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Energiewende in Belgien: Wie Bürger den hohen Strompreisen trotzen

March 02
16:46 2023

Rasant steigende Strompreise lassen viele Verbraucher nach Alternativen suchen. In Belgien bieten Energiegenossenschaften erfolgreich grünen Strom zum kleinen Preis – und nutzen gleichzeitig der Nachbarschaft.

Ein dreistöckiges Haus mit 13 Zimmern, hohe Räume, eingerichtet im Art-déco-Stil. Alte Buntglasfenster, Holzschnitzereien, expressionistische Kunst. Hier, in der belgischen Stadt Eeklo, lebt Bernadette Vandercammen, 67, gemeinsam mit ihrem Mann. Ihre Energiekosten für das großzügige Haus: 170 Euro im Monat. Es ist weniger als die Hälfte dessen, was sieinzwischen mit ihrem alten Vertragzahlen müssten.

Dass die steigenden Energiepreise dem Renterehepaar nicht zu schaffen machen, liegt nicht nur an den gut isolierenden, schweren weinroten Vorhängen in ihrem Wohnzimmer und ihrem sparsamen Heizen im Winter. »Das macht Ecopower«, sagt Vandercammen und lächelt in den großen Raum. Ihr Mann nickt.

Die beiden sind Mitglied in Belgiens größter Energiegenossenschaft, gemeinsam mit 65.000 anderen Haushalten. Sie produziert und liefert ihren Mitgliedern grüne Energie zum Selbstkostenpreis. Verglichen mit den Branchenriesen ist Ecopower zwar ein Zwerg – aber ein populärer. Im vergangenen Jahr wollten dreimal mehr Menschen beitreten als versorgt werden können. Inzwischen gibt es einen Aufnahmestopp.

Ihre Wurzeln hat die Genossenschaft in Eeklo, Vandercammens Heimatstadt im Norden von Flandern. Das »Eco« im Namen stand einst für die ökologischen Überzeugungen der Gründerinnen und Gründer. Inzwischen ließe sich der Name aber auch problemlos als ökonomische Stromerzeugung übersetzen. In der derzeitigen Energiekrise bieten Ecopower und andere Genossenschaften Verlässlichkeit. Während andere spekulieren, panisch Preise erhöhen oder Kunden rauswerfen, bieten sie weiterhin günstigen Strom aus erneuerbaren Quellen an.

»Wir machen langfristige Verträge«, erklärt Jan de Pauw, der als Projektentwickler bei Ecopower arbeitet, die Prinzipien. »Wir versorgen nur unsere Mitglieder, zu einem verlässlichen Preis, ohne großen Gewinn.« Das Geschäft ist überschaubar, meist regional, kein multinationales Business. Der Strom von Ecopower stammt komplett aus eigener Erzeugung. Viele Kunden leben in Sichtweite der Windturbinen und Solarzellen, von denen sie mit Energie versorgt werden.

Belgien ist heute Vorreiter in diesem Bereich. Die Bedingungen hier seien gut, nach Dänemark habe man die europaweit besten Voraussetzungen für Windenergie, sagt de Pauw bei einer Besichtigung. Er zeigt über die weiten Felder. Viel Wind von der Nordsee, flaches Land. Doch es gibt auch noch andere Gründe. »Ich selbst wollte einfach nicht mehr, dass mein Geld jeden Monat an einen französischen Konzern geht«, sagt de Pauw.

Der belgische Staat ist gespalten in das französischsprachige Wallonien und das Niederländisch sprechende Flandern. Die Unterschiede haben das regionale Selbstbewusstsein geprägt, vieles wird heute vor Ort selbst gemacht und geregelt. Im Zweifel auch die Produktion von grünem Strom. Dem Rest Europas könnte das relativ egal sein, doch de Pauw ist überzeugt, hier zeigen zu können, wie universelle Probleme gelöst werden könnten.

Denn gegen die Windräder, die seine Genossenschaft hier aufstellen ließ, gab es kaum Proteste. De Pauw hat es genau nachzählen lassen. »Zehn mal weniger« Beschwerden habe es gegen die Vorhaben von Ecopower gegeben, wenn man es mit konventionellen Projekten vergleiche, sagt er. Und: »Auch diejenigen, die gar nicht mitmachen, akzeptieren den Ausbau.«

Gewinne für die Gemeinde statt für einen Großkonzern

Als »Nimby« werden diejenigen beschrieben, die in den vergangenen Jahren den Ausbau erneuerbarer Energien regelmäßig blockierten. Es steht für: »Not in my backyard« – nicht in meinem Hinterhof. In Bayern haben die Beschwerden dazu geführt, dass der Ausbau von Windrädern heute praktisch unmöglich ist. In Eeklo wurden unterdessen dreimal neue Windräder errichtet, zuletzt waren es gleich 14 Anlagen. Inzwischen wird in Eeklo mehr grüne Energie produziert, als der Ort verbraucht.

Die Unterstützung der Nachbarschaft sei aber nicht einfach flämische Folklore, sagt de Pauw. Die Bürger wüssten, dass sich der Ausbau für alle im Ort lohne. »Wir machen einfach das bessere Angebot.«

Um seinen Ansatz zu unterstreichen, zeigt er im Windpark auf zwei baugleiche Anlagen, die in 120 Metern Höhe ruhig surrend ihre Rotoren drehen. »Was ist der Unterschied?«, fragt de Pauw mit ausgestrecktem Arm. Dann antwortet er gleich selbst: »Das eine Windrad nützt nur dem Konzern, dem es gehört. Das andere ist von uns, und wir beteiligen die Menschen hier jährlich mit 10.000 Euro.«

20 Jahre derselbe Grundpreis

Um die Bevölkerung von seiner Genossenschaft zu überzeugen, organisierte er mehrere Monate lang Bürgerversammlungen, erklärte das Konzept, fragte nach Sorgen. Am Ende einigten sich Ecopower und Eeklo auf ein gemeinsames Konzept: Für jedes Windrad zahlen die Betreiber jährlich je 5000 Euro in einen lokalen Fonds für Klimaschutz und ebenso viel in einen für die Nachbarschaft. Zusätzlich bezahlt Ecopower der Stadt 20 Jahre lang einen Ingenieur, der sich vor Ort um die Energiewende und den Aufbau eines Fernwärmenetzes kümmern soll. Dieser Ingenieur ist de Pauw selbst.

Alles zusammen kostet die Genossenschaft nicht viel, hilft aber der Gemeinde. In den vergangenen Jahren war der Strom von Ecopower mit diesem Konzept etwas günstiger als Ökostrom konventioneller Anbieter. Es war ein Ökomodell, kein Sparangebot. Seitdem die Strompreise rasant gestiegen sind, ist es aber beides. Während die großen Anbieter ihre Preise teils verdreifachten, erhöhte die Genossenschaft nur moderat die Preise für die Infrastruktur und ihre Verwaltung. Der Grundpreis für die Energie aus jedem Windrad muss dagegen nur die Baukosten und später den Unterhalt decken. Er bleibt so 20 Jahre lang gleich.

Bob D’Haeseleer hat als damaliger stellvertretender Bürgermeister von Eeklo den Aufstieg der Genossenschaft fast zehn Jahre verfolgt. »Für unsere Gemeinde«, sagt er heute, »war Ecopower ein Glücksfall. Sie haben uns viele destruktive Diskussionen erspart und uns als Stadt mehr Einnahmen gebracht als konventionelle Anbieter.« Im Stadtrat sei das Beteiligungskonzept zum Ausbau der Windräder damals ohne eine Gegenstimme beschlossen worden.

Inzwischen weht in Eeklo jedoch ein anderer Wind. Bauern streiten sich darum, wer sein Grundstück an einen Windradbetreiber verkaufen kann. Das geplante genossenschaftliche Fernwärmenetz mit dem Großkonzern Veolia kommt nicht voran. Und die Stromkonzerne, die mit Ecopower die Konzession für den Windpark bekamen, zahlten anders als versprochen nichts in die lokalen Fonds ein, sagt D’Haeseleer. Doch während es in Eeklo hakt, wird die Idee der Energiegenossenschaft im Rest Europas zunehmend populärer.

Die EU-Kommission will seit 2019 Energiegenossenschaften zu einer weiteren Säule der Stromversorgung ausbauen. Die Argumente in Brüssel sind dieselben wie in Eeklo: mehr Unterstützung vor Ort, mehr Beteiligung der Bürger, ein verantwortungsvoller Umgang mit Energie.

Ecopower organisiert inzwischen den europäischen Dachverband vergleichbarer Organisationen, innerhalb weniger Jahre hat sich ihre Zahl vervielfacht. Auch in Spanien, Großbritannien oder Deutschland organisieren sich jetzt Interessierte, um regional gemeinsam Energie zu erzeugen. Neben den richtigen Genossenschaften gibt es auch immer mehr sogenannte FinCoops – junge Energieunternehmen, die Kunden mit genügend Kapital profitorientiert beteiligen.

»Trotz aller Erfolge müssen wir realistisch sein«, sagt Jan de Pauw. »Wir sind eine weitere Säule. Eine sehr wichtige. Aber wir können und wollen erst einmal nicht den gesamten Energiemarkt übernehmen.« Derzeit versorgen Genossenschaften gerade einmal zwei Prozent der Haushalte in Belgien. Der Anteil dürfte in den kommenden Jahren jedoch weiter steigen, eine Beteiligung von Kooperativen ist bei neuen Projekten inzwischen gesetzlich verankert.

In einem Modellprojekt der EU bekommen derzeit 100 bedürftige Familien statt Kostenzuschüssen selbst Genossenschaftsanteile. Die Ecopower-Kunden seien doppelt so sparsam wie der Rest, sagt de Pauw, die Beteiligung ermögliche vielleicht den Austausch von Tipps, Hinweise auf einen bewussteren Umgang mit Energie.

Das größte Projekt der kommenden Jahre wird jedoch ein anderes. Vor der belgischen Küste will Ecopower zusammen mit 32 anderen belgischen Genossenschaften erstmals auch Offshore-Windenergie erzeugen. Die 240 geplanten Windräder wären mit einer Leistung von je 15 Megawatt etwa achtmal stärker als die in Eeklo. Derzeit läuft die Ausschreibung, die Genossenschaften wollen sich mit 450 Millionen Euro an einem Konsortium beteiligen. Sollte der Plan aufgehen, entstünde ein Park, der Strom für 800.000 Haushalte produziert.

Für Bernadette Vandercammen sind andere Dinge an der Energiegenossenschaft bedeutender. »Mir ist nur wichtig, dass der Gewinn bei uns hier in Eeklo bleibt«, sagt sie.

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