht gar auf den Verkauf von physischen Tonträgern. Auch auf den Verkauf von Merchandising-Artikeln und Tourneetickets wirkt sich der direkte Kontakt der Künstler mit Fans via TikTok-Videos positiv aus. TikTok ist in Zeiten, in denen klassische Medien bei jüngeren Konsumenten kaum noch eine Rolle bei der Vorstellung neuer Musik spielen, ein eminent wichtiges Tool, die Zielgruppe anzusprechen – vielleicht sogar das wichtigste überhaupt, besonders für Newcomer.
Daher sind vor allem junge Künstler die unmittelbar Leidtragenden des TikTok-Universal-Streits. So wie die Berliner R&B-Sängerin Futurebae, die im November vergangenen Jahres ihr Debüt-Album »BLA« bei Universal Music veröffentlicht hat. Der Start in eine Popstar-Karriere? Zunächst wohl ohne die Verstärkung von TikTok. Am Donnerstag postete sie beim Messenger-Dienst Threads eine bedrückte Botschaft an ihre Fans: »heute wurden alle meine songs von tiktok entfernt und its kinda heartbreaking. hab zwei jahre lang so viel zeit und energie in meine videos gesteckt und jetzt ist alles einfach weg.«
Große und etablierte Künstlerinnen und Künstler haben sich bisher noch nicht öffentlich zum Streit positioniert. Zwar haben sie im Zweifel längst eine solide Fanbasis, die sich auch auf anderen Plattformen mit ihrer Musik versorgt, aber TikTok kann auch für bekannte Stars ein unverhofftes Comeback bedeuten. Etwa für Sängerin Kate Bush oder die Rockband Fleetwood Mac, deren alte Hits durch TikTok-Videos von Usern, die sie in Soundtracks von TV-Serien oder anderswo entdeckt haben, plötzlich wieder in die Charts gelangten – und neue Umsätze generierten.
Die britische Sängerin Sophie Ellis-Bextor erlebte so etwas gerade mit ihrem 2001 zuerst veröffentlichten Hit »Murder On The Dancefloor«, der im Kinofilm »Saltburn« eine prominente Rolle spielt. Der Film wurde zum Pop-Phänomen und zum Thema Tausender Clips auf TikTok, die den Song als Untermalung für Memes oder User-Content benutzten. Auch Ellis-Bextor ist bei Universal unter Vertrag.
Und wie geht es nun weiter? Universal fordert von TikTok eine Entschädigung, die dem entspricht, was andere Social-Media-Plattformen zahlen. Laut US-Analysten geht es dabei um den Unterschied zwischen jährlich rund 100 Millionen Dollar, die TikTok bisher an Lizenzgebühren an Universal zahlt, und dem zwei- oder dreifachen dieser Summe, die andere Social-Media-Unternehmen wie Meta entrichten.
Vielleicht bringt der Druck von enttäuschten Fans und Künstlern beide Konzerne in den kommenden Wochen dazu, sich doch noch auf einen Deal zu einigen.
Mit Material von AP und Reuters

