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Russland: Kremlkritiker Alexej Nawalny im Koma – wurde er vergiftet?

August 20
16:21 2020
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Alexej Nawalny

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Sefa Karacan / Anadolu Agency / Getty Images

Man hörte die Schreie von Alexej Nawalny im ganzen Flugzeug. Ein Passagier hielt die Szene in einem Video fest, nachdem die Maschine der Fluggesellschaft S7 in Omsk außerplanmäßig gelandet war. Kurz nach dem Start fühlte sich der russische Oppositionspolitiker plötzlich schlecht – so schlecht, dass er wenig später das Bewusstsein verlor und im Krankenhaus ins Koma versetzt wurde.

"Ich bin mir sicher, dass Alexej vergiftet wurde", sagt seine Sprecherin Kira Jarmysch dem unabhängigen Sender TV Rain. Sie hatte den 44-Jährigen begleitet. Die beiden wollten zusammen aus der sibirischen Stadt Tomsk zurück nach Moskau fliegen.

Jetzt liegt er im Notfallkrankenhaus Nr. 1 der sibirischen Stadt Omsk, die Ärzte nennen seinen Zustand "ernst". Nawalny werde beatmet. Man suche nach der Ursache seiner Erkrankung, habe Dutzende Test vorgenommen, sagte der Vizechefarzt der Klinik. Er nannte eine Vergiftung als einen der möglichen Gründe für den schlechten Zustand des Oppositionellen. Man versuche alles, um das Leben Nawalnys zu retten, betonte der Arzt. Bisher sollen noch keine Testergebnisse vorliegen, sie sollen erst in einigen Stunden veröffentlicht werden.

Nawalny ist einer der schärfsten Kritiker des Kremls. Immer wieder legt er sich mit den Mächtigen in Russland an, auch mit Präsident Wladimir Putin selbst, und setzt sich damit einem großen Risiko aus. Doch Nawalny schafft es eben – trotz der Repressionen – Tausende für Proteste auf die Straße zu bringen, wie zuletzt im vergangenen Sommer, als wochenlang Tausende Moskauer die Zulassung von unabhängigen Kandidaten zur Wahl des Stadtparlaments forderten.

Der Jurist veröffentlicht auch regelmäßig Informationen über die Vermögen von Politikern, Funktionären und Geschäftsleuten des Landes und macht so Korruption in Russland öffentlich. Sogar den einflussreichen Chef der Nationalgarde, Wiktor Solotow, prangerte er an, der ihn daraufhin beschimpfte und bedrohte. Immer wieder wird Nawalny verklagt, seine Stiftung zum Kampf gegen Korruption wurde bereits zum "ausländischen Agenten" erklärt – ein Label, mit dem der Staat unerwünschte Organisationen versieht, um deren Arbeit durch Bürokratie und Kontrollen zu erschweren.

Millionen Follower in den sozialen Medien

Nawalnys Videos sind beliebt, weil sie die Elite des Landes vorführen, weil er dabei kein Blatt vor den Mund nimmt. Die Beiträge werden hunderttausendfach angeklickt, manchmal sogar Millionen Mal, wie im Fall des damaligen Premiers Dimitrij Medwedew, dem Nawalny gleich mehrere Residenzen und sogar ein Weingut in Italien zuschrieb. Nawalny hat in den sozialen Medien Millionen Follower, vor allem jüngere Russinnen und Russen folgen ihm, viele reagierten am Donnerstag bestürzt auf die Nachricht von Nawalnys schlechtem Zustand.

Auch in Tomsk recherchierte der Jurist laut Medienberichten zum dortigen Gouverneur Sergej Schwatschkin und dessen Besitztümer. Anfang September stehen dort wie in anderen Regionen des Landes Wahlen an. Nawalny versucht vor allem, Kandidaten der Kremlpartei Einiges Russland – wie eben Schwatschkin – bloßzustellen. Regelmäßig ruft er die Opposition auf, nur den jeweils aussichtsreichsten Gegenkandidaten zu wählen, um die Chancen des Vertreters des Kremls so zu schwächen. "Kluges Wählen" nennt er das, so verloren bereits mehrere Vertreter von Einiges Russland in Moskau ihre Sitze. In Tomsk traf sich Nawalny auch mit einigen seiner Anhänger:

Nawalny wurde wiederholt festgenommen, auch im Sommer vergangenen Jahres saß er für 30 Tage in Haft, nachdem er zu Protesten aufgerufen hatte. Ende Juli musste er ins Krankenhaus gebracht werden, weil sein Gesicht plötzlich angeschwollen und gerötet war. Schon damals vermutete er, dass er vergiftet werden sollte. Die Ärzte sprachen dagegen nur von einer allergischen Reaktion. Nawalny reichte Beschwerde bei der Staatsanwaltschaft ein.

Opfer rätselhafter Vergiftungen

Nawalny wäre nicht das erste Opfer rätselhafter Vergiftungen, seitdem Putin regiert:

  • 2003 wies der Journalist Jurij Schtschekotschichin Vergiftungssymptome auf, er starb in einer Klinik in Moskau.

  • 2004, zwei Jahre, bevor Anna Politkowskaja erschossen wurde, versagten bei der Journalistin mehrere Organe. Zuvor war ihr in einem Flugzeug offenbar vergifteter Tee eingeschenkt worden.

  • 2006 wurde der ehemalige KGB-Agent Alexander Litwinenko in London durch eine Polonium-Vergiftung getötet.

  • 2017 versagten beim russischen Oppositionellen Wladimir Kara-Mursa bereits zum zweiten Mal die Organe. Die Frau des Putin-Kritikers sprach von Vergiftung, er wurde ins Ausland ausgeflogen, erholte sich wieder.

  • 2018 erlitten der ehemalige russische Doppelagent Sergej Skripal und seine Tochter schwere Vergiftungserscheinungen durch das Nervengift "Nowitschok", überlebten aber nach Angaben von Scotland Yard. Seitdem hält die britische Polizeibehörde die Skripals versteckt.

  • 2018 konnte Pjotr Wersilow, Mitglied der russischen Polit-Punk-Band Pussy Riot, plötzlich nicht mehr sprechen und sich bewegen, er verlor das Bewusstsein. Er wurde nach Berlin ausgeflogen. Ärzte der Berliner Charité, die ihn behandelten, hielten eine Vergiftung für wahrscheinlich.

Auf kremlnahen Kanälen des Messengerdienstes Telegram tauchten am Donnerstag Meldungen auf, Nawalny habe Pillen genommen. Kremlnahe Medien berichteten, man habe Alkohol in seinem Blut gefunden. Dies wies seine Sprecherin zurück. Jarmysch teilte mit, dass Nawalny am Morgen vor dem Flug nur einen schwarzen Tee zu sich genommen habe. Ein Foto eines Passagiers zeigt den Oppositionellen im T-Shirt in einem Café am Flughafen mit einem roten Becher in der Hand. An Bord des Flugzeugs habe Nawalny weder etwas getrunken noch gegessen, erklärte die Sprecherin.

Ehefrau darf nicht zu Nawalny

Sie kritisierte, dass die behandelnden Ärzte sich nicht mit Nawalnys Ärzten in Moskau austauschten, sondern stattdessen mit Vertretern der Ermittlungsbehörden. Bilder, die Jarmysch veröffentlichte, zeigten mehrere Polizisten auf einem Flur des Krankenhauses. Sie selbst sei dreimal befragt worden, schrieb sie auf Twitter. Es seien mehr Beamte als Ärzte vor Ort, kommentierte sie die Lage.

Ehefrau Julija Nawalnaja, die aus Moskau mit einer Ärztin Nawalnys anreiste, wurde im Krankenhaus nicht zu ihrem im Koma liegenden Mann gelassen, wie die Sprecherin erklärte. Zunächst habe man dies damit begründet, dass der Patient nicht sein Einverständnis dazu gegeben hätte. Dann hätten Mitarbeiter der Klinik erklärt, der von Nawalnaja vorgelegte Pass sei nicht ausreichend Beweis dafür, dass sie mit Nawalny verheiratet sei, sie bräuchte die Hochzeitsurkunde.

Kremlsprecher Dimitrij Peskow hat Nawalny mittlerweile eine rasche Genesung gewünscht, "wie jedem anderen erkrankten Bürger des Landes" auch, wie er betonte. Peskow versprach, man werde helfen, sollte es ein Ersuchen geben, Nawalny zur Behandlung ins Ausland zu fliegen. Der Moskauer Kardiologe Jaroslaw Aschichin, der Nawalny seit 2013 behandelt, hatte dies in einem Interview mit der "Nowaja Gazeta" gefordert. Er sagte, der Oppositionelle müsse ins Ausland, etwa nach Deutschland oder Frankreich, gebracht werden.

Icon: Der Spiegel

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