Nachrichten in der Welt


Nachrichten der Welt

Corona-Impfstoffe: Was die neuen Studien zu Biontech und Moderna aussagen – und was nicht

February 18
18:59 2021
Hindernislauf zum Impfziel: Szene aus dem Impfzentrum in den Hamburger Messehallen Icon: vergrößern

Hindernislauf zum Impfziel: Szene aus dem Impfzentrum in den Hamburger Messehallen

Foto: Christian Charisius / dpa

»Corona-Laborstudie: Biontech-Impfstoff weniger effektiv gegen südafrikanische Mutation« – Überschriften wie diese können einen in der aktuellen Corona-Situation pessimistisch stimmen. Was die Forschenden in der Studie untersucht haben, welche Rückschlüsse sich daraus für den Impfschutz vor Covid-19 ziehen lassen und warum Optimismus trotzdem angebracht ist: der Überblick.

Welche neuen Daten liegen vor?

Am Mittwoch hat eine Forschungsgruppe im Fachblatt »NEJM« einen vorläufigen Bericht veröffentlicht, der sich mit der Wirkung des Impfstoffs von Biontech und Pfizer auf die Coronavirus-Variante B.1.351 beschäftigt. B.1.351 wurde zuerst in Südafrika entdeckt. Es war bereits aus anderen Studien bekannt, dass mehrere Impfstoffe gegen diese Virusvariante wohl nicht so effektiv sind wie gegen das ursprünglich kursierende Coronavirus Sars-CoV-2.

In der aktuellen Veröffentlichung wird berichtet, wie gut Antikörper aus dem Blut verschiedene Virusvarianten bei Geimpften, die das Pfizer/Biontech-Mittel erhalten haben, neutralisieren – also unschädlich machen. Die Forschungsgruppe hat für die Experimente Virusvarianten mit unterschiedlichen Mutationen im Spike-Protein verwendet. Gegen dieses Protein richten sich die meisten der Covid-19-Impfstoffe.

Ergebnis der Tests: Die Antikörper konnten die Virusvariante, die alle Spike-Mutationen der Variante B.1.351 enthielt, noch neutralisieren – sie waren aber deutlich weniger effektiv als gegen die ursprüngliche Variante. Die Effektivität war um rund zwei Drittel geringer.

Ähnliches berichtet eine Forschungsgruppe ebenfalls im »NEJM« in Bezug auf den Impfstoff von Moderna, wie der von Pfizer/Biontech ein mRNA-Impfstoff. Auch hier sind die Antikörper von Geimpften weniger effektiv darin, das mutierte Virus B.1.351 auszuschalten.

Was lässt sich daraus ableiten und was nicht?

In beiden Fachberichten steht: Was das genau für die Immunantwort von Geimpften bedeutet, sei unklar. Es handele sich lediglich um Laborversuche mit Viren und Blutseren Geimpfter. Wie sich die Immunantwort im menschlichen Körper verändert, können die Experimente nicht genau vorhersagen, sie können nur einen Trend anzeigen: nämlich, dass die Antikörper-Antwort weniger effektiv ist.

Ein relevanter Punkt, den diese Experimente nicht angehen, sind die sogenannten T-Zellen. Die Immunantwort auf Krankheitserreger wie Sars-CoV-2 beruht nicht nur auf Antikörpern. Ein weiterer wichtiger Baustein sind T-Zellen, von denen einige darauf spezialisiert sind, von Viren befallene Körperzellen zu eliminieren. Impfungen wirken, indem sie dem Körper eine Infektion vorspielen. Dabei kurbeln nicht nur die Antikörper-Produktion an, sie fördern auch entsprechende T-Zellen.

»Die T-Zell-Antwort richtet sich gegen andere Zielstrukturen, sogenannte Epitope, die in anderen Bereichen des Spike-Proteins liegen«, sagt der Impfstoffforscher und Infektiologe Leif Erik Sander von der Berliner Charité. Das bedeutet, dass Veränderungen des Proteins, die die Antikörper-Reaktion vermindern, keinen Effekt auf die Arbeit der T-Zellen haben müssen.

Während Antikörper vor allem in der Frühphase einer Infektion wichtig sind, spielen die T-Zellen möglicherweise etwas später eine Rolle. »Schwere Covid-19-Erkrankungen entwickeln sich in der zweiten bis dritten Woche der Infektion. Und hier ist die T-Zell-Antwort sicher relevant«, sagt Sander. Er vermutet deshalb, dass die Impfungen weiterhin vor schweren Krankheitsverläufen schützen können, auch wenn sich jemand mit B.1.351 angesteckt hat.

Allerdings bestätigten die Experimente, dass B.1.351 es geschafft hat, dem Immunsystem besser auszuweichen. Sander: »Wenn die Antikörper-Antwort vermindert ist, häufen sich wahrscheinlich milde Durchbruchinfekte bei Geimpften sowie bei Menschen, die schon eine Coronavirus-Infektion hatten.«

Wie wirken die anderen Impfstoffe gegen B.1.351?

Für Aufsehen sorgte die Entscheidung Südafrikas, den Impfstoff von AstraZeneca zunächst nicht zu nutzen. Grund dafür war eine Studie mit rund 2000 Teilnehmenden in dem Land, in dem B.1.351 inzwischen für einen Großteil der Coronavirus-Infektionen verantwortlich ist. Die Untersuchung ergab, dass die Impfung nicht das Risiko senkte, eine milde bis moderate Covid-19-Erkrankung zu entwickeln.

Die Studie konnte allerdings die relevante Frage nicht beantworten, ob die Impfung vor schweren Verläufen – und somit auch vor dem Tod durch Covid-19 – schützt. Denn unter den vergleichsweise jungen Teilnehmenden gab es während der Studie keinen einzigen schweren Covid-19-Verlauf. Warum? In der Studie gab es keine einzige schwere Covid-Erkrankung, weder unter den Geimpften noch in der Placebo-Gruppe. Das lag vor allem daran, dass die relativ kleine Studie nur vergleichsweise junge, gesunde Teilnehmende hatte. Sie war also von ihrem Aufbau gar nicht dafür geeignet zu klären, ob die Impfung vor einem schweren Covid-19-Verlauf schützt. Die Studie ist bisher nur als Vorveröffentlichung verfügbar, sie wurde noch nicht von anderen Forschenden begutachtet.

Johnson & Johnson berichtete Ende Januar über die Ergebnisse seiner Phase-3-Studien zu einem Vektorimpfstoff, bei dem eine einmalige Impfung ausreichen soll. Die Effektivität des Mittels, vor einer moderaten bis schweren Covid-19-Erkrankung zu schützen, unterschied sich regional. Dies ist auf die Verbreitung neuer Mutanten zurückzuführen. Denn während die Effektivität in den USA bei 72 Prozent lag, betrug sie in Lateinamerika nur 66 Prozent, in Südafrika nur 57 Prozent.

Auch Novavax berichtete von einer geringeren Effektivität seines Impfstoffs gegen die Variante B.1.351, die sich durch eine Studie dort offenbarte. Bei Probandinnen und Probanden ohne HIV-Infektion lag die Wirksamkeit des Mittels demnach bei 60 Prozent gegen B.1.351.

Die genannten Impfstoffe arbeiten zwar nach unterschiedlichen Prinzipien, sie funktionieren aber alle grundsätzlich darüber, dass sie eine Immunantwort gegen das Spike-Protein von Sars-CoV-2 hervorrufen. Die RNA-Impfstoffe von Pfizer/Biontech und Moderna schleusen dafür einen RNA-Bauplan für das Spike-Protein in den Körper ein. Die Vektorimpfstoffe von AstraZeneca und Johnson & Johnson bringen es mithilfe eines ungefährlichen Virus, des Vektors, ein. Novavax enthält Nanopartikel, die das Spike-Protein transportieren.

Da B.1.351 mehrere Mutationen enthält, die das Spike-Protein betreffen und die Immunantwort des Körpers beeinflussen, ist es also nicht völlig überraschend, wenn es sich auf all diese Impfstoffe auswirkt.

Wie geht es weiter?

Das Coronavirus mutiert – im Vergleich zu anderen Viren – relativ langsam. Doch durch seine starke Verbreitung hat es bereits einige besorgniserregende Varianten entwickelt, die sich auch auf die Impfstoffe auszuwirken scheinen. Forschende und Hersteller haben das im Blick. »In Zukunft wären zum Beispiel Booster-Impfungen möglich, mit denen man bereits Geimpfte vor Virusvarianten schützt. Ebenso könnte man noch nicht Geimpften gleich polyvalente Impfstoffe geben, also Impfstoffe, die sich gegen mehrere Varianten richten – wie bei der jährlichen Grippeimpfung«, sagt Sander.

Das bedeutet wahrscheinlich: Die erste oder zweite Covid-Impfung wird nicht unbedingt die letzte sein.

Icon: Der Spiegel

Neueste Beiträge

3:45 Unterzeichnung in Europa?: Angriff abgesagt – Trump deutet Verhandlungserfolg mit dem Iran an

0 comment Read Full Article