Fall Alexej Nawalny: Der Geheimdienst entscheidet, was in Russland erlaubt ist
Icon: vergrößernOppositionspolitiker Nawalny im Moskauer Stadtgericht: Ein Herz für Ehefrau Julija
Foto: Moscow City Court press service / AFP
Der Morgen danach beginnt mit bitteren Scherzen im Frühstücksradio. »Hallo Minskau«, ruft der Moderator des liberalen Senders Echo Moskau. Seine Kollegin sagt: »Es sendet: Echo Minsk«.
Es ist Mittwoch, der Tag nach dem Gerichtsurteil gegen den Oppositionspolitiker Alexej Nawalny, und manche Moskauer haben den Eindruck, sie seien an diesem Morgen nicht in der Hauptstadt Russlands aufgewacht, sondern in der Hauptstadt des Nachbarlands Belarus, in der düsteren Diktatur von Alexander Lukaschenko.
Mehr als tausend Festnahmen hat es am Vortag und in der Nacht gegeben, als junge Menschen gegen die Haftstrafe für Nawalny protestiert hatten. Die Bilder aus jenen Stunden haben sich tief eingegraben: Wie ein Heer von Polizisten in schwerer Ausrüstung wenige friedliche Demonstranten durch die Gassen jagt; wie die Sicherheitskräfte auf jene einprügeln, die bereits die Hände hochhalten; wie sie Passanten festnehmen, einen Journalisten niederknüppeln, einen Mann aus dem Taxi zerren.
Moskaus Innenstadt wirkt für eine Nacht wie die Kulisse eines dystopischen Science-Fiction-Films. Es ist nicht nur die Gewalt, es ist das schiere Missverhältnis der Kräfte, das schockiert. Dieser Schock ist beabsichtigt. Widerstand ist zwecklos, so scheint Wladimir Putins Regime an diesem Dienstag seinen Gegnern zu sagen. Es hat nach zwei Wochenenden landesweiter Proteste die Schrauben in dieser Woche noch einmal deutlich angezogen. Aber man wird den Eindruck nicht los, dass dabei etwas kaputtgegangen ist in diesem System. Was ist es genau?

