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Corona-Krise: Die Totenzahlen in den USA steigen – die Kurse auch

April 27
07:44 2020

Die Realwirtschaft ist im freien Fall – nur die US-Aktienmärkte streben munter aufwärts, selbst wenn gerade wieder Millionen Jobs verloren gehen. Sind die Investoren völlig verrückt geworden?

Während US-Präsident Donald Trump mal wieder eine seiner berüchtigten Pressekonferenzen zur Coronakrise hielt, blendete sein Lieblingssender Fox News Daten ein, die nicht recht zueinander zu passen scheinen: Oben stand die erneut gestiegene Zahl der Covid-19-Toten und Neu-Infektionen, unten der Schlusskurs des Dow Jones: 24.242 Punkte. Der Börsenindex hatte an diesem Tag die besten zwei Wochen seit über 80 Jahren abgeschlossen: mit einem Plus von 15 Prozent.

Kurzzeitig ließ die Euphorie nach, als der Ölpreis ins Bodenlose stürzte. Doch bald zogen die Aktienkurse wieder an. Am Freitag schloss der Dow Jones etwa dort, wo er schon Anfang Januar 2019 notierte hatte, vor dem Corona-Crash, mitten im zehnten Jahr des Wirtschaftsaufschwungs. Dabei steuern die USA unverändert auf die schlimmste Rezession seit den Dreißigerjahren zu.

Sind die Börseninvestoren also verrückt geworden?

Die Kurse erholen sich, während im wahren Leben – dem, was die Ökonomen Realwirtschaft nennen – eine Hiobsbotschaft die nächste jagt:

  • 26 Millionen Amerikaner haben sich seit Beginn der Krise arbeitslos gemeldet. Damit hat Covid-19 innerhalb von vier Wochen den Jobzuwachs eines ganzen Jahrzehnts zunichtegemacht.

  • Der Einzelhandelsumsatz ist im März um knapp neun Prozent abgestürzt – und droht, eine traditionsreiche Branche mit in den Abgrund zu reißen: Die Kaufhauskette J.C. Penney verhandelt mit ihren Gläubigern über ein Rettungspaket. Die Pleite des glamouröseren Konkurrenten Neiman Marcus scheint unvermeidlich und die Traditionsmarke Macy's hofft noch auf ein Wunder, das vermutlich aber ausbleiben wird.

  • Die US-Industrieproduktion ist abgestürzt auf den tiefsten Wert seit 74 Jahren. Das Wirtschaftsanalyse-Institut Oxford Economics erwartet, dass die Unternehmensgewinne im zweiten Quartal verglichen zum Vorjahr um 25 Prozent schrumpfen. Dutzende Konzerne haben angekündigt, dass Dividendenzahlungen und geplante Aktienrückkäufe ausfallen.

Eigentlich sind das auch für Aktionäre schlechte Nachrichten. Doch die Kurse steigen kräftig. Catherine Mann, Chefökonomin bei Citi, hat ein kleines Experiment gemacht, um das eigenartige Phänomen zu verdeutlichen: Sie hat beide Kurven übereinandergelegt: die Börsencharts und die neuesten Konjunkturvorhersagen. "Es gibt da eine komplett negative Korrelation", erklärte sie in einem Videoauftritt.

Sechs Millionen Jobs weg – aber die Kurse klettern

Sprich: Während die Ökonomen die Wachstumsaussichten immer weiter nach unten korrigieren, weist der Börsentrend seit Wochen wieder nach oben. An dem Tag, als die Rekordzahl von 6,6 Millionen neuen Arbeitslosen innerhalb einer Woche gemeldet wurde, stieg der S&P um fast 500 Punkte.

Den Märkten scheint das Kunststück gelungen, das der Realwirtschaft kaum noch ein Experte zutraut: die V-Erholung, der schnelle Aufstieg nach dem steilen Fall. Der S&P 500 hatte zwischen seinem Rekordstand am 19. Februar und dem 23. März ein Drittel seines Wertes eingebüßt. Mehr als die Hälfte des Verlustes hat er bis Freitag wieder wettgemacht.

Gemessen an den Gewinnerwartungen für das kommende Jahr seien die amerikanischen Aktien so teuer wie seit fast 20 Jahren nicht, schreibt der Bloomberg-Finanzexperte John Authers. Ein ähnliches Kurs-Gewinn-Verhältnis habe man zuletzt in den "verrückten Jahren" der Dotcom-Blase um die Jahrtausendwende gesehen.

Niemand wäre so dumm, gegen die Fed zu wetten

Wenn also die grundlegenden Wirtschaftsdaten eigentlich so wenig Kaufanreiz bieten, was steckt hinter der Rally? Des Rätsels Lösung hat drei Buchstaben: Fed. Die US-Notenbank Federal Reserve lässt keinen Zweifel daran, dass sie einen Crash verhindern wird, koste es, was es wolle. Wer also auf Kursverluste setzen wollte, müsste damit gegen eine Institution wetten, deren Mittel praktisch nicht endlich sind. "Diejenigen, die die Macht der Fed nach (der Finanzkrise) 2008 unterschätzt haben, wollen diesen Fehler nicht noch einmal machen", glaubt Authers.

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