{"id":931,"date":"2020-07-06T00:58:17","date_gmt":"2020-07-05T21:58:17","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/motorrader-die-motorradfahrer-protestieren-gegen-sich-selbst\/"},"modified":"2020-07-06T00:58:17","modified_gmt":"2020-07-05T21:58:17","slug":"motorrader-die-motorradfahrer-protestieren-gegen-sich-selbst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/motorrader-die-motorradfahrer-protestieren-gegen-sich-selbst\/","title":{"rendered":"Motorr\u00e4der: Die Motorradfahrer protestieren gegen sich selbst"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/3ffc0331-108f-4484-b4c4-04ec6fe30b6f_w948_r1.77_fpx52_fpy58.jpg\" title=\"Motorradprotest in Friedrichshafen: Zehntausende knatterten am Samstag mit ihren Maschinen durch Deutschland\" alt=\"Motorradprotest in Friedrichshafen: Zehntausende knatterten am Samstag mit ihren Maschinen durch Deutschland\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Motorradprotest in Friedrichshafen: Zehntausende knatterten am Samstag mit ihren Maschinen durch Deutschland<\/p>\n<p> Philipp von Ditfurth\/ dpa <\/figcaption><\/figure>\n<p>Erwartet worden war h\u00f6chstens ein Drittel. Aber das Wetter war ideal, also wurden es 10.000 in Karlsruhe, 8000 in Stuttgart, 6000 in M\u00fcnchen, 5000 in Friedrichshafen am Bodensee. Das war, allein schon wegen der einsch\u00fcchternden Ger\u00e4uschkulisse, eine beeindruckende Machtdemonstration. Massenhaft haben Motorradfahrerinnen und -fahrer am Samstag in etlichen St\u00e4dten der Republik gegen m\u00f6gliche Fahrverbote protestiert.<\/p>\n<h3>Aber gegen wen genau, wof\u00fcr?<\/h3>\n<p>Allein in Wiesbaden sollen es mehr als 7.500 gewesen sein, mit abschlie\u00dfender \u00dcbergabe einer Petition im hessischen Landtag. W\u00e4hrend die Motorradfahrer die komplette Innenstadt und zeitweise auch die Autobahn lahmlegten, fielen die 600 zeitgleich am Hauptbahnhof protestierenden &quot;Black Lives Matter&quot;-Aktivisten nicht weiter ins Gewicht. Es gab offenbar Wichtigeres. Und Lauteres.<\/p>\n<p>Vielleicht haben aber gerade die ohrenbet\u00e4ubenden Kundgebungen dazu beigetragen, dass der eine oder andere &quot;Wutrocker&quot; ein wenig hellh\u00f6riger wurde f\u00fcr die Bed\u00fcrfnisse anderer Leute.<\/p>\n<p>Die Szene hat Nachwuchsprobleme, kennt aber keine klassischen &quot;Rocker&quot; mehr &#8211; auch wenn sich manche Fahrer bisweilen noch gerne als Peter Fonda verkleiden oder &quot;Sons Of Anarchy&quot; nachspielen. Es ist nicht einmal eine Szene, sondern der vielbeschworene &quot;Querschnitt durch die Gesellschaft&quot;.<\/p>\n<h3>Die Gesellschaft f\u00e4hrt Motorrad<\/h3>\n<p>Motorrad f\u00e4hrt der Erzieher, die Rechtsanw\u00e4ltin, der Ingenieur, die B\u00e4ckereifachverk\u00e4uferin, der Abgeordnete, die Journalistin und der Student. Wer ein erschwinglicheres Fortbewegungsmittel als das Motorrad sucht, muss schon aufs Fahrrad umsteigen. Aber damit kommt man nicht in drei\u00dfig Minuten aus der Innenstadt von K\u00f6ln ins Bergische Land oder in drei Tagen nach Alicante.<\/p>\n<p>Das Gros der Motorradfahrenden tritt selten so geballt auf wie am vergangenen Samstag.<\/p>\n<p>Es zerstreut sich auf die landschaftlich sch\u00f6nen Strecken, ins kurvige Hinterland. Sehr zum Leidwesen vieler Anwohner, die genau dort im Garten bisweilen ihr eigenes Wort nicht mehr verstehen k\u00f6nnen. Das Geheul und Gejodel wie aus der Vuvuzela st\u00f6rt nicht einfach nur die Ruhe, es sch\u00e4digt auch die Gesundheit \u2013 vergleichbar einem Leben in der Abflugschneise eines gro\u00dfen Flughafens. Was der motorisierte Mensch genie\u00dfen will, macht er durch seine Pr\u00e4senz zunichte. Das alte Dilemma des Tourismus.<\/p>\n<p>Verst\u00e4ndlich also, dass der Bundesrat nun die Bundesregierung zu konkreten \u2013 teils absurden, teils logischen \u2013 Schritten zur &quot;wirksamen Minderung und Kontrolle von Motorradl\u00e4rm&quot; aufgefordert hat. F\u00fcr eine Massenmobilisierung der notorisch vereinzelten Kradpiloten sorgte vor allem die Erw\u00e4gung von &quot;zeitlich begrenzten Verkehrsverboten an Sonn- und Feiertagen aus Gr\u00fcnden des L\u00e4rmschutzes&quot;.<\/p>\n<h3>An der Streckensperrung h\u00f6rt der Spa\u00df auf<\/h3>\n<p>Denn wo der Spa\u00df nicht weitergeht, weil Streckensperrungen und auch nur tempor\u00e4re Fahrverbote ihm Einhalt gebieten, da h\u00f6rt selbst f\u00fcr die gutm\u00fctigste Motorradfahrerin der Spa\u00df auf. Da wird sie zur Staatsb\u00fcrgerin, die Gebrauch macht von ihrem grunds\u00e4tzlichen Recht, sich notfalls auch &quot;ohne Anmeldung oder Erlaubnis friedlich und ohne Waffen zu versammeln&quot; (Art. 8 GG) \u2013 oder halt auf ihrer 200-PS-Kawasaki mit einem Endschalld\u00e4mpfer vonAkrapovi\u010d, der durchaus als Schallwaffe angesehen werden kann.<\/p>\n<p>Schon im Vorfeld konnte man in zahlreichen Foren wie unter einer Lupe die Blitzpolitisierung noch der Unpolitischsten beobachten. Schlie\u00dflich ist das Motorrad nicht trotz, sondern gerade wegen seiner herrlichen Idiotie ein Synonym f\u00fcr Freiheit. Ein gef\u00e4hrlicher Quatsch, der niemals auf die Stra\u00dfe d\u00fcrfte, w\u00e4re erst vorgestern erfunden worden und in Wahrheit \u00e4lter noch ist als das Automobil. Ein Unsinn, den zu verbieten &quot;die da oben&quot; bisher vergessen haben.<\/p>\n<p>So verwandelten sich die &quot;zeitlich begrenzten Verkehrsverbote&quot; in sozialen Netzwerken flugs in &quot;Fahrverbote&quot;. Es folgten emp\u00f6rte Kommentare wie &quot;Mit uns k\u00f6nnen sie&#039;s ja machen!&quot;, &quot;Was wollen sie denn noch alles verbieten?&quot; und &quot;So f\u00e4ngt Diktatur an!1!&quot;. Immerhin wurde, wer gegen &quot;das Merkel&quot; und &quot;gr\u00fcnes Gutmenschentum&quot; wetterte, schnell in die Schranken gewiesen. Auch sind AfD-Sympathisanten, die auf der Emp\u00f6rungswelle surfen wollten, bald erkannt und aussortiert worden. Pegida ist, scheint\u2019s, mit dem &quot;Querschnitt der Bev\u00f6lkerung&quot; nicht zu machen.<\/p>\n<p>Stattdessen f\u00fchrte das Aufbegehren gegen ein Fahrverbot (wegen L\u00e4rm) dazu, dass Zehntausende in den Innenst\u00e4dten einen schrecklichen L\u00e4rm machten. Intuitiv keine Glanzleistung, performativ aber verst\u00e4ndlich. Motorradfahrerinnen sind auch W\u00e4hler, und sie sind \u00fcberdies Kunden beispielsweise jener Gastronomen und Herbergen in abgeh\u00e4ngten Gebieten, die ohne diese Form von Knattertourismus nur noch landschaftsmusealen Wert h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Augenf\u00e4llig wurde am Samstag ein klassisches Problem, bei dem sozusagen Br\u00f6sel gegen Kant steht:&quot;Wir sind die Wilden und nicht zu z\u00fcgeln, wenn wir \u00fcber alle Pisten b\u00fcgeln&quot;, sangen Torfrock in der &quot;Werner&quot;-Hymne &quot;Beinhart&quot; und bringen damit das rebellische Lebensgef\u00fchl des Motorradfahrers ganz gut auf den Punkt.<\/p>\n<p>Immanuel Kant entgegnet<em>, <\/em>dass &quot;die Freiheit des Einzelnen&quot;, sich beim Hochdrehen am Schl\u00fcrfen seiner offenen Dell\u2019Orto-Vergaser zu erfreuen, dort endet, wo &quot;die Freiheit des Anderen beginnt&quot;, etwa als Anwohner der betreffenden Pisten von derlei akustisch \u00fcberschie\u00dfender Lebensfreude unbehelligt zu bleiben.<\/p>\n<p>Und aber halt auch umgekehrt \u2013 wie immer, wenn &quot;berechtigte Interessen&quot; miteinander kollidieren. Interessen \u00fcbrigens, die der Bundesrat mit seinem Beschluss &quot;in einen fairen Ausgleich&quot; bringen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Meine Freiheit, mit der Guzzi durch den Taunus zu bollern, steht demnach gar nicht zur Disposition. Es ginge darum, dass ich das Bollern verantwortungsvoll gestalte.<\/p>\n<p>Es ist zur Kenntnis zu nehmen, dass das Wispertal nicht der N\u00fcrburgring ist. Es ist ratsam, sich an Tempolimits zu halten. Es ist freundlich, untertourig statt im ersten Gang durch Ortschaften zu fahren. Es gibt jenseits hormoneller Notwendigkeiten keinen Grund, im Stand vor einer Ampel am Gashahn zu drehen. Es ist gerade bei modernen Maschinen nicht n\u00f6tig, sie nach jeder Spitzkehre bis in den roten Bereich zu drehen.<\/p>\n<h3>Demo gegen sich selbst<\/h3>\n<p>Es ist eigentlich ganz einfach. Wem tats\u00e4chlich an einem Miteinander gelegen ist, sollte zumindest in Erw\u00e4gung ziehen, dass nicht jeder Anwohner das Gewittern seiner Harley f\u00fcr ein Geschenk der G\u00f6tter h\u00e4lt. Andernfalls machen die Anwohner politischen Druck. So geht das.<\/p>\n<p>Im Grunde haben die Motorradfahrerinnen und -fahrer am Samstag also gegen sich selbst demonstriert. Gegen die schwarzen Schafe in den eigenen Reihen, die mit Auspuffen aus dem florierenden Zubeh\u00f6rhandel herumgondeln. Gegen Hersteller, die ihre Produkte unn\u00f6tig mit Auspuffklappen ausstatten \u2013 teilweise per Knopfdruck zu \u00f6ffnen, damit\u2019s bei Bedarf sch\u00f6n &quot;sinnlich&quot; beziehungsweise &quot;asozial&quot; wird. Alles Punkte \u00fcbrigens, die auf Automobile ebenso zutreffen. Oder, mit Einschr\u00e4nkungen, auf die Szene der sonnt\u00e4glichen Laubbl\u00e4ser.<\/p>\n<p>Anzusetzen w\u00e4re also nicht pauschal, sondern beim einzelnen Fahrer. Und bei einer Industrie, die sich in Sachen PS und dB seit Jahren ungehindert ein Wettr\u00fcsten liefert.<\/p>\n<p>B\u00fcrokratische H\u00fcrden helfen nur bedingt. In Tirol haben die Beh\u00f6rden bereits streckenweise Einschr\u00e4nkungen durchgesetzt. Fahrverbote gelten dort f\u00fcr Maschinen mit mehr als 95 eingetragenen Dezibel. Die Ducati Multistrada, mit der die \u00f6sterreichische Polizei die Verbote durchsetzen muss, macht einen L\u00e4rm von 102 Dezibel. Ab Werk. <\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Motorradprotest in Friedrichshafen: Zehntausende knatterten am Samstag mit ihren Maschinen durch Deutschland Philipp von Ditfurth\/ dpa Erwartet worden war h\u00f6chstens ein Drittel. 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