Nachrichten in der Welt


Nachrichten der Welt

Joachim Löw hört als Bundestrainer auf: Es ist Zeit – Kommentar

March 09
16:47 2021
Bundestrainer Joachim Löw Icon: vergrößern

Bundestrainer Joachim Löw

Foto: Pius Koller / imago images

Nun hat Joachim Löw es doch noch einmal geschafft, die Öffentlichkeit zu überraschen. Man hätte ihm das gar nicht mehr zugetraut, jenem passiv wirkenden Joachim Löw, der da im November an der Seitenlinie ohnmächtig und fast regungslos verharrte und diese desaströse 0:6-Niederlage von Sevilla hinnahm. Löw, dem man zudem seit Langem unterstellt hatte, er klebe an seinem Job und habe die Zeichen der Zeit verpasst. Und den Zeitpunkt eines Rücktritts erst recht.

Jetzt hat der Bundestrainer, der ab sofort ein Nochbundestrainer ist, wieder die Initiative auf seiner Seite, so wie er es am liebsten hatte über all die Jahre.

Löw, der sein eigenes Ding fährt, Löw, der sich nicht hereinreden lassen will, Löw, der nur das tut, was er für richtig hält. Mit dieser Art ist er 2014 Weltmeister geworden, mit dieser Art hat er sich allerdings auch das Vorrunden-Aus bei der WM 2018 in Russland eingebrockt.

Der Bundestrainer war nach dem WM-Triumph von Rio de Janeiro zunehmend als entrückt wahrgenommen worden, das hatte man ihm dann noch verziehen, solange der sportliche Erfolg es einigermaßen überdeckte. Nach Russland konnte sich Joachim Löw diese Haltung nicht mehr erlauben. Er erlaubte sie sich dennoch.

Dann kam der Abend von Sevilla, und alle Rechnungen wurden beglichen, aller gestauter Unmut wurde freigesetzt. Das war viel mehr als eine Niederlage, das war sozusagen der Moment der Wahrheit.

Was in den Tagen nach dem 0:6 über Löw und den DFB hereinbrach, an Verdruss, an Ressentiment, an Häme, musste jedem, der in dem Verband Verantwortung trug, klarmachen, dass es so nicht mehr weitergeht. Es spricht für Löw, dass er dies jetzt mit dem für ihn so typischen zeitlichen Aufschub auch eingesehen hat.

Sein Meisterstück bleibt die WM 2010

Joachim Löws Verdienste um den DFB sind unbestritten, er bleibt der Weltmeistertrainer, auch wenn sie mittlerweile ewig her scheinen, diese sonnigen Tage von Campo Bahia. Viel wichtiger aber ist seine Pionierarbeit aus den ersten DFB-Jahren. 2014 war die Krönung, aber was er vier Jahre zuvor in Südafrika spielen ließ, diese Mannschaft, die Aufbruch verströmte, die jungen Kerle Mesut Özil, Thomas Müller, Sami Khedira, Manuel Neuer, Jérôme Boateng, diese Elf, die dem DFB das Odium des Miefs wegspielte, das war Joachim Löws Meisterstück. Es war sein Verdienst. Es war Löws Elf. Vier Jahre später wurde nur vollendet, was damals aufgebaut worden war.

17 Jahre ist Löw nun beim DFB, davon 15 Jahre als verantwortlicher Bundestrainer, das ist eine lange Zeit, und in Löws Fall muss man sagen, war es jetzt auch lang genug.

Die Entscheidung vom Dienstag ist daher für beide Seiten weise: Löw kann jetzt mehr oder weniger ohne Druck das EM-Turnier, falls es denn stattfindet, angehen. Er hat das Heft des Handelns in der Hand und nichts mehr zu verlieren. An seiner Motivation, sich mit einem guten Abschneiden bei der EM zu verabschieden, dürfte jetzt auch kein Zweifel mehr herrschen. Löw kann noch mal zeigen, was er kann.

Die Frage, ob Thomas Müller jetzt noch zum EM-Kader gehört oder nicht, die bis zuletzt noch wie eine Schicksalsdebatte über Wohl und Wehe des deutschen Fußballs verhandelt wurde, ist plötzlich nur noch ein Randthema: Jede Entscheidung, die der Bundestrainer jetzt trifft, gilt nur noch für das kommende Turnier und hat damit an Nachhaltigkeit und Schwere eingebüßt. Danach hat der Nachfolger freie Hand für ganz neue Personalentscheidungen. Sie werden von einem Nachfolger sogar erwartet.

Der DFB hat jetzt genug Zeit, sich diesen Nachfolger auszuwählen. Entsprechende Vorstellungen wird es im Verband seit Sevilla ohnehin schon gegeben haben, möglicherweise auch bereits Vorgespräche. Für DFB-Präsident Fritz Keller, seit Monaten unter Druck, ist der heutige Tag auch eine Gelegenheit, mit einer klugen Personalie Boden gutzumachen.

Ab Sommer beginnt für den Deutschen Fußball-Bund eine neue Zeit. Es wurde Zeit.

Icon: Der Spiegel

Neueste Beiträge

15:15 RTL/ntv-Trendbarometer: Linke jetzt gleichauf mit SPD, AfD-Vorsprung auf Union schmilzt

0 comment Read Full Article