Myanmar: Wie ein Deutscher die Proteste in Yangon erlebt
Icon: vergrößernProtestierende fliehen in Yangon vor dem Kugelhagel der Soldaten
Foto: Aung Kyaw Htet / imago images/ZUMA Wire
Bis vor wenigen Wochen wurde Mikis Weber von Fans umringt, sobald er in Yangon aus der Haustür trat: Der 29-Jährige aus Bremen ist in Myanmar ein gefeierter Musiker und Schauspieler. Seine Musikvideos, in denen er auf burmesisch singt, wurden millionenfach geklickt, er trat mit den größten Künstlern des Landes auf, spielte in den beliebtesten Vorabendserien – bis das Militär am 1. Februar die Macht übernahm.
»Wenn ich jetzt vor die Tür gehe, stehe ich mitten in den Demos«, sagt er. »Häufig können wir nachts nicht schlafen, weil ständig geschossen wird. Soldaten ziehen durch die Straße und schreien: ›Kommt raus, ihr Nutten, heute Nacht bringen wir euch alle um.‹ Hier herrscht Anarchie, absoluter Terror.«
Seit dem Putsch befindet sich Myanmar im Aufruhr. Das Viertel, in dem Weber lebt, ist in Yangon zum Zentrum der Proteste gegen die neue Militärjunta geworden. Weber ist in Kontakt mit dem deutschen Botschafter, will aber in seiner Wohnung bleiben. Dort könne er zumindest anderen Fluchthilfe leisten, sagt er: »Wenn auf der Straße geschossen wird, flüchten alle in die umliegenden Häuser. Wir können die Demonstranten bei uns verstecken und dann über die Feuertreppe weiter auf die nächsten Häuser verteilen.« Zweimal habe das schon geklappt.
Seit fünf Jahren wohnt Weber in Yangon. Zwölf Jahre war er alt, als sein Vater ihn zum ersten Mal mitnahm in die Grenzregion von Thailand und Myanmar. Der Vater ist Gründer einer kleinen Hilfsorganisation, die sich für verfolgte Myanmaren im Gebiet der Shan einsetzt. Nach dem Abitur kam Weber zurück für ein Freiwilliges Soziales Jahr. Er unterrichtete Englisch – und lernte selbst fließend Burmesisch.
Zweimal hat der SPIEGEL ihn telefonisch in Yangon erreicht: Das erste Telefonat fand am 12. März statt, im Hintergrund waren die Parolen der Demonstranten zu hören. »Es sind alle auf der Straße, von der Oma bis zum Baby«, hatte Weber da gesagt. »Buddhisten, Moslems, Christen, Homosexuelle und traditionell Konservative, alle stehen Seite an Seite. Und vor Gummigeschossen weicht schon niemand mehr zurück.«
Eine Woche später, beim zweiten Telefonat, berichtet Weber, dass die Massendemonstrationen deutlich weniger geworden seien. »Ich will nicht sagen, dass die Menschen resigniert haben. Aber der Terror hier ist so unvorstellbar, dass jetzt flieht, wer kann.«
Der Anblick der Bilder und Videos, die Mikis Weber aus Yangon schickt, sind schwer zu ertragen. Menschen mit gespaltenen Köpfen sind dort zu sehen. Soldaten, die mit Maschinengewehren auf Rettungssanitäter einprügeln. Eine Straße, die mit mehr als hundert Hundeleichen gepflastert ist. »Die Tiere wurden vom Militär erschossen. Sie haben nachts gebellt und so die Anwohner gewarnt, wenn Soldaten in die Häuser eindringen wollten.«
Berichte über die Grausamkeit von Polizei und Militär, über Einschüchterung, Folter und Tötungen gibt es viele aus Myanmar. Die Taktiken sind nicht neu. Die für ihre Brutalität berüchtigte Armee im früheren Birma hat sie schon während ihrer fast 50 Jahre dauernden Diktatur regelmäßig erprobt. Das erklärte Ziel: Menschen abschrecken, Widerstand brechen.
»Dies sind nicht die Aktionen von überforderten, einzelnen Offizieren, die schlechte Entscheidungen treffen. Das sind skrupellose Kommandanten, die bereits in Verbrechen gegen die Menschlichkeit verwickelt sind und ihre Truppen und mörderischen Methoden in aller Öffentlichkeit einsetzen«, sagte Joanne Mariner, Leiterin der Krisenarbeit von Amnesty International.
Schätzungen der Gefangenenhilfsorganisation AAPP zufolge wurden seit dem Umsturz in Myanmar schon mehr als 200 Menschen getötet, rund 2000 wurden inhaftiert – und nur wenige wieder freigelassen. Auch ein polnischer Journalist, der für die Nachrichtenagentur dpa arbeitet, wurde von Soldaten misshandelt und inhaftiert. Obwohl sich sowohl die deutsche als auch die polnische Botschaft für ihn einsetzten, wird er noch immer festgehalten.
Immer wieder kommt es vor, dass Festgenommene Tage später als übel zugerichtete Leichen wieder auftauchen. Zaw Myat Lin, Mitglied der Partei Nationale Liga für Demokratie (NLD) der entmachteten Regierungschefin Aung San Suu Kyi, war am 8. März in Yangon festgenommen worden. Am 9. März war er tot. Bilder seiner Leiche zeigten Anzeichen von furchtbarer Folter. Das Militär erklärte, er habe die Tür seines Hauses für »Sicherheitskontrollen« nicht öffnen wollen und habe dann versucht zu fliehen.
In die Wohnung eines Freundes seien Soldaten gewaltsam eingedrungen, erzählt Weber: »Weil er nicht da war, haben sie seinen Vater, seine Mutter, seine Schwester und seinen Bruder verprügelt.«
Weber hat eine burmesische Freundin. Ihr Reisepass ist nur noch wenige Monate gültig, alle Ämter sind geschlossen. Allein zurücklassen möchte er sie auf keinen Fall. »Ich liebe das Land und habe hier so viele Freunde«, sagt er. »Ich möchte ihnen zeigen: Ich lasse euch nicht allein. Andererseits glaube ich, dass ich von Deutschland aus mehr bewirken könnte, indem ich zum Beispiel Videos und Infos verbreite. Das kann ich von hier aus nur sehr eingeschränkt. Ich bin sicher, dass ich schon auf dem Index des Militärs stehe.«
Aufruf zur Blutspende unter 300.000 Facebook-Freunden
Vor wenigen Tagen sei der Betelnussverkäufer seiner Straße festgenommen worden, »das ist der wichtigste Mann in jedem Viertel, er ist quasi die Straßenzeitung«. Auf seinem Handy seien Fotos der Demonstrationen gefunden worden, unter Druck habe er dann zwölf Namen von Protestierenden genannt. Auch der Name Mikis Weber soll gefallen sein.
Weber macht keinen Hehl daraus, dass er die Demonstranten und ihren Kampf um Demokratie unterstützt. Auf Facebook hat er mehr als 300.000 Kontakte, mit denen er bis vor wenigen Tagen Videos und Fotos von Gräueltaten des Militärs teilte. Für schwer verletzte Demonstranten organisierte er eine Blutspende über die Seite.
Auch er selbst demonstriert immer wieder auf der Straße und hat Geld gespendet für Schutzschilder und Blendgranaten, als Schutz vor den Scharfschützen. Als deutscher Staatsbürger werde er wohl nicht so einfach erschossen oder inhaftiert, hofft er. Und sollten doch Soldaten nach ihm suchen, würde er es über die Feuertreppe aufs Dach schaffen und von dort mit einem Sprung ins Nachbarhaus und weiter bis zur deutschen Botschaft.
»Meiner Freundin und mir geht es im Vergleich zu vielen anderen ja noch gut, wir haben wenigstens finanzielle Rücklagen«, sagt Weber. Offiziell ist er noch immer beim Goethe-Institut als Deutschlehrer angestellt. Mit Ausbruch der Coronakrise war der Unterricht ins Internet verlegt worden. Nun findet nichts mehr statt, »das ganze Land steht still«.
Immerhin habe er noch Bargeld. Vor den Bankautomaten bildeten sich nun überall lange Schlangen, viele Automaten spuckten schon kein Geld mehr aus. Lebensmittel gebe es aber noch zu kaufen. Mindestens einer der umliegenden Supermärkte habe üblicherweise geöffnet, berichtet er. »Ein Teehaus auf der anderen Straßenseite wurde von Polizisten mit vorgehaltenen Waffen ausgeraubt, im Nachbarviertel haben sie einen Supermarkt überfallen. Das muss man sich mal vorstellen. Wen soll man rufen, wenn die Polizei selbst der Aggressor ist? Das ist ein ganz mulmiges Gefühl.«
In seiner Straße gibt es ein Polizei-Wachhäuschen. Noch vor wenigen Wochen grüßten die Beamten freundlich, wenn er vorbeiging. Weber hat den Verdacht, dass die netten Streifenpolizisten längst ausgetauscht worden sind gegen Söldner des Militärs. »Sie tragen zwar Polizeiuniformen, haben aber Armeestiefel an. Die hatte früher kein Polizist.«
Auch Amnesty International weist darauf hin, dass in Myanmar zunehmend Waffen eingesetzt werden, »die für militärische Einsätze in kriegerischen Konflikten und nicht für die Polizei bestimmt sind«. Viele der dokumentierten Tötungen kämen außergerichtlichen Hinrichtungen gleich.
Nachts ist das ganze Land offline
Zunächst hatten viele Anwohner den Soldaten sogar noch Essen und Getränke angeboten, berichtet Weber: »Sie wollten zeigen: Ihr bringt uns um, aber wir haben trotzdem noch Liebe für euch über.« Einige hegten wohl auch die Hoffnung, die Soldaten zum Wechseln der Seiten überreden zu können. Er selbst halte das aber für unrealistisch: »Die sind gebrainwashed und auf Methamphetamin. Die haben Spaß am Töten.«
Mittlerweile habe das Militär reihenweise Hotels, Universitäten und sogar Krankenhäuser geplündert und besetzt. »Die Menschen hier werden enteignet, einfach so. Das Land blutet aus«, sagt Weber. »Das Wenige, was die Menschen hier haben, wird ihnen gerade weggenommen.«
Immerhin: Viele Vermieter verzichteten seit dem Coup auf die Miete, erzählt Weber. Und auch die Elektrizitätswerke unterstützten die Demonstranten indirekt, indem sie einfach keine Rechnungen mehr schickten: »Aber wer weiß, wie lange die das noch durchhalten. Für mehrere Stunden war der Strom im ganzen Land schon abgestellt.«
Auch das Internet ist immer wieder weg. Von ein Uhr nachts bis halb sieben Uhr morgens ist das ganze Land täglich offline. Seiten wie WhatsApp, Facebook oder Skype sind ohnehin nur noch per VPN-Verbindung erreichbar. Beim ersten Telefonat vor einer Woche hatte Weber immerhin noch mobiles Internet, das funktioniert nun nicht mehr. »Es gibt Gerüchte, dass sie uns das Internet bald ganz abstellen«, sagt Weber.
Was ihm wichtig ist: Die Proteste seien friedlich. »Wenn es Gewalt gibt, dann immer nur als Reaktion auf einen Angriff der Soldaten und Polizisten.« Das Gespräch mit ihm endet in tosendem Lärm. Es ist 20 Uhr Ortszeit – und wie jeden Tag um diese Zeit gibt es Krach: Die Menschen schlagen mit Töpfen und Deckeln so laut sie können. Weber hofft, dass ihr Hilferuf bis nach Deutschland reicht.
Icon: Der Spiegel

