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Corona: Boris Johnson kehrt zurück ins Chaos

April 27
21:00 2020

Boris Johnson übernimmt wieder die Amtsgeschäfte. Womöglich gerade noch zur rechten Zeit. Der Ärger der Briten über den Schlingerkurs ihrer Regierung wird von Tag zu Tag größer.

Jetzt hat er die Hand also wieder am Steuer. Am Montagmorgen, gut vier Wochen nach Bekanntwerden seiner Covid-19-Infektion, trat Boris Johnson vor die schwarze Tür in 10 Downing Street, um sich persönlich an seine verunsicherte Nation zu wenden. Was er dabei sagte – man sei dabei, das Virus "niederzuringen", aber für eine Öffnung des Landes sei es zu früh –, war dabei weniger wichtig als die Art seines Auftritts.

Verwehte Haare, geballte Fäuste, stakkatohafte Sprache. Es war der alte Johnson, den die Briten in diesen sechs Minuten zu Gesicht bekamen. Einer, dem die drei Tage auf der Intensivstation anscheinend nichts anhaben konnten, einer, der bereit und willens ist, in "Phase zwei dieses Kampfes" vorneweg zu marschieren. Johnson, so hatte sein Stellvertreter Dominic Raab schon am Sonntag verkündet, sprudele über vor Energie.

Er wird sie gebrauchen können.

Mehr als 20.000 Tote

Denn die Rückkehr des britischen Premierministers fällt in eine Zeit, in der sich nicht nur die Pandemie in einer "Phase des maximalen Risikos" befindet, wie er selbst sagt. Auch Johnson und seine Regierung sind zuletzt unter erheblichen politischen Druck geraten. Selbst konservative Parteifreunde und die Tory-nahe Presse des Vereinigten Königreichs fragen sich immer lauter, ob das Kabinett die Krise im Griff hat – oder umgekehrt.

Eine Serie von Pannen und peinlichen Enthüllungen hat in den Wochen von Johnsons Abwesenheit offengelegt, wie kopf- und hilflos diese Regierung den Kampf gegen die Pandemie bisweilen führt. Seit die offizielle Zahl der Covid-19-Toten am Samstag auf 20.319 stieg, mehr als dreimal so viel wie in Deutschland, redet keiner mehr davon, dass es ein "gutes Ergebnis" wäre, sollte das Vereinigte Königreich unter der 20.000er-Marke bleiben.

Spätestens Ende April, so hatte es die Regierung versprochen, sollen pro Tag 100.000 Menschen auf das Virus getestet werden, aber drei Tage vor Ablauf der Frist ist gerade mal ein Drittel dieser Zahl erreicht.

Johnson persönlich steht massiv in der Kritik, seit bekannt wurde, dass er zu Beginn der Krise mehrere Sitzungen des nationalen Sicherheitskabinetts schwänzte, um lieber Urlaub auf dem Land zu machen. Zudem enthüllte der "Guardian" soeben, dass Johnsons Chefstratege mehrfach an Sitzungen des wissenschaftlichen Beratergremiums der Regierung zu Covid-19 teilnahm. Was überaus ungewöhnlich ist und die Frage aufwirft, ob der "wissenschaftliche Rat", auf den die Regierung sich gebetsmühlenhaft beruft, womöglich früh im Sinn von Downing Street beeinflusst wurde.

Es könnte eine Erklärung dafür sein, warum sich die Regierung seit Wochen beharrlich weigert, die Mitglieder des Gremiums zu nennen. Johnson, der spät und widerwillig auf den Kurs umschwenkte, sein Land unter Lockdown zu stellen, sieht sich nun Forderungen gegenüber, Cummings zu feuern.

Ist der Brexit wichtiger als die Gesundheit?

Noch brisanter für die Regierung könnte jedoch eine Affäre werden, die seit Wochen köchelt und sich von Tag zu Tag mehr zum Politkrimi entwickelt. Sie betrifft vordergründig den eklatanten Mangel an Schutzkleidung und -ausrüstung für medizinisches Personal, mit dem sich auch die meisten anderen europäischen Länder herumschlagen müssen.

Im Fall von Großbritannien aber kommt etwas hinzu: Der Verdacht steht im Raum, dass die Regierung den Notstand verschlimmert haben könnte, weil ihr der Brexit wichtiger war als der Schutz von Ärzten und Krankenpflegern. Die britische Ärztevereinigung hat bereits eine öffentliche Untersuchung der Vorfälle verlangt.

Die Affäre dreht sich um die Frage, warum London es über viele Wochen versäumte, sich an einem Gemeinschaftsprojekt der EU zur Beschaffung medizinischer Schutzausrüstung zu beteiligen. Das Health Security Committee der EU-Kommission beschloss und organisierte seit Ende Januar in etlichen Sitzungen den Großeinkauf von Atemschutzmasken, wasserfesten Kitteln und anderem Equipment für die Krankenhäuser des Kontinents.

Da Großbritannien noch mindestens bis Ablauf der Brexit-Übergangsperiode Ende Dezember faktisch EU-Mitglied ist, nahmen britische Offizielle dem Vernehmen nach auch an mehreren dieser Sitzungen teil. Sie waren ausdrücklich eingeladen, sich an dem Projekt zu beteiligen. Auch sonst, heißt es in der EU-Kommission, habe man London "reichlich Gelegenheiten" gegeben mitzuziehen, warum das nicht geschehen sei, "können wir nicht kommentieren".

Widersprüchliche Ausreden

Sprecher von Johnsons Regierung kommentierten Fragen dazu dagegen mehrfach – und vollkommen widersprüchlich. Mitte März verlautete aus Downing Street, man sei nicht mehr Teil der EU und könne die Beschaffung daher auch allein erledigen. Kurz darauf hieß es, Mails aus Brüssel mit dem Angebot zur Teilnahme seien an eine veraltete Adresse geschickt worden; dann wiederum, sie seien angekommen, aber nicht an die Zuständigen weitergeleitet worden.

Am Dienstag vergangener Woche schließlich sprach Simon McDonald, Topdiplomat des Außenministeriums, vor einem Parlamentsgremium davon, es sei doch eine "politische Entscheidung" gewesen, sich nicht an der EU-Gemeinschaftsanstrengung zu beteiligen. Seltsam jedoch: Knapp zwei Stunden nach der Sitzung ließ McDonald die Parlamentarier per Mail wissen, das sei ein "Missverständnis" gewesen, von einer politischen Entscheidung könne keine Rede sein. Inzwischen, Wochen nach dem Start, ist Großbritannien der EU-Initiative beigetreten.

Wieso hat das so lange gedauert? Die Frage hat tatsächlich existenzielle Bedeutung. Denn inzwischen sollen mehr als 100 Ärzte und Krankenpfleger an Sars-CoV-19 gestorben sein – womöglich auch deshalb, weil sie dem Virus schutzlos ausgeliefert waren. Aus Kliniken in ganz Großbritannien häufen sich Berichte über NHS-Bedienstete, die sich als "Kanonenfutter" verheizt fühlen und bisweilen aus Schnorchelausrüstung oder Mülltüten selbst Schutzkleidung basteln.

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