Kämpfen, essen, ruhen im Wald : Wie die Bundeswehr im Baltikum Feindkontakt übt
Politik
Kämpfen, essen, ruhen im Wald Wie die Bundeswehr im Baltikum Feindkontakt übt
21.06.2026, 18:32 Uhr
Von Frauke Niemeyer, LitauenArtikel anhören(09:30 min)00:00 / 09:30
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Erstmals üben Soldaten der Bundeswehr-Brigade Litauen das Gefecht vor Ort. Die Kasernen sind noch im Bau, aber in den Wäldern testen die Deutschen schon den Ernstfall – mit Gefahren, die sie so aus Deutschland nicht kennen.
Platzangst darf man nicht haben im Schützenpanzer Puma. Sein Innenleben ist eng und dunkel. Der Fahrer erreicht seinen Platz vorn nur kriechend. Wenn er das Kettenfahrzeug über schweres Gelände brettern lässt, können hinten sechs Soldaten in Hängekojen kauern – tiefen Stoffsitzen, an der Decke aufgehängt. Das schützt gegen Erschütterung und ist in Litauen ungemein von Vorteil. Die Landschaft, in der seit Anfang Juni 2400 deutsche Soldaten üben, wie man das Baltikum gegen Putins Armee verteidigt, ist wellig, waldig, sandig, sumpfig und weitgehend sich selbst überlassen. Oder, wie Oberstleutnant Karsten Dyba es zusammenfasst: "Das ist hier Wildnis."
Truppenübungsplatz Pabrade, keine zehn Kilometer entfernt von der Grenze nach Belarus, es empfiehlt sich wirksamer Mückenschutz. Außerhalb der Gefechtsübungen trifft man auch mal auf deutsche Soldaten mit Netzen vorm Helm, die sie ein wenig wirken lassen wie getarnte Imker.
So banal das klingen mag: Aber zum Ziel dieser ersten großen Gefechtsübung "Freedom Shield 2026" der Brigade 45 für Litauen gehört letztlich auch, sich mit den hiesigen Mückengeschwadern vertraut zu machen. Und mit allen anderen Einsatzbedingungen, die man so nicht vorfindet und auch nicht nachahmen kann in Oberviechtach in Bayern oder im westfälischen Augustdorf, wo die beiden Panzerbataillone noch beheimatet sind, die jetzt sechs Wochen lang im Panzer durch die litauische Landschaft pflügen.
Dafür haben sie alles mitgebracht – per Fähre und über Land: Kampfpanzer Leopard 2, Schützenpanzer Puma, Bergepanzer Büffel, Brückenlegepanzer Biber – insgesamt 800 Fahrzeuge, 350 Drohnen verschiedener Größe und Funktion sowie Hubschrauber, etliche Containerladungen voll Gerät. Ein ungeheurer Aufwand für ein anspruchsvolles Ziel, welches lautet: Train as you fight – Trainiere so, wie du im Ernstfall kämpfst.
"Wir haben hier keine Kulturlandschaft, keine durchforsteten Wälder wie in Deutschland", sagt Dyba, Presseoffizier der Brigade. "Das Gelände hier draußen beansprucht uns ganz enorm. Wenn auf der Sandpiste durch den Fichtenwald zweimal eine Panzerkompanie durchrauscht, dann ist die für ein normales Auto nicht mehr befahrbar." Die Spuren sind dann mehr als knietief.
Wenn ein Fahrzeug im Kampf liegenbleibt, rückt die Gefechtsinstandsetzung im gepanzerten Werkstattauto an und versucht, den Panzer im Gefecht wieder flott zu machen. Wenn kein Gerät ausfällt, dann wird "eine Lage eingespielt" – etwa ein Kettentreffer inszeniert. Die Instandsetzer sollen schließlich auch üben.
Der Sandboden reibt die Panzerketten ab wie Schmirgelpapier. "Die Ketten sind durch diese Abnutzung immer blitzblank. Nach ein paar Wochen ist ein Millimeter runter", erklärt ein Soldat der Kompanie vom Unterstützungsbereich. In der Nähe des Truppenübungsplatzes hat man ein Betonwerk angemietet, dort in die Halle kommen die Panzer zur Reparatur.
Das alles ist nur temporär, denn noch befindet sich die Panzerbrigade 45 "Litauen" im Aufbau, die ab 2027 dort an der Grenze zu Belarus dauerhaft stationiert sein soll. Das Panzerbataillon aus Augustdorf und das Panzergrenadierbataillon aus Oberviechtach sind ihr unterstellt. Die Soldatinnen und Soldaten dieser beiden Bataillone sollen möglichst vollzählig und dauerhaft im kommenden Jahr nach Litauen verlegt werden. Gezwungen wird aber niemand, so der Plan. Wer Deutschland nicht verlassen will, soll es auch nicht müssen.
Diejenigen, die jetzt hier üben, haben sich bereits für Litauen entschieden. "Aus Treue zur Truppe", ruft ein Panzerkommandant im Vorbeilaufen und lacht. Die Mittagspause ist gleich vorbei, dann wird aufgesessen zur zweiten Runde.
Seit zwei Tagen sind die Streitkräfte bereits im Wald und bleiben noch drei. Kämpfen, essen, schlafen im Wald. "Ruhen", verbessert Dyba. Wie man eben so ruht mit Isomatte auf Wurzeln und Gestrüpp, über sich eine Plane als Zeltdach an Bäumen oder am Leopard festgeklemmt. Der Dienst ist durchgehend. Und wenn die Einheit ihre Panzer nicht ordentlich getarnt hat, dann blüht den Ruhenden des Nachts auch mal ein Fake-Drohnenangriff des Gegners.
"Das ist der kreative Teil unseres Berufs: die eigenen Konturen zu verwischen", sagt Dyba. In Litauen ist das womöglich überlebenswichtig. Denn die lichten Fichtenwälder bieten kaum Abschirmung nach oben, im Sand sind frische Spuren sehr gut sichtbar. Zugleich muss man sich in der Stellung nicht mehr nur vor den Kameras der Satelliten und Aufklärungsflugzeuge tarnen, sondern auch vor Drohnen, die 30 Meter über dem Boden fliegen. Abgeklebte Lampen, Tarnnetze, Jutesäcke und die vielfach bewährten Rasenmatten kommen auf und an den Panzern zum Einsatz. "Ich glaube, das Ikea-Einrichtungshaus in Vilnius haben wir an Rasenmatten komplett leergekauft."
Fünf Tage lang im Dauereinsatz, 24 Stunden am Tag – das ist mit deutschem Arbeitsrecht, das für Soldatinnen und Soldaten gilt, nicht ohne weiteres vereinbar. Doch es gilt der Anspruch: Train as you fight. Man benutzt jede Ausnahmeregelung, die sich anbietet, die Übung soll zu echten Bedingungen ablaufen. Denn wenn jemals russische Kämpfer litauisches Gebiet überfallen sollten, dann wird Brigade 45 diejenige sein, die sie aufhält. 24 Stunden am Tag.
"Die Litauer haben die Befürchtung, im Ernstfall stünden die Russen nach drei Tagen an der Ostsee und das Baltikum wäre abgeschnitten", sagt Dyba. Denn die Balten sind nur über eine schmale Landenge mit Polen und dem Rest der Nato verbunden, die begrenzt wird von Belarus und dem russischen Kaliningrad – die sogenannte Suwalki-Lücke. Dass die Russen diese Verbindung schließen, ist die größte Sorge der Litauer. "Und das ist auch Schwerpunkt der Verteidigungsplanungen hier."
Das waldige Gelände hier im Osten Litauens, in Grenznähe, wäre für den Gegner ebenso anspruchsvoll wie für die eigene Truppe. "Entsprechend kann ich es für die Verteidigung vorbereiten: Ich kann Sperren bauen wie spanische Reiter, Betonwürfel aufstellen oder Schienen und Stahlträger zusammenschweißen." Die Pioniere der Brigade üben auch, selbst Minen auszulegen, und sie heben Gräben aus. Etliche Panzersperren durchziehen das Gebiet bereits. Gesprengte Bäume sperren Durchfahrten. "Wenn die Wege unbefahrbar sind, muss der Gegner durch den Sumpf, um vorwärts zu kommen."
Der Sumpf und der Wald. Die haben es in sich. Natürlich ist das Übungsgebiet komplett erschlossen und jede Panzerbesatzung sieht auf ihrer digitalen Karte im Fahrzeug, wie das Gelände beschaffen ist. Aber wo Totholz querliegt und morsche Äste unter der Krone hängen, das zeigt die Karte nicht. Das Feldlager, in dem die Deutschen am Wochenende ausruhen, ist nach Adrian Rohn benannt. Den Oberstabsgefreiten traf im Jahr 2018 ein fallender Ast auf den Kopf, als er aus der Luke seines Bergepanzers herausschaute. Er starb im Krankenhaus.
Ein gutes Jahr ist es erst her, da hat die US-Armee an die Wildnis eine ganze Panzerbesatzung verloren. Nach einem taktischen Training im Waldgebiet kam der Panzer nicht zurück zur Kaserne. Hunderte Soldaten und Rettungskräfte suchten drei Tage lang. Schließlich ortete man das tonnenschwere Kettenfahrzeug fünf Meter tief unter der Grasnarbe versunken, in einem Sumpf.
"Der Fahrer muss die freie Fläche gesehen haben und gedacht, wunderbar, da können wir drüber brettern", sagt Dyba. "Das wird nur Sekunden gedauert haben, dann war der Panzer mitsamt der Besatzung verschwunden." Um ihn aus dem Sumpf herauszuholen, hat man tagelang Wasser und Schlamm abgepumpt, die vier Soldaten wurden tot geborgen.
Doch ist es nicht nur die Natur, die den deutschen Soldaten in Litauen anders begegnet, als sie es aus Deutschland gewohnt sind. Es sind auch die Menschen, für die es selbstverständlich ist, wenn sich die Armee mit schwerem Gerät auf der Straße bewegt. Neuerdings lernen die Kinder in der Schule, mit Drohnen umzugehen. Ende Mai löste Litauen für die Hauptstadt Luftalarm aus wegen Gefahr durch Drohnen. Die Bevölkerung wurde aufgerufen, in Keller und Schutzräume zu gehen. Die Übung der Bundeswehr wird von einer deutschen Drohneneinheit geschützt, die den Grenzbereich nach Belarus absichert, 24 Stunden am Tag. In Litauen spürt man die Nähe des Gegners – auch das macht "Freedom Shield" so wirklichkeitsnah.

