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Corona: Hinweis auf Thrombosen – wie läuft die Suche nach Nebenwirkungen bei AstraZeneca?

March 18
11:17 2021
Ein Impfarzt bereitet eine Impfung mit der Vakzine von AstraZeneca vor (Archivbild) Icon: vergrößern

Ein Impfarzt bereitet eine Impfung mit der Vakzine von AstraZeneca vor (Archivbild)

Foto: Jens Schlueter / AFP

Zufall oder Zusammenhang? Schon am Donnerstag will die Europäische Arzneimittelagentur (Ema) eine erste Einschätzung abgeben, ob der Covid-19-Impfstoff von AstraZeneca womöglich lebensbedrohliche Thrombosen verursachen kann. Für aufwendige Studien oder Obduktionsberichte bleibt da kaum Zeit, worauf stützen sich die Expertenteams also?

Die Europäische Arzneimittelagentur Ema hat für solche Verdachtsfälle vorgesorgt. Treten bei einem zugelassenen Impfstoff oder Medikament mögliche Komplikationen auf – Experten sprechen in dem Fall von Sicherheitssignal –, tagt der sogenannte Pharmakovigilanzausschuss, kurz PRAC. Dieser prüft die Hinweise und gibt schließlich eine Empfehlung ab.

Die Suche nach dem Signal

Ein entscheidendes Instrument ist die sogenannte Observed-versus-Expected-Analyse, was auf Deutsch in etwa so viel heißt wie Beobachtet-gegen-Erwartet-Analyse. Dahinter steckt folgende Überlegung: Inzwischen sind weltweit bereits Millionen Menschen mit dem Mittel von AstraZeneca gegen Covid-19 geimpft worden. Dass bei einer so großen Zahl von Menschen zufällig Krankheiten auftreten würden, war deshalb zu erwarten. Entscheidend ist jedoch: Häuft sich eine bestimmte Erkrankung bei Geimpften auffällig?

Schon in der vergangenen Woche gab es Berichte über Thrombosen, die nach einer Impfung mit dem Mittel von AstraZeneca aufgetreten waren. Eine 49-jährige Krankenschwester in Österreich starb infolge schwerer Gerinnungsstörungen. Ob es einen Zusammenhang mit der Impfung gibt, steht laut dem österreichischen Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen noch nicht fest. Eine Obduktion läuft.

Zudem gab es Berichte, auf Sizilien seien drei Soldaten nach der Impfung gestorben, bei mindestens einem der Betroffenen konnte die Impfung als Todesursache allerdings ausgeschlossen werden. Einige Länder pausierten nach ähnlichen Zwischenfällen Impfungen mit dem Mittel von AstraZeneca.

Warum sich die Einschätzung in Deutschland änderte

Zunächst gab die Ema Entwarnung. »Die Anzahl der thromboembolischen Ereignisse bei geimpften Personen scheint insgesamt nicht höher zu sein als in der Allgemeinbevölkerung«, teilte die Behörde Anfang der Woche. Thrombosen bei Geimpften seien sogar deutlich seltener, als man im Rest der Bevölkerung erwarten würde, sagte Ema-Experte Peter Arlett am Dienstagnachmittag während einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz. Arlett leitet die Abteilung für Pharmakovigilanz und Epidemiologie bei der Ema.

Derweil hatte sich die Lage in Deutschland geändert. Das hierzulande für Impfstoffe zuständige Paul-Ehrlich-Institut (PEI) hatte festgestellt, dass sich Fälle von Thrombosen in Deutschland auffällig ähnelten. Auch Deutschland stoppte daraufhin Impfungen mit dem Stoff von AstraZeneca.

Bei den Betroffenen kam es nicht nur zu Thrombosen, sie hatten auch einen Mangel an Blutplättchen, Blutungen wurden festgestellt. Bis Montag wurden dem Institut sieben solcher Fälle gemeldet, drei der Betroffenen starben. »Es handelt sich um eine sehr schwere Krankheit, die außerdem schwer zu behandeln ist«, teilte das PEI mit.

Solche Thrombosen der Hirnvenen sind deutlich seltener. Die Observed-versus-Expected-Analyse der PEI-Experten ergab: Eigentlich wäre gemessen an den 1,6 Millionen in Deutschland verabreichten AstraZeneca-Dosen nur ein Fall zu erwarten gewesen, nun waren es gleich sieben. Ein eindeutiges Sicherheitssignal, das automatisch einen Prüfprozess einleitet. Wie genau das PEI zu dieser Rechnung gekommen ist und wann die Fälle aufgetreten waren, ist noch unklar. (Mehr dazu lesen Sie hier.) Am Mittwoch gab es Berichte über einen weiteren Fall einer Sinusvenenthrombose bei einer Frau aus Rheinland-Pfalz.

Die Ema-Experten prüfen nun, ob sich dieses Sicherheitssignal auch in anderen Daten zeigt. Der Prozess gleicht aufwendiger Detektivarbeit. Gerade seltene Erkrankungen erschweren epidemiologische Untersuchungen, sage Ema-Experte Arlett. Es gebe nur wenig Publikation und die Rate der zu erwartenden Fälle ist weniger eindeutig. »Deshalb liegt der Fokus viel mehr darauf, die klinischen Merkmale jedes einzelnen gemeldeten Falls zu analysieren«, sagt Arlett.

Nationale Meldesysteme müssten ausgewertet werden. Die für die Zulassung entscheidenden Studien werden erneut unter die Lupe genommen. Die Experten prüfen jeden einzelnen Verdachtsfall, arbeiten sich durch die Patientenakten, suchen darin nach Hinweisen, ob es auch andere Erklärungen für die Thrombosen gibt.

In Österreich starb eine 58-Jährige in der Impf-Warteschlange

Auf Grundlage dieser Daten stellen sie weitere Observed-versus-Expected-Analysen an. Dahinter steckt jedoch keine einfache mathematische Rechnung, die Gleichung hängt von vielen Parametern ab.

Wenn eine Krankheit so selten ist, kann schon jeder gemeldete Fall die Berechnung erheblich beeinflussen. Auch der Zufall spielt eine Rolle und der lässt sich nur schwer herausrechnen. In Österreich brach beispielsweise eine 58-Jährige in der Warteschlange vor ihrer Covid-19-Impfung zusammen, berichtete der Sender ORF am Wochenende. Die Frau starb, warum ist noch nicht klar – einen Zusammenhang mit der Immunisierung ist jedoch ausgeschlossen, sie war noch nicht geimpft. Wäre sie nur kurze Zeit später gestorben, nach der Spritze, hätte auch ihr Todesfall im Zusammenhang mit der Impfung untersucht werden müssen.

Hinzu kommt: Bei so seltenen Erkrankungen ist es gar nicht so leicht festzustellen, wie häufig sie tatsächlich vorkommen. Schon die Definition des Krankheitsbilds kann sich erheblich unterscheiden. Auch deshalb soll nun jeder einzelne Fall erneut geprüft werden.

Im Fall einer Sinusvenenthrombose geht das PEI beispielsweise von zwei bis fünf Fällen pro eine Million Einwohner pro Jahraus, andere Untersuchungen schätzen die Häufigkeit um ein Vielfaches höher ein. Eine Untersuchung kommt auf 13 Fälle pro eine Million Menschen und Jahr, eine weitere auf 16 Fälle.

Das Storch-Paradoxon

Selbst wenn sich jetzt zeigen sollte, dass sich Thrombosen im Gehirn bei den Geimpften häufen, ist das nicht automatisch ein Beweis, dass die Impfung die Ursache ist. In der Wissenschaftsgeschichte gibt es viele Beispiele von Scheinkausalitäten. Die wohl bekannteste betrifft Störche. Eine Studie aus dem Jahr 2001 zeigte, dass mehr Kinder zur Welt kommen, wenn es mehr Störche gibt. Die Zahl der menschlichen Geburtenrate korrelierte signifikant mit der Zahl der Storchenpaare, der Effekt ließ sich in mehreren Regionen Europas nachweisen.

Dass Störche Babys bringen, ist wissenschaftlich widerlegt. Die Zahl der Vögel kann also gar nichts mit der Zahl der Babys zu tun haben. Die Erklärung für den Zusammenhang geht vielmehr so: Störche leben eher auf dem Land und dort werden tendenziell auch mehr Kinder pro Paar geboren.

Eine ähnliche Erklärung könnte es auch bei den nun gemeldeten Zwischenfällen geben. So sind Frauen dreimal häufiger von Sinusvenenthrombosen betroffen als Männer. Sie arbeiten auch häufiger in der Pflege – und gerade diese Berufsgruppen bekamen in Deutschland den Impfstoff von AstraZeneca, weil zunächst nur Menschen unter 65 Jahren damit geimpft werden sollten.

In Großbritannien wurde der Impfstoff jedoch von Anfang an auch bei Älteren eingesetzt. Dort sind bisher nur drei Fälle einer Sinusvenenthrombose registriert worden – bei insgesamt elf Millionen verimpften Dosen.

Ema weiterhin überzeugt: Vorteile bei AstraZeneca-Impfstoff überwiegen Risiken

All diese Überlegungen werden die Experten in ihre Empfehlung einpreisen. Am Ende dürfte deshalb nicht nur eine einfache mathematische Berechnung stehen, sondern eine Abwägung der Risiken. Denn auch das Aussetzen der Impfungen kostet Menschenleben.

Dass Impfungen mit dem Mittel von AstraZeneca dauerhaft gestoppt werden, gilt im Moment als unwahrscheinlich. In einem aktuellen Statement der Europäischen Arzneimittelagentur heißt es: »Die Ema ist aktuell weiterhin der Ansicht, dass die Vorteile des AstraZeneca-Impfstoffs bei der Vorbeugung von Covid-19 mit dem damit verbundenen Risiko von Krankenhausaufenthalten und Todesfällen die Risiken von Nebenwirkungen überwiegen.«

Icon: Der Spiegel

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