Corona: Warum Herdenimmunität vielleicht unmöglich ist – und Impfen trotzdem hilft
Bild vergrößernZuschauer zwischen Pappkameraden in der Max-Schmeling-Halle in Berlin während eines Volleyballspiels
Foto: ANNEGRET HILSE / REUTERS
Die weltweit fortschreitenden Impfkampagnen wecken die Hoffnung auf ein baldiges Ende der Coronapandemie. Doch statt der viel beschworenen Herdenimmunität sprechen einige Wissenschaftler nun lieber von »neuer Normalität«. Eine Abwertung der Impfungen ist das jedoch nicht, denn sie haben nach wie vor das Potenzial, der Pandemie den Schrecken zu nehmen.
Nach Hochrechnungen kommt die Pandemie von selbst zum Stillstand, wenn ausreichend Menschen immun sind, entweder weil sie geimpft sind oder weil sie sich infiziert haben. Wann eine Herdenimmunität erreicht sein könnte, hängt davon ab, wie schnell sich ein Erreger ausbreitet. Epidemiologen bemessen das mit dem Reproduktionsfaktor, dem berühmten R-Wert, der selbst Laien inzwischen geläufig ist. Dieser hängt jedoch von vielen Faktoren ab, beispielsweise ob sich ansteckendere Varianten verbreiten oder ob sich Menschen an Hygieneregeln halten.
Anfangs gingen Experten davon aus, im Fall des neuen Coronavirus Sars-CoV-2 könnte Herdenimmunität erreicht werden, wenn 60 Prozent der Menschen im Land geimpft sind. Andere Schätzungen gehen inzwischen eher von 80 Prozent aus.
Freibier bei Impfung
Erste Wissenschaftler weichen bereits komplett von der Hoffnung auf Herdenimmunität ab. Der Datenexperte Youyang Gu benannte sein bekanntes Model »Der Weg zur Herdenimmunität« jüngst in »Weg zur Normalität« um, berichtet »Nature«. Laut dem Fachblatt gibt es fünf Gründe für die Zweifel an der Herdenimmunität:
-
Impfstoffe sind nicht gleichmäßig verteilt. Während in Israel schon die Hälfte der Menschen voll immunisiert ist, sind es in den umliegenden Ländern Libanon, Syrien oder Ägypten weniger als ein Prozent. Auch innerhalb einzelner Länder wie den USA ist die Impfquote sehr unterschiedlich. Laut »Nature« sind in den US-Staaten Utah und Georgia weniger als zehn Prozent geimpft, in Alaska und Mexiko schon mehr als 16 Prozent. Hinzu kommt, dass es bisher keinen Impfstoff für Kinder und Jugendliche gibt. Der Anteil der geimpften Erwachsenen müsste dementsprechend höher liegen. Doch in Israel sinkt die Impfbereitschaft bei einigen offenbar. Israelische Behörden würden deshalb bereits mit Freibier und Pizza für die Impfung werben, berichtet Datenanalyst Dvir Aran vom technologischen Institut in Haifa.
-
Neue Varianten könnten Herdenimmunität gefährden. Im brasilianischen Manaus hatten sich laut Schätzungen bereits mehr als 60 Prozent der Menschen infiziert. Tatsächlich war die Zahl der Infektionen zunächst zurückgegangen, doch dann kam das Virus zurück, nachdem sich die Virusvariante P1 ausgebreitet hatte. Wenn diese das Immunsystem trotz überstandener Infektion überwinden kann, fürchten Experten, könnte sie auch dem Impfschutz entkommen.
-
Die Immunität hält womöglich nicht lange genug an. Laut ersten Untersuchungen sind einmal Infizierte oft mindestens für Monate gegen Covid-19 gefeit, auch wenn Ältere häufiger von erneuten Ansteckungen betroffen sind. Wie lange der Schutz anhält, lässt sich jedoch nicht sicher sagen, weil das Virus erst seit Ende 2019 im Umlauf ist. Dasselbe gilt für die Wirkung von Impfungen. Womöglich hält der Schutz nicht lange genug an, damit gleichzeitig 60, 70 oder gar 80 Prozent der Menschen immun sind.
-
Noch immer ist nicht klar, ob die Impfungen auch Ansteckungen verhindern. Erste Analysen sprechen zwar dafür, doch Gewissheit gibt es darüber bisher noch nicht.
-
Mit Fortschreiten der Impfung könnten sich Menschen zu sicher fühlen und sich nicht mehr an andere Regeln halten.
Studie: Impfungen allein können Pandemie in absehbarer Zeit nicht stoppen
Laut einer vor Kurzem im Fachblatt »The Lancet Infectious Diseases« veröffentlichten Studie droht in Großbritannien eine dritte Welle, wenn Maßnahmen zu schnell gelockert werden. Impfungen allein könnten den R-Wert nach den Modellrechnungen nicht unter 1 drücken. Würden sofort alle Maßnahmen abgeschafft, schnellt der Wert demnach auf 1,58. 100 Infizierte würden dann im Schnitt 158 weitere Menschen anstecken, das Virus sich unweigerlich ausbreiten. Bis Januar 2024 könnte es dadurch 130.000 Covid-Tote geben.
Die Wissenschaftler räumen zwar ein, die Impfstoffe könnten womöglich besser vor Todesfällen und schweren Erkrankungen schützen als in den Modellrechnungen eingepreist. Trotzdem empfehlen sie, Coronamaßnahmen nur langsam zu lockern. Insbesondere für Masken, Kontaktnachverfolgung und Tests seien die Impfungen kein Ersatz.
»Dann züchten wir uns hier in Deutschland diese Escape-Varianten«
Auch die Physikerin und Modelliererin Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation warnt vor neuen Mutationen. »Im schlimmsten Fall entwickelt sich eine Variante, die uns zwingt, mit dem Impfen bei null wieder anzufangen«, sagte Priesemann am Mittwochabend in der ARD-Talkshow »Maischberger«.
Sogenannte Escape-Varianten entwickelten sich dort, wo viele Menschen schon geimpft seien, erklärte Priesemann. Wenn viele geimpft seien und es gleichzeitig eine hohe Inzidenz gebe, »dann züchten wir uns hier in Deutschland diese Escape-Varianten«, sagte Priesemann mit Blick auf den bevorstehenden Sommer. Ein weiterer Grund, die Zahl der Neuinfektionen möglichst niedrig zu halten.
Wie sieht die Zukunft also aus, wenn die Impfungen womöglich keine Herdenimmunität bringen? Langzeitprognosen gehen davon aus, dass Covid-19 endemisch werden und regelmäßig wieder ausbrechen könnte, ähnlich wie die Grippe. Ein Grund zur Verzweiflung ist das jedoch nicht unbedingt.
Die Übertragung des Virus zu stoppen, sei ein Weg, zur Normalität zurückzukehren, sagte Stefan Flasche, Epidemiologe an der London School of Hygiene & Tropical Medicine, dem Fachblatt »Nature«. Es sei Zeit für realistischere Erwartungen. Selbst wenn Impfungen keine Herdenimmunität ermöglichen sollten, schützten sie Menschen jedoch zuverlässig vor schweren Verläufen und könnten Todesfälle verhindern. Die Krankheit Covid-19 werde vielleicht nicht komplett verschwinden, aber ihre Allmacht wahrscheinlich nachlassen.
Mit Material von dpa

