Israel-Hamas-News: Israel will Anzeichen für verschleppte Geiseln in Kinderklinik gefunden haben
Im Zentrum des Kriegs im Gazastreifen stehen aktuell die Krankenhäuser, speziell die größte Klinik, das Schifa-Krankenhaus. Hilfsorganisationen beschreiben dramatische Zustände, die medizinische Versorgung droht unter der Belagerung durch Israel zusammenzubrechen. Die israelische Armee beschuldigt ihrerseits die Terrororganisation Hamas, Patienten und Schutzsuchende als »menschliche Schutzschilde« zu missbrauchen und in oder unter den Gebäuden Kämpfer, Ausrüstung und Kommandozentralen zu verstecken.
In einer Pressekonferenz am Abend teilte Armeesprecher Daniel Hagari mit, man habe in der Rantisi-Kinderklinik Beweise für diese Annahmen gefunden. Er selbst sei soeben aus dem Krankenhaus zurückgekehrt, wo Soldaten im Keller »Selbstmordwesten, Granaten, Sturmgewehre, Sprengsätze, Panzerfäuste und andere Waffen sowie Computer, Geld und so weiter« gefunden hätten. Videoaufnahmen, die dies belegen sollen, präsentierte er auf einem Bildschirm im Hintergrund. »Wir haben auch Anzeichen gefunden, die darauf hindeuten, dass die Hamas hier Geiseln gehalten hat«, fügte Hagari hinzu. Diese würden derzeit noch überprüft.
Die Situation im Nahostkrieg bleibt unübersichtlich, Angaben wie diese und andere lassen sich zumeist nicht sofort unabhängig überprüfen.
Heftige Gefechte nahe Schifa-Klinik
Mit dem Schifa-Krankenhaus im Norden des abgeriegelten Küstenstreifens ist nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO das größte Krankenhaus im Gazastreifen nicht mehr funktionsfähig. Es fehlt offenbar an Strom, Medizin, Nahrung, Wasser. In der Nacht auf Montag sei das letzte Sauerstoffgerät abgeschaltet worden, sagte der Direktor der Klinik, Mohammad Abu Salamia. Dutzende Patienten sollen dem von der Hamas kontrollierten Gesundheitsministerium zufolge bereits gestorben sein, darunter Neugeborene.
Bereits die Hälfte der insgesamt 35 Kliniken im Gazastreifen hatte nach Angaben des von der Hamas kontrollierten Gesundheitsministeriums zuvor schließen müssen, darunter auch das zweitgrößte Krankenhaus, die Al-Quds-Klinik. (Lesen Sie hier mehr dazu: Warum der Kampf um die Krankenhäuser so gefährlich ist )
In der Schifa-Klinik wiederum befinden sich laut WHO vermutlich mehr als 600 Kranke und Verwundete und rund 1500 Binnenflüchtlinge. Das Krankenhaus verfügt über rund 700 Betten. Palästinensischen Berichten zufolge hatten zuvor rund 50.000 Menschen im Bereich des Krankenhauses Zuflucht gesucht. Vor dem Gebäude waren Dutzende provisorische Zelte errichtet worden, wie auf Fotos und Videos zu sehen war. In der nahen Umgebung des Gebäudes wird Augenzeugen zufolge heftig gekämpft. Israelische Panzer stehen demnach nur wenige Meter von der Zufahrt entfernt. Ein Großteil der Vertriebenen sei mittlerweile weiter in den Süden geflüchtet, berichtete ein Angestellter der Klinik.
Die israelische Armee hat die Klinik umzingelt, sie wirft der Terrororganisation Hamas vor, unter dem Krankenhaus ihre Kommandozentrale eingerichtet zu haben. Demnach soll die Schifa-Klinik an das kilometerlange unterirdische Tunnelnetz der Hamas angebunden sein. Mehrere Eingänge sollen sich auch innerhalb der Klinik befinden. Ein früherer Mitarbeiter des israelischen Geheimdienstes sagte der »New York Times«, dass sich in den Räumen unter der Klinik Hunderte Menschen verstecken könnten. Demnach gehe Israel davon aus, dass auf mehreren Etagen unter der Erde Besprechungsräume, Wohnräume sowie Lagerräume gebaut wurden. Die Hamas sowie Personal des Krankenhauses dementieren dies.
Zu israelischen Medienberichten, wonach sich auch ein Teil der verschleppten Geiseln dort befinden könnte, äußerte sich die israelische Regierung bisher nicht.
Ob es zu einem Militäreinsatz in der Klinik kommt, bleibt abzuwarten. Armeesprecher Richard Hecht sagte dazu, eine Entscheidung über das »wie und wann« sei noch nicht getroffen. Die Truppen müssten auch erst einmal »reingehen und sehen, was da ist«. Das »ultimative Ziel« sei, dass die Hamas kapituliere. US-Präsident Joe Biden forderte derweil, die Schifa-Klinik müsse geschützt werden: »Ich hoffe und erwarte, dass es weniger aggressive Maßnahmen geben wird.«
Offenbar 21 Tote bei Angriff an Al-Quds-Krankenhaus
Auch am zweitgrößten Krankenhaus im Gazastreifen kam es am Montag zu Kämpfen. Dabei sind nach israelischen Armeeangaben etwa 21 »Terroristen« getötet worden. Israelische Soldaten seien mit zwei Panzerfäusten und kleineren Waffen aus dem Eingangsbereich des Al-Quds-Krankenhauses in Gaza-Stadt beschossen worden. Die Angreifer hätten sich unter eine Gruppe von Zivilisten gemischt, hieß es. Die Soldaten hätten zurückgeschossen und seien auch durch die Luftwaffe unterstützt worden. Weitere Kämpfer seien aus angrenzenden Gebäuden gekommen, hätten sich ebenfalls unter Zivilisten gemischt und die Soldaten beschossen. Die Angreifer mit den Panzerfäusten hätten sich nach dem Beschuss wieder in dem Krankenhaus versteckt.
Der Treibstoffmangel könnte den Vereinten Nationen zufolge in den kommenden Tagen auch die Lieferung von humanitärer Hilfe stören. »Die Lastwagen, die ab morgen ankommen, können wir einfach nicht entladen, weil uns der Treibstoff für den Gabelstapler fehlt«, sagte der örtliche Leiter des Uno-Nothilfebüros Ocha, Andrea De Domenico. Außerdem gebe es nicht genug Sprit für die Transporter, die die Hilfen – darunter Nahrung, Wasser und Medikamente – weiterverteilen.
Deutsche konnten Gazastreifen verlassen
Derweil konnten dem Auswärtigen Amt in Berlin zufolge bereits mehr als 290 deutsche Staatsangehörige und Familienmitglieder den Gazastreifen über den Grenzübergang Rafah nach Ägypten überquert. Auf der Krisenvorsorgeliste der Bundesregierung sei noch eine »sehr niedrig dreistellige Zahl« in Gaza registriert.
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