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Corona und Kriminalität: Wie das Virus das Verbrechen verändert

April 27
05:11 2020

Leere Straßen, geschlossene Grenzen: Die Coronakrise lässt die Zahl vieler Straftaten weltweit sinken – und trifft Kartelle und Mafiagruppen hart. Doch einige Kriminelle passen sich der neuen Lage an. Der Überblick.

In mehr als 20 Dienstjahren beim NYPD ermittelte Joseph Giacalone in Tausenden Mordfällen. Den Rückgang der Straftaten in New York City in den Neunzigerjahren, einen der stärksten der US-Geschichte, erlebte er ebenso an vorderster Front mit wie die Tage nach dem 11. September 2001, als die Zahl der Verbrechen in der Stadt kurzzeitig rapide sank. Doch eine Entwicklung wie die der vergangenen Wochen, sagt der Detective Sargeant im Ruhestand dem SPIEGEL, habe es noch nicht gegeben.

Seit Wochen wütet das Coronavirus in der Metropole, die wie kein anderer Landesteil von der Pandemie getroffen wurde. Zur Eindämmung wurden drastische Maßnahmen erlassen; die Menschen bleiben zuhause, die Straßen sind leer. Eine Folge: weniger Gelegenheiten für einige der schwersten Straftaten.

In den vier Wochen zwischen dem 8. März und dem 4. April sank die Zahl der Gewaltdelikte in New York gegenüber dem Vorjahreszeitraum um knapp ein Viertel. Morde gingen um ein Fünftel zurück, Vergewaltigungen fast um die Hälfte. Auch gab es deutlich weniger Raubdelikte und tätliche Angriffe.

Vergleichbare Rückgänge gebe es allenfalls im Zuge extremer Wetterereignisse, sagt Christopher Herrmann, Dozent am New Yorker John Jay College of Criminal Justice, dem SPIEGEL. Die aktuelle Lage unterscheide sich davon aber sowohl örtlich als auch zeitlich: "Ein Hurrikan trifft in der Regel nur einzelne Landesteile, gleiches gilt für extremen Schneefall. Die Auswirkungen sind außerdem kurzfristig: zwischen einem und fünf Tagen", sagt Herrmann. Die Pandemie und der Lockdown hingegen treffen, wenn auch in unterschiedlichem Maße, das ganze Land – und dauern schon jetzt mehrere Wochen.

Es überrascht deshalb nicht, dass sich die Lage anderswo im Land ähnlich darstellt wie in New York. Herrmann hat für den genannten Zeitraum Statistiken aus zehn weiteren US-Großstädten zusammengetragen. In Chicago, seit Jahren ein Hauptschauplatz von Bandengewalt, ging die Mordrate um 44 Prozent zurück, in Los Angeles um 48 Prozent.

Der Trend ist nicht nur in den USA zu beobachten, sondern weltweit:

  • In Peru ging die Kriminalitätsrate laut Präsident Martín Vizcarra um mehr als 80 Prozent zurück, nachdem das Land eine der strengsten Ausgangssperren Lateinamerikas verhängte. Bestatter in der Hauptstadt Lima berichten von Tagen, an denen sie kaum zu tun bekommen.

  • Im kolumbianischen Medellín, einst als Heimat des Drogenbosses Pablo Escobar berüchtigt, fiel nach offiziellen Angaben die Zahl der Morde im März auf 18, den niedrigsten Wert seit 40 Jahren.

  • Südafrikas Polizeiministerium zufolge entsprach die Zahl der Morde und Vergewaltigungen in der ersten Woche des Lockdowns jeweils einem Bruchteil derer im Vorjahreszeitraum.

  • Auch in Indien und Indonesien melden Behörden einen erheblichen Rückgang schwerer Straftaten.

Für Entspannung bei Ermittlern sorgen die Ausgangssperren dennoch nicht: Zum einen wird mit der schrittweisen Aufhebung der Beschränkungen auch die Zahl der Morde und Raubdelikte wieder steigen – auch wenn bisweilen die Hoffnung geäußert wird, dass die Lockdown-bedingte Auszeit etwa bei sehr jungen Straftätern zu einer langfristigen Änderung der Gewohnheiten führen und so einen dauerhaften Effekt haben könnte.

Zum anderen steigt, wenn weite Teile der Bevölkerung unter Hausarrest stehen, die Gefahr anderer Delikte. "Meine größte Sorge ist häusliche Gewalt", sagt Joseph Giacalone. Das gelte umso mehr, weil Alkohol in New York auch während des Lockdowns erhältlich bleibe. Die Befürchtung wird in Behörden und Organisationen auf der ganzen Welt geteilt– zuletzt trug auch Uno-Generalsekretär Antonio Guterres sie vor.

Erste Zahlen zeigen: Die Sorge ist berechtigt. Frankreich verzeichnete bei den gemeldeten Fällen häuslicher Gewalt einen Anstieg von 30 Prozent. Eine Analyse von rund 100.000 Polizeiberichten aus fünf US-Großstädten durch den "Economist" legt einen Zuwachs von rund fünf Prozent nahe. Betreiber von Notruf-Hotlines für misshandelte Frauen von China bis Spanien berichten von einer deutlichen Zunahme an Anrufen während des Lockdowns.

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