Suezkanal: So hart trifft die Havarie der »Ever Given« die Weltwirtschaft
Bild vergrößernContainerfrachter »Ever Given« im Suezkanal
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Die Verzweiflung am Suezkanal wächst mit jeder Flut. Sechsmal haben die Bergungsteams bei Hochwasser versucht, die seit Dienstag auf Grund gelaufene »Ever Given« freizubekommen. Aber auch am Freitagmorgen sind sie gescheitert. Der 400 Meter lange Containerriese steckt noch immer fest, diagonal im Kanal. Und blockiert die wichtigste Wasserstraße zwischen Asien und Europa. Der Flaschenhals der Warenversorgung ist verstopft.
Nun sollen es die Holländer richten. Ein Team des Rotterdamer Bergungsspezialisten Smit ist eingeflogen worden; ein Spezialbaggerschiff saugt Tausende Kubikmeter Sand ab, um den Frachter freizulegen. Parallel soll Treibstoff aus dem Bauch des Frachters abgepumpt werden, um ihn leichter zu machen. Wie lange die Rettungsaktion dauert? Ob sie am Ende gelingt? Ungewiss.
Klar ist dagegen mittlerweile: Der Unfall verursacht massive wirtschaftliche Kollateralschäden. Weit über die Schifffahrtsbranche hinaus. Es trifft auch Industriebetriebe, deren Produktion an pünktlich eintreffenden Teilen und Vorprodukten hängt. Und Endverbraucher gerade in Europa werden sich auf verzögerte Lieferungen von Waren aus Fernost einstellen müssen; vielleicht auch auf das eine oder andere leere Regal. Europas größter Versicherer Allianz geht in einer Studie davon aus, dass eine anhaltende Blockade des Suezkanals jede Woche sechs bis zehn Milliarden Dollar kosten würde.
185 Schiffe haben sich laut der Nachrichtenagentur Bloomberg vor den beiden Kanaleinfahrten angestaut. Selbst wenn die »Ever Given« vor dem Wochenende frei kommen sollte, würde es mehrere Tage dauern, die Verstopfung aufzulösen. Doch danach sieht es nicht aus.
Die großen Schiffsbetreiber überlegen nun ernsthaft, Tausende Kilometer lange Umwege rund um Afrika zu fahren, statt noch länger vor den Kanaleinfahrten der Befreiung zu harren. »Vor zwei Tagen haben wir noch gedacht, es gibt bald eine Lösung. Aber es scheint sich zu ziehen«, sagte Nils Haupt vom führenden deutschen Containerreeder Hapag-Lloyd dem SPIEGEL. »Wir sind nahe dran, die Entscheidung zu treffen, dass wir um das Kap der Guten Hoffnung fahren.«
Allein fünf Schiffe von Hapag-Lloyd warten zurzeit auf die Kanaldurchfahrt. Womöglich könnten diese Frachter schon am Freitag in Richtung des Kaps der Guten Hoffnung umgelenkt werden – wie auch die von Hapag-Lloyds Allianzpartnern Yang Ming aus Taiwan, ONE aus Singapur und Hyundai.
Ein Hyundai-Frachter hat bereits den Kurs gewechselt: die »HMM Rotterdam«. Sie ist auf dem Weg von London nach Singapur. Auf der Website »Marine Traffic« ist zu sehen, dass der Containerriese zuerst durch die Straße von Gibraltar in Richtung Mittelmeer einsteuerte, dann aber abrupt wendete – und nun um Nordafrika herumfährt.
Auch die weltgrößte Containerreederei Maersk überlegt, zumindest Teile der Flotte über das Kap der Guten Hoffnung zu beordern. »Wir kalkulieren gerade und überprüfen alle Möglichkeiten«, sagte eine Unternehmenssprecherin am Freitag dem SPIEGEL. Noch sei keine Entscheidung getroffen. Für Kunden, die es besonders eilig haben, prüft Maersk laut der Sprecherin, ob die Ware alternativ per Zug oder Flugzeug zu ihnen transportiert werden kann. Vorausgesetzt, die Klienten zahlen dies selbst.
Andernfalls heißt es warten. Der Umweg über das Kap der Guten Hoffnung dauert auf der Route Westeuropa-Ostasien laut Maersk zwischen fünf und acht Tage und ist rund 3000 Seemeilen lang (gut 5500 Kilometer). Die zusätzlichen Kosten sind für die Reeder noch halbwegs verschmerzbar: Zwar verbrennt ein großes Containerschiff täglich zwischen 80 und 100 Tonnen Schiffsdiesel, allein für den Treibstoff kommen so schnell 250.000 Euro Mehrkosten zusammen. Im Gegenzug allerdings entfallen die ähnlich hohen Kanalgebühren.
Weitaus härter treffen dürfte die Branche, ihre Kunden und die Endverbraucher die sich abzeichnende Kaskade von Problemen im globalen Gütertransport. So drohen in vielen Zielhäfen weitere Verstopfungen, wenn die verspäteten Frachter vom Suezkanal und pünktliche Schiffe anderer Herkunft gleichzeitig eintreffen.
Zugleich geraten die Zeitpläne der Linienreedereien komplett durcheinander. Das heißt: Auch die Rücktransporte verspäten sich – besonders die von Leercontainern, die in vielen asiatischen Häfen schon seit Monaten knapp sind. Wenn es dort keine Behältnisse für die Waren mehr gibt, sind weitere Verzögerungen programmiert. Oder gar komplette Lieferausfälle.
Zerreißen die Lieferketten?
Laut einer Schätzung der Branchenexperten von Lloyd's List, die der Nachrichtendienst Bloomberg zitiert, werden an normalen Tagen Waren im Wert von etwa 9,6 Milliarden US-Dollar (rund 8 Milliarden Euro) durch den Kanal transportiert. Schon vor dem Unglück war die Lage im weltweiten Containerverkehr angespannt. Viele Schiffe in Richtung Westen sind randvoll, weil die Nachfrage in Europa und Asien nach Ware aus Fernost so groß ist.
»Wir transportieren im Moment große Mengen von Konsumgütern: Möbel, Fitnessgeräte, Yogamatten, Fahrräder, Do-it-yourself-Ausrüstung, Unterhaltungselektronik, Waschmaschinen, Toaster«, sagt Hapag-Lloyd-Sprecher Haupt.
Der Ansturm der Verbraucher auf solche Waren ist ein Ergebnis der Pandemie: Anstatt Restaurants, Kinos oder Klubs zu besuchen, geben viele Menschen ihr Geld aus, um ihr Zuhause aufzumöbeln. Doch je länger der Stau am Suezkanal dauert, desto größer wird die Gefahr, dass sich einige dieser Güter zumindest zeitweise verknappen.
Automobilhersteller in Europa könnten ebenfalls in die Bredouille kommen. Die Branche operiere mit Just-in-time-Lieferketten, warnen Analysten der Ratingagentur Moody's. Sie habe oft nur geringe Lagerbestände an Bauteilen und sei abhängig von Lieferungen dieser Komponenten aus Asien.
Die Chemiebranche trifft es bereits. Rund 16 Prozent der deutschen Chemieimporte und 18 Prozent der Exporte gehen laut dem Verband der Chemischen Industrie (VCI) per Schiff durch die Wasserstraße. »In der Chemieindustrie und bei ihren industriellen Kunden sind momentan die Lieferketten aus Asien unterbrochen«, zitiert die Nachrichtenagentur dpa den VCI-Chefvolkswirt Henrik Meincke. Dadurch komme es zu Engpässen bei wichtigen Vorprodukten. »Sollte es am Wochenende nicht gelingen, den Suezkanal wieder freizubekommen, wird sich die Lage deutlich verschlechtern«, sagte Meincke.
Bei den nächsten Hochwassern – die nächste Flut ist am Freitagabend gegen 22 Uhr Ortszeit – werden die Bergungsteams wohl neue Versuche starten. In der Hoffnung auf ihr Hightech-Equipment – und die Hilfe der Natur. Denn am Wochenende ist Vollmond; die Gezeiten werden in den nächsten Tagen ausgeprägter sein. Vielleicht machen ein paar Zentimeter mehr Wasser den entscheidenden Unterschied.

