Ukraine: Präsident: Wolodymyr Selenskyj erfuhr erst aus den Medien von US-Datenleck
»Definitiv eine ungute Sache«: In einem US-Interview spricht der ukrainische Präsident über die Datenpanne der USA und die holprige Kommunikation mit Washington. Seinen Ärger kann er dabei kaum verhehlen.
Die Ukraine baut in ihrer Verteidigung gegen den russischen Angriffskrieg fest auf die Unterstützung durch die USA. Das gilt in erster Linie für Waffenlieferungen, aber auch für Zusammenarbeit auf Geheimdienstebene. Da passt das erhebliche Datenleck auf US-Seite in der ersten Aprilhälfte nicht recht ins Bild. Nach bisherigem Stand hatte ein junger US-Nationalgardist Zugriff auf geheime Informationen seines Landes zum Verlauf des Krieges – und mit diesen Informationen in einem Internetforum geprahlt.
Nun hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in einem Interview mit der »Washington Post« geschildert, wie er von der Sicherheitslücke erfahren hat: aus den Medien. Seine Äußerungen lassen erahnen, wie groß der Ärger in Kiew gewesen sein dürfte.
»Ich hatte vorab keine Informationen aus dem Weißen Haus oder aus dem Pentagon erhalten. Wir hatten diese Informationen nicht. Auch ich persönlich nicht. Es ist definitiv eine ungute Sache«, so Selenskyj in der »Washington Post«. »Es ist nachteilig für uns. Und es ist weder für den Ruf des Weißen Hauses, noch für den Ruf der Vereinigten Staaten von Vorteil.«
Deutlicher wurde Selenskyj nach Angaben der »Washington Post« nicht. Er ließ durchblicken, dass er wegen möglicher verletzter Gefühle keinesfalls die Unterstützung der USA für sein Land riskieren wolle. Eins der Dokumente zeigt laut dem US-Sender CNN, dass die USA auch Selenskyj ausspioniert hätten. Die Tatsache an sich sei keine Überraschung, aber ukrainische Beamte seien zutiefst frustriert über das Datenleck, meldete CNN im April unter Berufung auf eine Selenskyj nahestehende Person.
»Wenn ich offen sprechen kann, dann mache ich das auch. Aber hier ist das Risiko hoch«, so Selenskyj. Und weiter: »Wenn das mein Krieg gegen Putin wäre und es wären nur er und ich auf dem Schlachtfeld, würde ich jedem sagen, was ich von ihm halte. Aber hier ist es eine andere Geschichte. Wir sind alle in der Verantwortung.«
Festnahme im Bundesstaat Massachusetts
In dem Gespräch mit der US-Zeitung vermied Selenskyj Kommentare zu den konkreten Informationen in den geleakten Papieren. Sogar die allgemeine Frage, ob es sich dabei um »heikle« Informationen handele, wollte der Präsident nicht beantworten. Damit, so Selenskyj, würde er nur suggerieren, dass die Dokumente echt und korrekt seien. Die Ukraine hatte nach Bekanntwerden des Datenlecks suggeriert, dass die Papiere gefälscht und/oder Teil einer russischen Desinformationskampagne seien.
Am 13. April war der verdächtige 21-Jährige im US-Bundesstaat Massachusetts festgenommen worden. Ihm droht eine lange Haftstrafe. Die »Washington Post« hatte zuvor unter Berufung auf Mitglieder einer Gruppe auf der Plattform Discord ausführlich über den jungen Mann berichtet, der sich selbst »OG« genannt hatte.
Später identifizierte die Zeitung ihn ebenfalls mit seinem bürgerlichen Namen. Er habe die brisanten Unterlagen zunächst als Abschriften mit der Chat-Gruppe geteilt und später dort Fotos von ausgedruckten Dokumenten hochgeladen. Von dort aus waren die Informationen weitergereicht worden und später im Internet zirkuliert – offenbar über Wochen. Dann hatten US-Medien das Thema aufgegriffen.

