Corona-Impfungen: Bund und Länder bitten Impfstoff-Hersteller zum Rapport
Icon: vergrößernVerspritzte Dosen der Vakzine von Biontech/Pfizer in einem Impfzentrum in Hamburg
Foto: Joerg Boethling / imago images/Joerg Boethling
Seit mehr als einen Monat wird in Deutschland gegen das Coronavirus geimpft. Doch die Impfkampagne läuft bislang schleppend. Es fehlt an Zulieferungen, die Verteilung läuft in Teilen chaotisch, noch ist unklar, ob die Vakzinen vor den neuen Mutationen des Coronavirus schützen. Bei einem eigens anberaumten Impfgipfel bitten Bund und Länder die Impfstoff herstellenden Unternehmen nun zum Rapport.
Insgesamt zehn Unternehmen sind nach SPIEGEL-Informationen zu der für den Nachmittag angekündigten Schalte geladen. Sie sollen jeweils Zeit bekommen, um über ihren Impfstoff, den Stand der Zulassung, die Wirksamkeit bei Mutanten, die geplanten Lieferungen und ihre Maßnahmen zur Produktionssteigerung zu informieren. So sieht es ein Ablaufplan vor, der dem SPIEGEL vorliegt. Beim Impfgipfel wollen Bund und Länder so mehr Klarheit bekommen, wann mit wie viel Impfstoff zu rechnen ist.
Geladen sind unter anderem die Unternehmen Biontech, Pfizer, Curevac, Moderna, AstraZeneca und Johnson&Johnson. Neben den Vakzinen-Herstellern sprechen auch Vertreterinnen und Vertreter mehrerer Chemie- und Pharmaverbände. Zugeschaltet sind neben Bundeskanzlerin Angela Merkel mehrere Bundesminister, die Regierungschefinnen und Regierungschefs der Länder und Vertreterinnen und Vertreter der Europäischen Kommission. Neben Fragen zur Entwicklung und Produktion von Impfstoffen soll es auch um die künftige Priorisierung und Verteilung der Vakzinen gehen. Geplant sind hier Vorträge der Ständigen Impfkommission (Stiko) und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung.
Verschleppter Impfstart
Die Impfkampagne begann in Deutschland am zweiten Weihnachtsfeiertag – doch bislang hakt es an vielen Stellen. Unsichere Liefertermine für den knappen Impfstoff, dauerbesetzte Termin-Hotlines und leer stehende Impfzentren sorgen für Ärger. Geliefert wurden bisher in Deutschland über 3,5 Millionen Dosen. 2,2 Millionen Dosen wurden gespritzt. Einige Länder lagern den Impfstoff erst ein, um ihn für die notwendige zweite Spritze sicher zu haben, andere verabreichen im Vertrauen auf kommende Lieferungen gleich alles. Bislang wurden Wirkstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna gespritzt, am Freitag wurde zudem die dritte Vakzine, die von AstraZeneca, zugelassen.
Vor allem Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) steht in der Kritik. Er hatte die schwierige Terminvergabe und Lieferengpässe bei den Impfstoffen zunächst als »Ruckeln« am Anfang der Impfkampagne bezeichnet. Mittlerweile sagt er »mindestens zehn harte Wochen« mit knappem Impfstoff voraus.
Industrie schiebt Verantwortung an Regierung ab
Auch der Bundesverband der Deutschen Industrie warnte vor Beginn des Impfgipfels vor überzogenen Erwartungen. Bund und Länder sollten keine falsche Hoffnung wecken, dass man die Impfstoffproduktion in Deutschland binnen weniger Wochen dramatisch steigern könne, sagte BDI-Präsident Siegfried Russwurm am Montag. »Ein signifikanter Produktionsausbau ist so komplex und zeitaufwendig, dass mit keiner weiteren Beschleunigung der Impfstoffauslieferung zu rechnen ist.«
Die Pharmaindustrie habe in Rekordzeit mehrere Impfstoffe entwickelt, ergänzte der frühere Siemens-Manager. Dringend nötig sei nun aber eine bessere Koordination zwischen Bund und Ländern. »Das uneinheitliche Impf- und Logistikmanagement sorgt bereits bei den gerade anlaufenden Impfungen mit den derzeit verfügbaren Mengen für Verunsicherung. Mit größeren Impfmengen und mehr zu impfenden Personen nehmen die Anforderungen an Abläufe und Logistik zu.«
Icon: Der Spiegel

