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News: Wladimir Putin, Russland, Leopard-Kampfpanzer, Ukraine, Boris Pistorius, Union Berlin

February 20
10:26 2023

Putin, der Imperialist

Erst im Rückblick offenbart sich manchen manches Ereignis als historischer Moment, als Weggabelung. Weil erst der Blick zurück sortiert, ordnet, kontextualisiert. So geht es mir mit jenem Februartag 2007, als erstmals ein russisches Staatsoberhaupt bei der Münchner Sicherheitskonferenz zu Gast war.

Wladimir Putin schockte damals das Publikum mit seiner Wutrede gegen Nato-Osterweiterung und US-Einfluss. Ich war baff. Putins Auftreten empfand ich dabei weniger als Vorboten künftiger Bedrohung, mehr als Rückfall in alte Muster. Im stickig-überheizten »Bayerischen Hof« beschlich mich damals ein Retrogefühl, über meinen Text setzte ich die Zeile: »Ein Hauch von Kaltem Krieg in München.«

Im Rückblick war das mehr: die Ouvertüre zum heißen Krieg viele Jahre später. Es war der (symbolische) Moment, in dem sich Putin vom Westen abwendete und sich endgültig auf den Weg eines Imperialisten und Aggressors machte. Putin deutete fortan russische Geschichte um, stellte sich Russland »als supranationale ›Zivilisation‹« vor, die durch ihre »spirituellen, den säkularen und liberalen Einflüssen des Westens diametral entgegengesetzten Werte definiert wurde«. So schreibt es der britische Historiker Orlando Figes in seinem neuesten, klugen Buch.

Die Ukraine sei »zum Schlachtfeld dieses ‘Kampfs der Kulturen’ zwischen Russland und dem Westen« geworden. Putin handele nicht anders als die Zaren früherer Zeiten, die ihre Nachbarländer zu destabilisieren suchten, um Einfluss zu wahren.

  • Yale-Historiker Snyder zum Ukrainekrieg: »In Russland steht der Wille über der Vernunft«

Mehr Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine finden Sie hier:

  • Die jüngsten Entwicklungen: Kiew und Moskau werfen sich gegenseitig vor, Kinder beschossen zu haben. Neue Sanktionen gegen russische Banken. Und: Selenskyj hält wenig von Frankreichs Gesprächsbemühungen mit Putin.

  • Kommentar – Ein Bärendienst für die Unterstützer im Westen:In München zelebriert der Westen die Solidarität mit der Ukraine – plötzlich fantasiert deren Vizeregierungschef über den Einsatz von Brandwaffen und Streumunition. Das nützt am Ende nur dem Wagenknecht-Lager.

  • »Die Deutschen sollten nicht Angst vor Eskalation, sondern Deeskalation haben«: Der russische Ex-Oligarch und Putin-Gegner Michail Chodorkowski hält eine Revolution in seiner Heimat in den nächsten Jahren für möglich. Dafür müsse Putin besiegt werden – mithilfe des Westens.

Auf der Suche nach den Panzern

16 Jahre nach Putins Rant, das vergangene Wochenende, kurz vor dem Jahrestag des russischen Überfalls: Auf der Münchner Sicherheitskonferenz mühen sich die Vertreter Europas und Amerikas, die Unterstützung für die Ukraine nicht abreißen zu lassen.

Die Deutschen, Anführer der Leopard-Koalition, suchen die Partner zu den (versprochenen) Panzerlieferungen zu bewegen – noch ohne durchschlagenden Erfolg.

US-Vizepräsidentin Kamala Harris warnt China davor, den Russen mit Waffenlieferungen zu helfen.

Und alle gemeinsam umwerben sie Staaten des Globalen Südens, die sich leider weiter indifferent zum russischen Angriffskrieg verhalten.

Am heutigen Montag besucht der neue Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) den Bundeswehrstandort im niedersächsischen Munster, wo ukrainische Soldaten auf dem Leopard 2 ausgebildet werden. Er wird seinen Lieferappell an all jene erneuern, die noch vor wenigen Wochen meinten, die Deutschen treiben zu müssen, bislang aber hinter den geschürten Erwartungen zurückbleiben.

Zeitgleich in Brüssel beraten die EU-Außenminister, zu Gast ist der ukrainische Kollege Dymtro Kuleba.

Jener Kuleba übrigens wurde in München wieder und wieder gefragt, wie dieser Krieg denn enden werde. Der Ukrainer sei schon leicht genervt gewesen von der Häufigkeit der Frage, wie mein Kollege Roland Nelles vor Ort beobachtet hat. Kuleba habe eindeutig geantwortet: Es gehe um nicht weniger als die »vollständige Befreiung des ukrainischen Territoriums.«

Historiker Figes sieht dieses Szenario übrigens als das am wenigsten wahrscheinliche an. Womöglich werde die Ukraine gezwungen sein, sich mit dem Kreml auf einen Kompromiss zu einigen, so Figes: »Es gibt keinen anderen Weg, diesen Krieg zu beenden«. Es gehe darum, dass die Ukraine möglichst gute Bedingungen mit internationalen Sicherheitsgarantien erhalte. Und dafür brauche es Waffenlieferungen des Westens.

Nur wie ausdauernd wird der Westen am Ende sein? Wird auf der nächsten Sicherheitskonferenz der zweite Jahrestag des Krieges bevorstehen? In Deutschland sorgen ja schon jetzt Alice Schwarzer und Sahra Wagenknecht mit ihrer als »Friedensmanifest« verbrämten Kapitulationsforderung an die Ukraine für Aufsehen. Mehr als eine halbe Million Menschen haben bislang für den Stopp der Waffenlieferungen unterschrieben.

Wer aber die militärische Unterstützung für die Ukraine stoppt, der wird kaum Verhandlungen mit Putin ermöglichen. Warum sollte der Aggressor verhandeln, wenn ihm die gewünschte Beute zu Füßen gelegt wird? Das Ergebnis wäre wohl eine politisch und territorial zerschlagene, teils besetzte Ukraine. Putin hätte seine Kriegsziele erreicht.

Und womöglich Appetit auf mehr.

  • Münchner Sicherheitskonferenz: Willkommen im neuen Weltchaos

Wie SPIEGEL-Reporter den Krieg erleben

Seit einem Jahr sind sie im Kriegsgebiet unterwegs: Ich habe immense Hochachtung vor unseren Reporterinnen und Reportern, die dort einen der wichtigsten und schwierigsten Journalistenjobs in dieser Zeit machen – Berichten, was ist im Krieg.

Ihre Texte und Reportagen aus Butscha oder Kiew, aus Isjum oder Bachmut haben mich in den vergangenen Monaten tief berührt, traurig gemacht, erschüttert, erzürnt – und vor allem: aufgeklärt.

Ich möchte hier in der Lage am Morgen in dieser Woche jeden Tag eine Kollegin, einen Kollegen zu Wort kommen lassen. »Was war Dein eindrücklichster Moment in diesem Jahr Krieg?« – diese Frage habe ich ihnen gestellt.

Heute schreibt Christoph Reuter über den Soldaten Yuri im brutal umkämpften Bachmut:

Soldat Yuri kam nicht zum Treffen, war unerreichbar. Am nächsten Morgen meldet er sich, müsse gleich weiter nach Kiew, könne vorher zum vereinbarten Parkplatz 35 Kilometer vor Bachmut kommen.

Dann, auf dem Parkplatz: Er sei gestern verletzt worden von einer Handgranate, geworfen von einem russischen Soldaten »ungefähr so weit weg«, einmal über die vierspurige Straße vor uns.

In den vordersten Graben war er gerobbt, um zwei angeschossene Kameraden zu retten, einer sein Freund seit 20 Jahren vom Sportverein in Charkiw. Seine nächste Antwort: Kopfschütteln. Er redet nicht viel, über fehlende Artillerie auf ihrer Seite: »Könnten wir Abstand halten, würden weniger sterben«. Von sich spricht er zögernd. Allen Urlaub habe er aufgespart für seinen Geburtstag, der sei morgen. Sein einundvierzigster.

Zum ersten Mal seit sechs Monaten werde er seine Frau wiedersehen, in Kiew. Zehn Tage frei vom Krieg. Eine Familie in Mönchengladbach habe sie aufgenommen, »danke euch Deutschen dafür«, so fühlten sie sich weniger allein.

Dann humpelt er davon.

  • Christoph Reuters Reportage von der Front bei Bachmut: »Hier ist die Hölle«

SPIEGEL Backstage – Verlosung

Am Dienstagabend um 20 Uhr diskutieren Christina Hebel, die Leiterin des SPIEGEL-Büros in Moskau, Christian Esch, Auslandsreporter in der Ukraine, sowie Martin Knobbe, mein Ressortleiterkollege aus dem Hauptstadtbüro ein Jahr Ukrainekrieg: So blicken Journalisten auf das traurige Jubiläum.

Die Backstage-Veranstaltung ist digital und exklusiv für Abonnentinnen und Abonnenten. Aber wir verlosen hier zehn freie Zugänge. Interessenten schreiben bitte an: info@events.spiegel.de, Betreff: SPIEGEL Backstage Verlosung. Einsendeschluss ist heute, am 20. Februar um 18 Uhr.

Wer bereits Abonnentin oder Abonnent ist, kann sich hier direkt anmelden.

Fragen können vorab hier gestellt werden.

Hier geht’s zum aktuellen Tagesquiz

Die Startfrage heute: Wie heißt eine der Gruppierungen, deren Mitglieder sich am 6. Januar 2021 am Sturm aufs Kapitol beteiligten?

Gewinnerin des Tages…

…ist die Bundesliga. Denn mit etwas Glück sehen wir gerade die Vorboten eines spannenden Saisonfinales. Rund zwei Drittel der Spiele sind gemacht und an der Spitze stehen punktgleich drei Vereine: der FC Bayern, Borussia Dortmund und Union Berlin.

Werden die Bayern vielleicht nicht zum drölften Mal in Folge Meister? Wie schön wäre das.

Ich kenne einige Bayern-Fans, die hoffen auf mehr Spannung – und würden dafür ein Jahr Meisterschaftspause ihres Klubs liebend gern in Kauf nehmen. Mit Union Berlin stünde, wie ich finde, ohnehin der perfekte Meisterschaftskandidat bereit.

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

  • Nordkorea feuert Raketen ab – und die Schwester des Diktators droht dem Westen: Das Regime in Nordkorea erhöht die Frequenz bei seinen Raketentests – aktuell wurden Geschosse mit kurzer Reichweite erprobt. Dazu kamen markige Worte aus Pjöngjang.

  • US-Schauspieler Richard Belzer ist tot: Er begann als Komiker, die meisten Zuschauern kannten Richard Belzer jedoch als zynischen Ermittler John Munch in der Krimiserie »Law & Order«: Nun ist der Schauspieler mit 78 Jahren gestorben.

  • Ein trauriges, alltägliches Wochenende in den USA: Nach der Bluttat an der Michigan State University sind auch am Wochenende wieder Menschen in den Vereinigten Staaten durch Schüsse gestorben, darunter mehrere Jugendliche. Neun Kinder wurden bei einer Schießerei verletzt.

Die SPIEGEL+-Empfehlungen für heute

  • Ein Bürgermeister fürchtet um sein Leben, darf aber keine Pistole tragen: Der parteilose Bürgermeister einer Gemeinde nahe Hildesheim will eine Schusswaffe haben, weil mehrere Männer im Ort ihn bedrohen. Doch die Polizei ist dagegen und fürchtet eine Eskalation. Zu Recht?

  • Unter welchem Schutthaufen liegt Ihre Krankenkarte? Die Bundesregierung verspricht den Opfern des Erdbebens in der Türkei und Syrien schnelle Visa-Vergabe, wenn sie bei Verwandten in Deutschland unterkommen wollen. Dass ich nicht lache .

  • Der wandelnde Ein-Mann-Stammtisch: Hubert Aiwangers Freie Wähler könnten dafür sorgen, dass Markus Söder nach der Wahl im Oktober weiter in Bayern regiert. Wofür steht die Partei?

  • Reicht eine Leidensgeschichte schon für gute Literatur? Douglas Stuart schreibt über seine Kindheit im Glasgow der Achtzigerjahre: Gewalt, Armut und eine Mutter, die sich zu Tode säuft. Weltbestseller. Ist das große Kunst – oder nur beschwerter Kitsch?

  • Bedrohte Wunderwelt: Seit Jahren kämpft die Meeresbiologin Antje Boetius, Chefin des Alfred-Wegener-Instituts in Bremerhaven, für den Schutz der Ozeane. Ein Uno-Abkommen könnte jetzt den Durchbruch bringen .

Ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag.

Ihr Sebastian Fischer, Leiter des SPIEGEL-Hauptstadtbüros

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