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Jörn Leonhard im Interview: “Es gibt Parallelen zwischen dem Ukraine-Krieg und dem Ersten Weltkrieg”

June 07
13:05 2026

Politik

Jörn Leonhard im Interview"Es gibt Parallelen zwischen dem Ukraine-Krieg und dem Ersten Weltkrieg"

07.06.2026, 07:54 Uhr b58b01e6-b3b2-4108-ace9-39b8c6dbd390Interview: Hubertus VolmerArtikel anhören(13:13 min)00:00 / 13:13

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Parallelen und Unterschiede: Ukrainischer Soldat einer Drohnen-Einheit im Schützengraben in der Region Donezk. (Foto: picture alliance / Anadolu)

Am 11. Juni dauert der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine so lang wie der Erste Weltkrieg. "Ein langer Krieg entwickelt eigene Dynamiken", sagt der Freiburger Historiker Jörn Leonhard. "Lange Kriege sind besonders schwer zu beenden." Seine Befürchtung: "Solange Russland die Logik der imperialen Pfadabhängigkeit nicht verlässt, wird die grundsätzliche Bedrohung bestehen bleiben – unabhängig davon, ob der Herrscher Putin heißt oder anders."

ntv.de: Der Krieg in der Ukraine dauert bald länger als der Erste Weltkrieg. Ist das mehr als ein zeitlicher Zufall? Gibt es Parallelen zwischen diesen Kriegen?

Jörn Leonhard: Es gibt Parallelen, wobei man diese nicht mit Analogien verwechseln darf. Die erste Parallele: Es ist offenkundig ein langer Krieg. Das klingt banal, ist es aber nicht. Lange Kriege sind besonders schwer zu beenden.

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Prof. Dr. Jörn Leonhard lehrt Neuere und Neueste Geschichte Westeuropas an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. (Foto: Uni Freiburg)

Warum?

Ein langer Krieg entwickelt eigene Dynamiken – sei es durch eine Ausweitung auf andere Länder, oder durch neue Technologien, die während des Kriegs entwickelt werden. Im Ersten Weltkrieg sehen wir das mit dem Einsatz von U-Booten oder dem Giftgaseinsatz, in der letzten Kriegsphase auch mit dem Einsatz von Bomberflugzeugen und Panzern. In der Ukraine ist es der Drohnenkrieg, der Einsatz von Robotern. Solche Dynamiken gibt es bei kurzen Kriegen nicht.

Zu einem langen Krieg gehören auch ein ungeheurer Ressourcenverbrauch und extrem hohe Opferzahlen. Die wiederum machen Konzessionen schwieriger.

Warum machen hohe Opferzahlen eine Einigung zwischen Kriegsparteien schwieriger?

Weil jede Konzession wie ein Verzicht auf den Siegfrieden wirkt, der das hunderttausendfache Opfer rechtfertigen könnte. Mehr noch: In den Augen der Angehörigen, die Brüder, Ehemänner, Väter oder Söhne verloren haben, erscheint eine Konzession dann wie ein Verrat an den Opfern. Diese Konstellation erlebt man im Ersten Weltkrieg ab 1916, 1917.

So früh?

Die Dolchstoßlegende entstand nicht erst nach dem Ersten Weltkrieg, sondern schon vor dem Kriegsende. Kern dieser Legende war die Falschbehauptung, dass Deutschland kurz vor dem noch immer möglichen Sieg von einer Phalanx innerer Feinde besiegt wurde, die das tapfer kämpfende Heer in den Rücken gestochen und so die Niederlage verursacht habe. Vor einem ähnlichen Problem, die Opfer zu legitimieren, wenn am Ende Konzessionen stehen, könnten auch Selenskyj und Putin stehen.

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Auf den ersten Blick ist es tatsächlich erstaunlich, dass das Deutsche Reich den Ersten Weltkrieg verloren hat, denn bei Kriegsende hatte kein ausländischer Soldat die Grenzen überschritten.

Hauptgrund für die Niederlage war, dass die Deutschen ihre Verluste immer schlechter kompensieren konnten. In der Verteidigung hatten sich die Deutschen als extrem effizient erwiesen. Ab dem Frühjahr 1918 versuchte das Deutsche Reich, nach dem Frieden von Brest-Litowsk, dem faktischen Sieg über Russland und dem Ende des Zwei-Fronten-Problems, den Sieg im Westen zu erzwingen. Sie verlagerten 40 Divisionen in den Westen, begannen eine große Offensive und machten noch einmal enorme Geländegewinne. Aber dann fehlten die Ressourcen, um diese Gewinne zu halten. Als die Gegenoffensive der Alliierten begann, auch mit der Hilfe der USA, die 1917 in den Krieg eingetreten waren, wurde schnell deutlich, dass die Deutschen dem nichts mehr entgegenhalten konnten.

Auch das ist eine Lehre aus dem Ersten Weltkrieg: Sein Ende ist fast so blutig wie der Anfang. Der französische Premierminister Georges Clemenceau sagt am 8. März 1918 in einer Rede vor der französischen Nationalversammlung: "Der Sieger ist derjenige, der es schafft, eine Viertelstunde länger als der Gegner zu glauben, dass er nicht besiegt wurde." Ich würde nicht ausschließen, dass sich diese Konstellation auch noch einmal im russisch-ukrainischen Krieg zeigen wird, bevor es zu Konzessionen kommt: eine massive Steigerung der Gewalt, um dem Gegner zu demonstrieren, zu was man noch immer in der Lage ist.

1568 Tage Krieg

Der Erste Weltkrieg begann vier Wochen nach dem Attentat von Sarajewo am 28. Juni 1914 mit einer Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien am 28. Juli 1914. Am 11. November 1918 unterzeichneten Vertreter des Deutschen Reichs nahe der französischen Stadt Compiègne ein Waffenstillstandsabkommen. Nach 1269 Tagen war der Krieg zu Ende. Die russische Großinvasion in die Ukraine (im Unterschied zu Russlands räumlich begrenzten Überfällen auf die Ukraine seit 2014) begann am 24. Februar 2022. Am 11. Juni dauert dieser Krieg 1568 Tage.

Macht es mit Blick auf Opferzahlen und Konzessionsbereitschaft einen Unterschied, ob ein Land angegriffen wurde oder der Angreifer ist?

Nicht zufällig stellen sich alle Regime im Ersten Weltkrieg als die Angegriffenen dar. Deutschland sieht sich von Feinden eingekreist, in Frankreich verweist die Regierung darauf, dass der Feind im eigenen Land steht, ebenso in Belgien, Russland und vielen anderen beteiligten Ländern. Der im Krieg Angegriffene kann die Opfer heroisch begründen: Die Toten haben ihre Heimat verteidigt. Diese Deutung spielt etwa im Umgang mit der Schlacht von Verdun bis heute eine sehr große Rolle in Frankreich.

Dagegen taucht in vielen Feldpostbriefen deutscher Soldaten vor Verdun die Frage auf, was der Sinn der deutschen Angriffe sei, das Bild der "Blutmühle" entsteht. Auch diese Begründungsnotstände sind typisch für lange Kriege mit hohen Verlusten. Es erklärt, warum Angreifer ihre Kriege als Verteidigungskriege zu rechtfertigen suchen. Auch Putin argumentiert, Russland verteidige sich nur gegen die westliche Expansion.

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Gibt es Parallelen in den Kriegszielen? Kann man sagen, dass der Erste Weltkrieg für das Deutsche Reich ein imperialistischer Krieg war?

Die allerwenigsten Mächte, die 1914 in den Krieg eintreten, haben zu diesem Zeitpunkt wirklich konkrete Kriegsziele formuliert – mit der Ausnahme Österreich-Ungarns, das eine Kompensation für das 9/11 der Habsburger-Monarchie, das Attentat von Sarajevo, anstrebte. Erst ab Herbst 1914, also nachdem der Krieg längst ausgebrochen ist, konkretisieren Franzosen, Deutsche, Russen und Briten ihre Kriegsziele. Deutsche Politiker, Militärs und Unternehmer fordern etwa, dass es künftig kein unabhängiges Belgien mehr geben solle, drängen auf ein vergrößertes Kolonialreich und streben in Mittel- und Osteuropa eine Hegemonialstellung auf Kosten Russlands an. Aber das sind nicht die ursächlichen Motive, die zum August 1914 führen. Imperialität als wahrgenommene Konkurrenz und Vergleichsdruck ist ein allgemeiner Kontext vor 1914. Putins Angriffskrieg spricht dagegen für eine sehr konkrete imperiale Pfadabhängigkeit.

Was meinen Sie mit imperialer Pfadabhängigkeit?

Es meint in diesem Zusammenhang, dass imperiale Entscheidungen als ein historisches Muster der russischen und sowjetischen Geschichte gegenwärtige Handlungsoptionen reduzieren und in Richtung einer geschichtlichen Kontinuität zwingen. So werden einmal eingeschlagene Wege selbst dann fortgesetzt, wenn sie mit extremen Kosten verbunden sind.

Eine häufige Metapher mit Blick auf den Ersten Weltkrieg ist die von den "Schlafwandlern", die in den Krieg gestolpert seien. Sie teilen diese Vorstellung nicht, oder?

Mit Christopher Clark, auf dessen Buch Sie sich beziehen, habe ich darüber immer wieder diskutiert. Er dachte ursprünglich über den alternativen Titel "The Gamblers" nach, also "Die Zocker". Das Problem der sehr suggestiven Metapher der "Schlafwandler" liegt darin, dass man schlafwandelnde Personen nicht für ihre Entscheidungen verantwortlich machen kann, sie sind gleichsam vermindert schuldfähig. Aus meiner Sicht handelte es sich 1914 eher um eine Fehlkalkulation, bei der alle Beteiligten damit rechneten, es werde ein kurzer und blutiger Krieg, in dem man die Risiken richtig einschätzen könne. Aber jeder einmal ausgebrochene Krieg entwickelt eine Dynamik, die nicht zu planen oder zu prognostizieren ist. Auch 1914 ging das fundamental schief.

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Ihr Buch über den Ersten Weltkrieg heißt "Die Büchse der Pandora", weil die Gewalt dieses Kriegs nicht 1918 endete, sondern weiterging. Warum gelang es nicht, den Krieg wirklich zu beenden?

Nach langen Kriegen mit vielen Opfern besteht die Gefahr, dass ein Waffenstillstand sich nur als eine Atempause erweist, weil die Unterlegenen auf eine Revision der Ergebnisse setzen. Die andere Gefahr liegt in einem zu ehrgeizigen Frieden. Dem totalisierten Weltkrieg folgte nach 1918 ein überforderter Frieden. Er sollte den vorangegangenen Krieg zu einem "war to end all wars" machen. Dem entsprach der Völkerbund als System kollektiver Sicherheit im Namen des neuen Prinzips der Selbstbestimmung und nationaler Souveränität – so die weitgespannten Erwartungen. Stattdessen belasteten die nicht erreichten Ziele und der Ausschluss der Besiegten die 1920er und 1930er Jahre. Interessanterweise kennzeichnete die Unzufriedenheit nicht allein die Verlierer, sondern auch die Siegermächte. In Italien entstand der Mythos der "vittoria mutilata", des verstümmelten Sieges, den Mussolini benutzte, um die liberale Nachkriegsregierung zu delegitimieren.

Rechnen Sie für das Ende des russisch-ukrainischen Kriegs mit einem überforderten Frieden?

Sehr viel spricht dafür, dass wir nicht mehr in einem Zeitalter sind, in dem die Trennung zwischen Krieg und Frieden so eindeutig ist, wie sie sich im 19. und 20. Jahrhundert entwickelte. Das ist der größte Unterschied zu den großen klassischen Friedensverträgen wie 1648 nach dem Dreißigjährigen Krieg beim Westfälischen Frieden, nach den Napoleonischen Kriegen auf dem Wiener Kongress 1815 und vom Anspruch her auch 1919 auf der Pariser Friedenskonferenz. Diese Art von Friedensschlüssen wird nach dem Zweiten Weltkrieg immer seltener. An ihre Stelle treten fragile Waffenstillstände wie nach dem Korea- und dem Vietnamkrieg. Das sehen wir aktuell auch im Nahen Osten: Es gibt eine Waffenruhe, aber gleichzeitig immer wieder aufflammende Gefechte. Auch zwischen der Ukraine und Russland könnte es irgendwann eine Waffenruhe geben, vielleicht sogar einen Waffenstillstand. Aber selbst das ist unsicher.

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Warum sollte es keinen Waffenstillstandsvertrag geben?

Ein solcher förmlicher Vertrag hätte eine völkerrechtliche Bindung und müsste international abgesichert werden, um wirkungsvoll zu sein. Meine Prognose geht eher in Richtung einer brüchigen Waffenruhe, die dann unterhalb der Schwelle offener Kriegshandlungen immer wieder unterlaufen wird: durch den Einsatz von Milizen, durch Entführungen, Terrorakte, hybride Kriegsführung, Angriffe auf kritische Infrastrukturen und dergleichen. Dazu passt, dass in den russischen Kommandostäben die Unterscheidung zwischen Krieg und Frieden eine immer geringere Rolle spielt. Dort sieht man sich in einem Krieg, der je nachdem asymmetrisch eskaliert wird – zum Beispiel durch den Einschlag einer Drohne in ein Wohnhaus auf Nato-Territorium, einen Cyberangriff auf einen Flughafen oder ein Kraftwerk, oder ein Attentat.

Diese Art von Kriegsende wäre im Sinne Russlands, weil die Ukraine dann größte Schwierigkeiten hätte, sich politisch oder wirtschaftlich zu entwickeln.

Die Antwort auf eine solche Konstellation müsste der Ukraine eine belastbare Sicherheitszusage anbieten, ob von der Nato oder von Europa, damit sie zu einem "Israel Ostmitteleuropas" werden kann: einem hochgerüsteten Stachelschwein, bei dem der Preis für einen neuen Angriff Russlands so hoch ist, dass es davon abgeschreckt wird. Doch solange Russland die Logik der imperialen Pfadabhängigkeit nicht verlässt, wird diese grundsätzliche Bedrohung bestehen bleiben – unabhängig davon, ob der Herrscher Putin heißt oder anders.

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Glauben Sie nicht, dass die Ukraine und Russland ihre Feindschaft irgendwann überwinden können? Deutschland und Frankreich ist das nach dem Zweiten Weltkrieg gelungen.

Wir vergessen häufig, dass ein Jahr vor dem Élysée-Vertrag das Abkommen von Évian geschlossen wurde, das den Algerienkrieg beendete. Erst dieses schmerzvolle Ende der Kolonialkriege in Indochina und Nordafrika und das Auslaufen des Kolonialismus öffneten Frankreich für die europäische Option. Ohne diesen Abschied von einer imperialen Politik wäre die kontinentaleuropäische Integration als Kontext der Versöhnung noch schwerer gewesen.

Wenn man das auf Russland überträgt…

… dann würde eine langfristige Aussöhnung mit der Ukraine voraussetzen, dass Russland aus seiner imperialen Tradition heraustritt. Das wäre ein schmerzlicher Prozess, der sicher mit einem Krieg beendet ist.

Mit Jörn Leonhard sprach Hubertus Volmer

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