Ema-Entscheidung zu AstraZeneca: Jens Spahn verteidigt zeitweise Aussetzung der Impfungen
Icon: vergrößernGesundheitsminister Jens Spahn
Foto: FILIP SINGER / EPA
Die Entscheidung der Europäischen Arzneimittelbehörde (Ema), Impfungen mit der Corona-Vakzine des Herstellers AstraZeneca weiter ausdrücklich zu empfehlen, wird von zahlreichen Politikerinnen und Politikern positiv aufgenommen. Am Abend gab auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) bei einer Pressekonferenz grünes Licht für die erneute Verwendung des Wirkstoffes in Deutschland.
Es gelte nun die vier durch den Impfstopp verlorenen Tage aufzuholen, sagte Spahn. Zugleich verteidigte der Minister das zeitweise Aussetzen. »Uns bestätigt die Analyse der Ema in unserem Vorgehen«, sagte Spahn bei einer Pressekonferenz. »Es war richtig, die Impfungen mit AstraZeneca vorsorglich auszusetzen, bis die auffällige Häufung der Fälle dieser sehr seltenen Thombosenart analysiert worden ist.«
Der Impfstoff sei »sicher und wirksam«, hatte Ema-Chefin Emer Cooke am Nachmittag bei einer Pressekonferenz betont. Obwohl die Ema »nicht endgültig ausschließen« könne, dass es einen Zusammenhang zwischen Impfungen mit der AstraZeneca-Vakzine und dem Auftreten seltener und gefährlicher Gerinnsel im Gehirn gebe, empfehle man das Mittel ausdrücklich. Der Nutzen des Impfstoffs beim Schutz vor einer Covid-19-Erkrankung überwiege »mögliche Risiken«.
Ramelow und Dreyer wollen Impfkampagne rasch fortsetzen
Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) begrüßte die Entscheidung der Ema. Seiner Ansicht nach müsse »jetzt wieder Vertrauen aufgebaut werden«, sagte er der »Thüringer Allgemeinen«. Er erwarte, »dass wir jetzt wieder zügig in Deutschland mit dem Impfen von AstraZeneca beginnen«, sagte der Ministerpräsident.
Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) zeigte sich bereit für eine Fortsetzung der Impfkampagne mit AstraZeneca. »Die Europäische Arzneimittelbehörde gilt als eine sehr strenge Kontrollbehörde. Sie hat die Verdachtsfälle geprüft«, sagt sie den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Mit der Freigabe durch den Bund werde die Impfkampagne in Rheinland-Pfalz »wieder volle Fahrt aufnehmen«.
Auch Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) will das Impfen mit der Vakzine schnellstmöglich wieder starten. Die Ema-Entscheidung zeige, dass der Impfstoff wirksam und sicher sei. Die anhaltende Knappheit an Vakzinen zeige zudem, dass man über das AstraZeneca-Präparat froh sein müsse.
Mehrere EU-Staaten nehmen Impfungen am Freitag wieder auf
Zahlreiche EU-Staaten, darunter Frankreich, Italien, Zypern, Lettland, Litauen und Bulgarien hatten bereits vor Deutschland angekündigt, die Impfungen mit AstraZeneca am Freitag wieder aufnehmen zu wollen. Das Gutachten der Ema bestätige, dass der Impfstoff nicht nur hochwirksam, sondern auch sicher sei, sagte etwa Frankreichs Premierminister Jean Castex.
In Spanien sollen die AstraZeneca-Impfungen laut einem Medienbericht erst in der kommenden Woche wieder anlaufen, Irland entscheidet am Freitag über den weiteren Umgang mit der Vakzine.
Vor Spahns offizieller Freigabe waren einige Kommunen bereits vorgeprescht. Die Stadt Düsseldorf werde am Freitag wieder mit Impfungen mit dem Wirkstoff von AstraZeneca beginnen – auch wenn es bis dahin noch keinen offiziellen Erlass des Bundesgesundheitsministeriums geben sollte, hatte Oberbürgermeister Stephan Keller (CDU) laut der Nachrichtenagentur dpa in einer Sitzung des Stadtrats angekündigt. Auch der Kreis Viersen äußerte sich entsprechend.
Die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, Sabine Dittmar, zeigte sich derweil erleichtert über das Fazit der Ema. Für die Zukunft sei klar, dass »eine gute und umfassende Aufklärung der Impfwilligen über mögliche Risiken und Ausschlusskriterien erfolgen muss«, sagte Dittmar. »Es ist jetzt wichtig, dass wir den Impfturbo einlegen«, sagte die SPD-Politikerin. Sie forderte, die ambulanten Arztpraxen »umgehend« in die Impfstrategie einzubeziehen.
Andreas Glück, gesundheitspolitischer Sprecher der FDP im EU-Parlament, sieht sich indes durch die Ema-Entscheidung in seiner Haltung bestätigt. Er habe die Aussetzung der Impfungen mit AstraZeneca in einigen EU-Staaten ohnehin »nicht wirklich nachvollziehen« können. Er halte unter anderem die Risiken all der Verunsicherung, die mit dem zeitweisen Stopp ausgelöst wurde, »für weit größer als die Risiken durch die Impfung selbst oder die Risiken einer Infektion«, sagte Glück.
Mediziner fürchten Imageschaden für AstraZeneca-Vakzine
Bei der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) ist man angesichts des möglichen Imageschadens für das Präparat besorgt. »Das Vertrauen in den Impfstoff hat jetzt leider stark gelitten. Es wäre daher sicher eine gute Möglichkeit, AstraZeneca für Freiwillige zur Verfügung zu stellen, die keine Angst haben und in der Impfreihenfolge aber noch gar nicht berücksichtigt werden«, sagte Divi-Präsident Gernot Marx.
Immer mehr Bundesländer sprechen sich derweil für den Einsatz der russischen Vakzine Sputnik V aus. »Wir brauchen jeden Impfstoff, den wir kriegen können«, sagte der Berliner Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) nach einer Konferenz der Länderchefinnen und -chefs. Der Stoff müsse nun in Europa aber erst mal zugelassen werden. »Wenn wir die Chance haben, auf Sputnik zurückgreifen zu können, dann werden wir sie auch ergreifen.«
»Nach allen wissenschaftlichen Gutachten in Europa ist das ein sehr guter Impfstoff, zum Teil sogar ein besserer als bereits zugelassene«, sagte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) über den russischen Impfstoff. Söder und Müller unterstützen damit die Linie ostdeutscher Ministerpräsidenten. »Wenn es um die Gesundheit der Menschen geht, sollte die Herkunft keine Rolle spielen«, hatte etwa Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) den Zeitungen der Funke Mediengruppe gesagt.
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