Abhängigkeit von China: Deutsche Konzerne investieren verstärkt in Fernost
Trotz der politischen Debatte über eine Verringerung möglicher Abhängigkeiten (sogenanntes De-Risking) gehen deutsche Direktinvestitionen einer Studie zufolge weiter in großem Umfang nach China. Unternehmen investierten dort im ersten Halbjahr 10,3 Milliarden Euro. Das geht aus einer Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) hervor, die der Nachrichtenagentur Reuters vorlag.
Dieser Wert bedeutet zwar in absoluten Zahlen einen leichten Rückgang zum Rekordniveau von zwölf Milliarden Euro in den ersten sechs Monaten 2022. Es war aber noch immer der zweithöchste bislang registriere Wert überhaupt. Grundsätzlich ist ein gewisses Wachstum von Investitionssummen über längere Zeitabläufe allerdings nicht per se ungewöhnlich, etwa aufgrund von Inflation. In allen ersten Halbjahren zwischen 2010 und 2020 aber wurde maximal halb so viel in China neu investiert, in der Regel sogar deutlich weniger. »Der Drang nach China ist also weiter auf hohem Niveau.« Wichtiger noch: Der Anteil Chinas an allen deutschen Direktinvestitionsströmen ins Ausland kletterte sogar auf 16,4 Prozent. »So bedeutsam war das Land in Relation zum übrigen Ausland noch nie«, sagte IW-Experte Jürgen Matthes.
Noch stärkerer China-Fokus
Denn Chinas Anteil an den gesamten Auslandsinvestitionen hatte im ersten Halbjahr 2022 nur bei 11,6 Prozent und vor der Coronakrise 2019 bei 5,1 Prozent gelegen. Die gesamten deutschen Direktinvestitionsflüsse ins Ausland hingegen fielen im ersten Halbjahr 2023 mit 63 Milliarden Euro deutlich niedriger als im Vorjahreszeitraum mit 104 Milliarden Euro. »Insgesamt ist der Trend nach China auch in diesem Jahr weitgehend ungebrochen«, sagte Matthes. »Obwohl die deutsche Wirtschaft insgesamt sehr viel weniger zusätzlich im Ausland investiert, bleiben die neuen Direktinvestitionen in China fast so hoch wie zuvor.« Der Großteil des Geldes stamme aus in China erzielten und dann reinvestierten Gewinnen.
Der Anteil des übrigen Asiens lag im zu Ende gegangenen Halbjahr bei knapp neun Prozent. Dies bezeichnete der IW-Forscher als vergleichsweise hoch – »aber auch nicht außergewöhnlich hoch«. Chinas Anteil dagegen sei deutlich gestiegen und wesentlich höher. »Es ist also nicht zu einer Diversifizierung weg von China gekommen, im Gegenteil: Chinas Bedeutung relativ zum übrigen Asien hat noch weiter zugenommen.« Es sei insgesamt bemerkenswert, dass fast ein Viertel der deutschen Direktinvestitionen zuletzt nach Asien geflossen sei.
Die Bundesregierung pocht gegenüber der Wirtschaft auf ein »De-Risking« beim Geschäft mit China, dem wichtigsten Handelspartner Deutschlands. So sollen Abhängigkeiten in Schlüsselindustrien vermieden werden. Bundeskanzler Olaf Scholz hat die Unternehmen wiederholt aufgerufen, sich bei Lieferketten breiter aufzustellen und beim Export und Import etwa mehr mit anderen asiatischen Ländern zusammenzuarbeiten.

